Prozesse, deren Ausgang noch nicht entschieden ist

Die linksintellektuelle Zeitschrift “Das Argument” habe ich irgendwann aus den Augen verloren. In jungen Jahren und während des Studiums gehörte sie zur Pflichtlektüre insofern, dass ich mindestens immer einen Blick hineinwarf, ob sich für meinen Verstand relevantes darin fand. Doch irgendwann war es mir “zu hoch” geworden, zu weit abgedreht von politischer Praxis. Meiner zumindest. Heute machte ich eine Entdeckung. Und das kam so.

Die “linksradikale” Junge Welt gehört zu meinem täglichen Pensum von ca. 30 Onlineportalen. Wie ihre klassenfeindliche Konkurrenz operiert sie mit schnöden Paywalls, um das kostenlose Klügerwerden in einem kontrollierbaren Rahmen zu halten. Ihre Rubrik “Thema”, in der mitunter anspruchsvollere Texte erscheinen, wird nach 24 Stunden für wenige Tage paywallfrei geschaltet, um dann auf Nimmerwiedersehen im beschrankten Archiv zu verschwinden.

Heute z.B.. entdeckte ich das:

Jan Rehmann: USA: Todestrieb der Techfaschisten – Vorabdruck. Die US-amerikanische Rechte verfolgt ein oligarchisches Klassenprojekt, um ihre globale wirtschaftliche Vorherrschaft zu sichern. Erkundungen zur Faschisierung in den USA”

Ein kluger Kerl, dieser alte Mann (73), sein Wikipedia-Eintrag verweist auf Homepages, die nicht mehr aktiv sind. Aber hier eine, die noch funktioniert. Und hier weitere paywallfreie Texte von ihm.

Ich habe mir nun aus seinem oben empfohlenen Junge-Welt-Text einige Zitate gesichert, an denen ich Sie teilhaben lassen will. Wenn Sie das lockt, den Text (schnell) komplett zu lesen. haben sie ihren Sinn erfüllt. Die Links wurden von mir eingefügt (aus seinen Fussnoten entnommen).

“Die Hightechunternehmen können nur rentabel werden, wenn sie mit dem Militär kooperieren.

Auch Jeffrey Epstein war ein transhumanistischer Prepper, der zahlreiche Wissenschaftler finanzierte, um die Eugenik wiederzubeleben und hunderte Frauen mit seinem Sperma zu befruchten.

Naomi Klein und Astra Taylor beobachten einen transhumanistischen Akzelerationismus an der Macht, der die Vorstellung einer lebbaren Welt hier auf Erden aufgegeben hat, eine Art »apokalyptisches Fieber«, das sowohl evangelikal als auch säkular begründet wird.

Judith Butler zufolge wissen die Trump-Anhänger*innen meist genau, dass Trump lügt und manipuliert, und sie bewundern gerade die Macht, die es ihm ermöglicht, dies zu tun, wie es ihm passt: Wir müssen die freudige Erregung begreifen, mit der diese Macht zur Lüge und zum Hass als eine Befreiung erlebt wird.

Im Trumpismus fungieren Geschlecht und Sexualität als zentrale Topoi zur Gewinnung einer »Hegemonie durch Geschlechterpanik«

Aber auch wenn das jüdische Feindbild hinter dem des islamischen Terrorismus zurückgetreten ist, wird es in der Denunziation der »liberalen Juden« immer wieder neu reaktiviert.

Angela Davis beschrieb 1971 den US-Faschismus als einen »langwierigen sozialen Prozess«, der sich v. a. im Strafsystem gegen unterdrückte nationale Minderheiten manifestiert, aber jederzeit auf die Arbeiter*innenklasse als Ganze und schließlich sogar auf gemäßigte Demokrat*innen übertragen werden kann. Der Trumpismus ist ein angestrengter Versuch dieser Verallgemeinerung.

Der offensichtliche Bruch zahlreicher Wahlversprechen könnte zur Folge haben, dass das Bündnis zwischen Technoelite und populistischer Basis wieder zerbricht. Aber dies ist davon abhängig, ob der Widerstand gegen den Trumpismus eine sozialpolitische Stoßkraft und zugleich eine Breite entwickeln kann, die die populäre Unzufriedenheit in eine wirksame antifaschistische Politik übersetzt.”

Warum doofbleiben? Das sind doch schon die Rechten.

Über Martin Böttger:

Avatar-FotoMartin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
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