Beim Sterben zusehen? Nein danke
Wenn Sie glauben, die schmilzende kleine deutsche Regierungskoalition sei qualitativer Spitzenreiter in dieser Disziplin, dann halten Sie bitte mal die folgenden Beispiele dagegen. Der Deutschlandfunk, der in Kürze sein Programm selbst zerstört, machte seine Mittagsnachrichten heute damit auf. Im Radio allerdings ohne die kritischen Anmerkungen seines hessischen Landeskorrespondenten. Ich musste lachen. Was soll mann sonst tun? Weinen etwa?
Da hat es mein ehemaliger „Parteifreund“ Kubicki („Das wars mit der FDP“), mit dem zusammen ich 1977 einen Jungdemokraten-Bundesvorstand gestürzt habe, es nochmal in (ehemalige) Massenmedien, die einzige Währung, die neben Kapital für ihn zählt, geschafft. Eine verstorbene Partei und ein nicht minder im Iran politisch Toter mit dem Beruf „Monarchensohn“ tun sich zusammen, und deutsche Agenturen und Medien fallen drauf rein. Chapeau.
Kommen wir zu Wichtigerem. Der „Bericht aus Berlin“, in meiner Jugend als „Bericht aus Bonn“ noch ein journalistisches Flaggschiff seiner sendenden Anstalt (damals WDR, heute ARD), kündigt für seine morgige Ausgabe an: „Hört ihr uns? Welche Konsequenzen zieht die Politik aus den Protesten der Gen Z?“ und beantwortet seine Frage gleich selbst. Denn Studiogäste sind der SPD-Fraktionsvorsitzende und ein Jugenddarsteller der CDU. „Truth is Stranger than Fiction“.
Wenn Sie nun glauben, ich habe oben den WDR gelobt, dann nehmen Sie das als Korrektur. Ich überspringe lieber das rechte Gästecasting von Frau Maischberger (Sender: WDR), über das ich mit meinem Freund Küppi gelegentlich verschiedener Meinung bin, obwohl er diese Typen hier selbst aufs Korn nimmt (ab Minute 23:45), sondern belege es mit der Fortführung zweier Kampagnen (hier und hier), bei denen der WDR sogar ein Aktionsbüündnis mit dem siechenden „Kölner Stadt-Anzeiger“ eingegangen ist.
Allein die Erfindung und der fortgesetzte Einsatz des Framing-Begriffs „Fluchtministerium“ verrät das Geistes Kind seiner penetranten Verwender. Die AfD darf sich zurücklehnen und warten, bis ihr diese Früchte in den Schoss fallen. Ganz wie es, siehe unten, ihre französischen Gesinnungsbrüder können.
Alternativen
Wer mehr Substanzielles über die Dialektik zwischen herrschender Politik, herrschenden (ehemaligen) Massenmedien und die aktuelle Protestbewegung im kapitalistischen Europa erfahren will, die*der studiere so, wie es Andreas v. Westphalen/telepolis mit französischer Gattin und Zugang zu originalen Erfahrungen, bei telepolis macht: „Frankreich: Der Schuldige für die Gewalt steht fest, die Beweise fehlen – Die Regierung macht die Linkspartei für Ausschreitungen verantwortlich. Recherchen nähren Zweifel – und einen brisanten Verdacht. Eine politische Betrachtung.“
Ähnlichkeiten mit Deutschland sind nicht zufällig. Unterschiede freilich auch nicht.
Werden wir zum guten Schluss lieber inhaltlich und politisch. Mit dieser lesenswerten Buchrezension von Isabella M. Webers Bestseller „Antifaschistische Wirtschaftspolitik“ von Kurt Hübner/bruchstuecke: „Antifaschistische Wirtschaftspolitik als linke Politfolklore – Wenn es der Debatte nicht zugutekäme, könnte man als Wirtschaftswissenschaftler glatt neidisch werden. Isabella Weber ist es gelungen, die Feuilletons der deutschen Medien zu besetzen und die Bestseller-Listen hinaufzuklettern. Ihr Buch zur ‚antifaschistischen Wirtschaftspolitik‘ macht Schlagzeilen weit über die linke Politszene hinaus. Das mag zum einen angesichts der trostlosen Szenerie des deutschen ökonomischen Mainstreams nicht weiter verwunderlich sein. Zum anderen ist anzumerken: Bisher hat das noch kein Wirtschaftswissenschaftler jenseits des orthodoxen marktorientierten Mainstreams erreicht.“
Ich meine, den Kerl in meiner Jugend mal bei Juso-Bundeskongressen als Vertreter der Stamokap-Fraktion reden gehört zu haben. Das kann aber angesichts des häufigen Namens auch eine Verwechslung sein 😉 . Der damalige Hübner war jedenfalls ein kluger Kerl. Und dieser ist es offenbar auch. Und das war damals bei den Jusos, und ist heute unter deutschen Wirtschaftswissenschaftler*inne*n eine exotische Seltenheit.

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