Die punitive Wende in Lateinamerika
Die Debatte über die Absenkung des Strafmündigkeitsalters ist aktuell ein größeres Thema in Lateinamerika, besonders dort, wo Regierungen mit harter Sicherheitsrhetorik, der Politik der „mano dura“, arbeiten. Schlagzeilen in diesem Kontext lauten etwa: „Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren sollen in Argentinien künftig zu bis zu 15 Jahren Haft verurteilt werden können.“ Dabei geht es fast immer um Jugendkriminalität, organisierte Kriminalität und die politische Inszenierung von „Ordnung“ und „Sicherheit“. Diese Politik ist Ausdruck einer politischen Neuordnung Lateinamerikas.
Man kann inzwischen von einer konservativen beziehungsweise punitiven („strafenden“) Wende sprechen, wobei sich ein Muster durchzieht: Die steigende Angst vor Gewalt und Narcokriminalität legitimiert offenbar Ausnahmezustände und Militarisierung. So werden Forderungen nach härteren Strafen gegen Jugendliche laut, inszeniert in medialen Kampagnen über „kriminelle Minderjährige“, wie beispielsweise in der Kampagne „Brasil Unido contra o Crime“ im Jahr 2024. Dabei wurden im Fernsehen und in den sozialen Medien Gewalt, Jugendkriminalität und organisierte Kriminalität stark emotionalisiert dargestellt. Bilder von Polizeieinsätzen und bewaffneten Jugendlichen erzeugten den Eindruck einer außer Kontrolle geratenen Jugendgewalt.
Die politische Sprache ähnelt dabei auffällig oft dem Narrativ aus El Salvador, denn Präsident Nayib Bukele ist zum Vorbild einer ganzen Generation konservativer und neoliberaler Sicherheitsstrategen geworden. Das Parlament in El Salvador hat im April 2026 eine Reform des Jugendstrafgesetzes verabschiedet, die es ermöglicht, Minderjährige bei schweren Straftaten wie Mord, Vergewaltigung und Terrorismus zu lebenslanger Freiheitsstrafe zu verurteilen. Die Maßnahme ist Teil eines umfassenden Reformpakets, das die Regierung im Rahmen ihrer Sicherheitspolitik gegen kriminelle Banden vorantreibt. Bukeles Modell basiert auf der nahezu vollständigen Aussetzung rechtsstaatlicher Garantien im Namen der Kriminalitätsbekämpfung. Dass von dieser punitiven Politik auch Tausende Jugendliche betroffen sind, kümmert die Regierung nicht. Darin liegt die eigentliche Verschiebung: Die Diskussion über Jugendstrafrecht wird nicht mehr aus kinderrechtlicher oder sozialpolitischer Perspektive geführt, sondern fast ausschließlich sicherheitspolitisch. Jugendliche erscheinen in diesen Debatten nicht mehr als Menschen, die unter Armut, Ausschluss oder Gewalt leiden, sondern als „Risiko“, das kontrolliert werden müsse.
Besonders sichtbar wird diese Entwicklung derzeit auch in Ecuador. Unter Präsident Daniel Noboa hat sich das Land innerhalb kurzer Zeit zu einem Laboratorium für den neuen Sicherheitsstaat entwickelt. Offiziell richtet sich die Politik gegen den Einfluss der organisierten Kriminalität. Tatsächlich aber verschiebt sich, wie Jugendliche von der Gesellschaft wahrgenommen werden: Arme, junge und überwiegend rassifizierte Menschen gelten zunehmend nicht mehr als Schutzbedürftige, sondern als potenzielle Bedrohung. Auch in Peru zeigte sich zuletzt, wie weit diese Entwicklung bereits fortgeschritten ist. Dort hat die Regierung versucht, Jugendliche ab 16 Jahren bei schweren Straftaten wie Erwachsene zu behandeln. Erst das Verfassungsgericht stoppte die Reform und verwies auf internationale Kinderrechtsstandards. Doch die Forderung ist längst nicht vom Tisch.
Sicherheit statt Sozialpolitik
In vielen Ländern werden soziale Krisen zunehmend mit repressiven Mitteln beantwortetet. Gleichzeitig verschärfen Regierungen ihre neoliberale Sparpolitik, kürzen Sozialprogramme und schränken Daseinsvorsorge ein. Wo soziale Absicherung verschwindet, wächst der Ruf nach Kontrolle. Der Fokus auf Sicherheit ersetzt Sozialpolitik, und zwar auf Kosten der Jugend.
Auch das moderate, mitte-links regierte Uruguay folgt dem punitiven Trend. Im Jahr 2014 scheiterte zwar ein Referendum zur Senkung der Strafmündigkeit von 18 auf 16 Jahre knapp mit 53,2 Prozent der Stimmen gegen die Reform, dennoch konstatieren Studien seitdem einen deutlichen Ausbau repressiver Jugendstrafpolitik. Forschende wie der Soziologe Luis Eduardo Morás argumentieren, dass Jugendliche in politischen und medialen Sicherheitsdiskursen zunehmend als Ursache gesellschaftlicher Unsicherheit dargestellt werden, obwohl empirische Daten keine überproportionale Beteiligung Jugendlicher an schwerer Gewaltkriminalität belegen. Studien verweisen außerdem darauf, dass Uruguay inzwischen zu den Ländern mit den höchsten Raten an jugendlicher Freiheitsentziehung in Lateinamerika zählt, obwohl die Zahl schwerer Delikte durch Jugendliche vergleichsweise gering bleibt. Deshalb greift es zu kurz, die Debatte allein auf populistische Figuren wie Javier Milei oder den Bolsonarismus in Brasilien zu reduzieren. Die autoritäre Wende ist breiter. Sie zeigt sich in den Sicherheitsdoktrinen Ecuadors ebenso wie in den politischen Diskursen Perus, Chiles oder Uruguays.
Auch in Deutschland kehrt die Debatte um eine Herabsetzung der Strafmündigkeit nach schweren Gewalttaten regelmäßig zurück. Kriminologische Studien zeigen jedoch, dass schwere Straftaten durch Kinder selten sind und die langfristige Entwicklung keinen generellen Anstieg der Jugendkriminalität belegt. Expert*innen betonen zudem, dass strafrechtliche Reife nicht an einer festen Altersgrenze festgemacht werden könne, da sie sich individuell entwickele. Gleichzeitig weisen Studien darauf hin, dass früher Kontakt mit dem Justizsystem Folgen wie höhere Rückfallquoten und schlechtere Bildungswege haben kann. Deshalb wird eine Absenkung der Strafmündigkeit von vielen Fachleuten weiterhin abgelehnt.
Katharina Müller ist aktuell Praktikantin bei der ila und studiert Regionalstudien Lateinamerika an der Universität zu Köln. Dieser Beitrag ist eine Übernahme aus ila 496 Juni 2026, hrsg. und mit freundlicher Genehmigung der Informationsstelle Lateinamerika in Bonn.

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