Der Bonner Stadtbahn-Notstand – ich kenne ihn seit 7 Jahren, bekannt ist er seit mindestens 12

Hätte doch mal irgendein journalistisches Medium in unserer Region in den letzten 10 Jahren seine (Recherche-)Arbeit gemacht. “Recherche” – was ist das? Zunächst mal das Gegenteil von Abschreiben. Von Presseerklärungen zum Beispiel. Es beginnt mit Telefonieren. Mit Mitmenschen, die fachlich etwas von einer Sache verstehen, mehr jedenfalls als Journalist*inn*en, deren Fachlichkeit von ihren Arbeitgebern offensiv bekämpft wird. Womöglich trifft sich die*der Recherchierende mit Betroffenen, direkt am Problem Beteiligten oder kompetenten Wissenschaftler*inne*n persönlich, um sich Zusammenhänge und Hintergründe erklären zu lassen. Um sie zu verstehen. Das kostet Zeit und macht Arbeit. Und die Arbeit kostet die*den Arbeitgeber*in sein heissgeliebtes Kapital.

Eine Grundvoraussetzung für das Recherchieren ist das Lesen. Nicht nur die Produkte der Konkurrenz, um diese abzuschreiben (“Herdentrieb”), sondern auch von Fach- und Nischenmedien.

Wer zum Beispiel den Beueler Extradienst gelesen hätte, wüsste seit 2019 von den technischen Problemen mit dem Waggonmaterial der Stadtwerke Bonn. Wer Fahrgast war, weiss es noch länger. Und wer dort arbeitet, weiss es meinem damaligen Bericht zufolge seit weit über 10 Jahren.

Nun sind die Kinder im Brunnen, und es wird nicht nur richtig teuer, sondern auch katastrophal im Betriebsablauf und im Bonner Regionalverkehr, der sich an seinen Katastrophenmodus zu gewöhnen beginnt, wie es nur wir Rheinländer*innen vermögen. Zum SWB-Betriebsablauf besteht nun seit gefühlt Jahrhunderten die Frage, wann die Chefs und Aufsichtsräte ihren Beschäftigten mal zugehört haben, wenn die Probleme (intern) benannten. Zuhören ist übrigens allererste Recherchepflicht.

Es ist imgrunde wie mit der Nordbrücke. Das Problem ist seit Jahrzehnten bekannt, aber noch lange kein Grund für irgendein Massenmedium, der Sache selbstständig themensetzend (“Agendasetting”) journalistisch nachzugehen. Aber wenn es Randale gibt, Unfälle mit oder ohne Tote, oder eine Brücke einstürzt, müssen die eigenen Kameraleute und Fotografen fünf Minuten früher zur Stelle sein, als die von den Andern.

“Vierte Gewalt”? Haben wir gelacht …

Über Martin Böttger:

Avatar-FotoMartin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
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