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Digitaler Wochenrückblick 19. Juli 2026 – voll analog!

Das Bonner Grundsteuer-Abenteuer

Wer als Eigenheimbesitzer die letzten Tage im Briefkasten gewühlt hat, der fand zwischen Rechnungen, Werbung und Wochenzeitungen die beliebte Abrechnung mit den Bürgern, und zwar: den Grundsteuerbescheid.

Gewerbetreibende profitieren von der Absenkung des Hebesatzes von 900 auf 680 Punkte, weil unterschiedliche Hebesätze als rechtsunsicher eingestuft wurden. Gleiches gilt für Wohnungen in Mehrfamilienhäusern, der Hebesatz wurde von 657 auf 680 Punkte erhöht. Die Mehrkosten sind ärgerlich, aber noch finanzierbar. In ihrer Selbstbedienungsmentalität hatte die Stadt Bonn schon von 732 Punkten geträumt.

Aber es gibt noch eine Einkommensgruppe, die sich brachialer ausnehmen lässt: Die Eigenheimbesitzer, denn deren Grundsteuermessbetrag liegt aufgrund der Grundstückgröße und Bodenrichtwertes grundsätzlich viel höher – ist also insgesamt unverhältnismäßig teurer. Dazu kommt der neue Hebesatz von 680 zur Anwendung, das kloppt einem das Bodenblech raus. Eine Steigerung von rund 1000 Euro zum Vorjahr, ist sicherlich nur eine Zahl, spannender wird es, wenn der prozentuale Anstieg herangezogen wird, dann sind das satte 76,1 Prozent. Halte ich die allgemeine Inflationsrate von zwei bis drei Prozent daneben, ist das selbst bei einer vorhersehbaren und verantwortungsvollen Haushaltsplanung ein nicht kalkulierbares Risiko, was die Stadt uns hier abverlangt.

Wer altersbedingt schon den Umzug vom bezahlten Eigenheim auf den Friedhof plant, den mag es auf den letzten Metern nicht mehr interessieren. Anders Familien, die mit Kindern für Kaufkraft und Leben in der Stadt sorgen und unsere Zukunft gestalten sollen. Deren Eigenheime sind noch lange nicht getilgt und – im Gegensatz zu Beschäftigen im öffentlichen Dienst – sind sie vom Arbeitsmarkt direkt abhängig.

Wenn also im Schnitt ein Eigenheimbesitzer drei Viertel mehr in den Stadtsäckel abführt, sollte der bei allen Verwaltungsangelegenheiten in Bonn eine bevorzugte Behandlung erfahren. Also zum Beispiel im Stadthaus nicht mehr im Wartesaal Platz nehmen, sondern eine klimatisierte Lounge mit Kaffee und Erfrischungen wäre selbstverständlich. Die Bürgersprechstunde beim OB mit kurzen Wartezeiten nach einem Anruf, eine Hotline für Eigenheimbesitzer für alle Verwaltungsangelegenheiten und kein PDF-Desaster auf Formularseiten. Besser noch: der ÖPNV wäre für alle diese Zahler frei und auf besonders frequentierten Linien in Bus und Bahn müssten abgetrennte 1. Klasse-Abteile eingeführt werden.

Als Vorbild dient unser OB Déus, der sich erstmal für 25000 Euro einen Luxus-BMW mit Fahrer mietet, als Überbrückung, bis sein Dienstwagen reisefertig ist, berichtet der General-Anzeiger. Sicherlich kann ich den Hang zum nackten Luxus nachvollziehen, als freiberuflicher Dekadenzberater bin ich ebenfalls auf eine Luxuslimousine der Oberklasse mit Massagesitzen hinten wie vorn angewiesen, die aber kaum mehr als 500 PS hat – das muss reichen im Stadtverkehr. Aber so teuer wie beim OB war die Kiste nicht, hätte ich ihm besser vermietet, nicht billiger – es wäre auch kein ordinärer BMW, ein wenig mehr prunkvolle Eleganz gibt es für den Preis.

Wir müssen Verständnis haben, Katja Dörner war sparsamer, sicherlich. Sie hatte noch nicht die neue Grundsteuer im Rücken – Déus braucht für diesen Luxus nur 25 Eigenheimbesitzer ausnehmen, gibt doch genug, der Rest kommt dieses Jahr – abgebucht haben sie schon, ein wenig zu spät.

Verwaltungsakte dauern eben und zu Ferienbeginn ist das auch praktisch, denn bis die Mehrzahl zurück ist, sind die Widerspruchsfristen abgelaufen. So wird Trägheit zum Trumpf. Sicherheitshalber habe ich meinen Einspruch abgeschickt, der landet dann bei einer Fritte im mittleren Dienst, die fragt, „was soll ich denn damit machen?“ und hört „Schick ’ne Eingangsbestätigung, dann kannst das abheften. Wir geben später eine KI-generierte Sammelantwort, die können eh nix machen, die sind zu Zahlung verpflichtet, was wir sagen hat Gesetzeskraft.“ Stimmt leider, ich riskiere wahrscheinlich sogar eine Anzeige wegen Störung der Verwaltungsruhe, wenn ich nach drei Monaten die erste Untätigkeitsbeschwerde einreiche.

Ein allgemeiner Gleichbehandlungsgrundsatz ist bei dieser Art der Plünderung nicht erkennbar. Bleibt die Frage, was haben wir davon? Oder sollte ich fragen, was hatten wir davon? Politik muss uns ja nicht Spaß machen, sondern die Pracht und die Herrlichkeit derer nähren, die sich berufen fühlen.

Warum wählen wir die eigentlich …

Über Christian Wolf:

Avatar-FotoChristian Wolf (M.A.) ist Autor, Filmschaffender, Medienberater, ext. Datenschutzbeauftragter. Geisteswissenschaftliches Studium (Publizistik, Kulturanthropologie, Geografie), freie Tätigkeiten Fernsehen (RTL, WDR etc.) mit Abstechern in Krisengebiete, Bundestag Bonn und Berlin, Dozent DW Berlin (FS), Industriefilme (Würth, Aral u.v.m), wissenschaftliche und künstlerische Filmprojekte, Projekte zur Netzwerksicherheit, Cloudlösungen. Keine Internetpräsenz, ein Bug? Nein, Feature. (Digitalpurist/IT-Blasphemiker)

Ein Kommentar

  1. Avatar-Foto
    Martin Böttger

    “… was die Stadt uns hier abverlangt.”
    “uns” ist in diesem Problemzusammenhang statistisch weniger als 25%. Eigenheimbesitzer*innen gehören zur vermögenden Minderheit der Bevölkerung.
    https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Wohnen/Tabellen/tabelle-eigentumsquote.html
    Nach meiner persönlichen Meinung ist die Grundsteuer – ich zahle sie auch für eine Eigentumswohnung – generell in dieser Republik viel zu niedrig. Wie gerecht oder ungerecht ihre konkrete Ausgestaltung ist, entzieht sich allerdings meiner Kenntnis. Der Spielraum der Kommune ist dabei vom Gesetzgeber vorgegeben. Die/der sitzt in Berlin. Und lässt sich dort von Haus&Grund lobbyieren, bis die Schwarte kracht …

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