Der geplante und in Teilen schon begonnene Umbau des Sozialstaats ist weder sozial noch gerecht.

Jana Forsten, 41 Jahre, lebt im Südwesten Brandenburgs und arbeitet bei Ikea in Berlin-Tempelhof

“Ich habe mich für eine Vier-Tage-Woche entschieden, da bei mir noch drei Stunden Fahrt pro Tag hinzukommen. Ich bin eine der wenigen, die Vollzeit bei Ikea arbeiten kann, 37 Stunden pro Woche, macht für mich 9,15 Stunden am Tag. Wer in Teilzeit bei uns arbeitet, muss oft aufstocken. Da kommen Aussagen wie Lifestyle-Teilzeit nicht gut an. Es sollte meiner Meinung nach auch ein Recht auf Vollzeit-Arbeit geben, jeder sollte so arbeiten können, wie es ins Leben passt. Dann hat man auch mehr Motivation für die Arbeit.

Selbst mein Verdienst reicht nicht aus, um pro Jahr einen vollen Rentenpunkt zu bekommen. Wenn ich die jährliche Renteninformation bekomme, kommen mir fast die Tränen, vor Lachen oder vor Trauer. Wie soll ich damit im Alter auskommen? Wir haben eine betriebliche Altersvorsorge, ich kann privat etwas vorsorgen, aber das können viele von uns nicht.

Ich wage zu bezweifeln, dass ich es in diesem Job bis zur Regelaltersgrenze schaffe. Ich arbeite in der Logistik, ich kommissioniere, das heißt, ich stelle die Bestellungen von Kunden zusammen, ich prüfe die Bestände und fülle nach. Ich bin den ganzen Tag auf den Beinen, 25.000 Schritte pro Schicht. Sitzen kann ich nur, wenn ich Gabelstapler fahre. Ich muss oft schwere Sachen heben und tragen. Der Boden ist hart, und unsere Sicherheitsschuhe dämpfen nur wenig. Aber vielleicht kommen ja noch technische Neuerungen, die uns die schwere körperliche Arbeit erleichtern.

Ich leide auch unter Migräne, deswegen falle ich manchmal einen Tag aus. Wenn jetzt die Krankschreibung ab dem ersten Tag kommt, müsste ich mit meiner Migräne zum Arzt. Diese Anstrengung würde dazu führen, dass ich wahrscheinlich länger ausfalle, denn mit Ruhe reicht oft ein Tag.

Zum Glück haben wir im Tarifvertrag die Krankschreibung ab dem dritten Tag geregelt. Damit kann ich auch gut argumentieren, wenn meine Leute im Betrieb zu mir kommen und sich darüber beschweren, was die Regierung plant. Viele haben Sorgen, dass sich ihre Situation weiter verschlechtert. Ich sage ihnen, sie sollen sich engagieren, damit wir den Plänen mit geballter Macht entgegentreten können.

Die Politik wertschätzt unsere Arbeit nicht, das zeigt sich in den Debatten. Ich war im Frühjahr beim DGB-Bundeskongress und habe mich dort live von Bundeskanzler Friedrich Merz mit seiner Rede beleidigen lassen. Das sind Menschen, die in ihrem Leben noch nicht hart gearbeitet haben – und die wollen uns sagen, dass wir nicht genug leisten.”

Dieser Beitrag ist eine Übernahme von ver.di-publik, mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

Über Heike Langenberg - ver.di-publik:

Avatar-FotoUnter der Kennung "Gastautor:innen" fassen wir die unterschiedlichsten Beiträge externer Quellen zusammen, die wir dankbar im Beueler-Extradienst (wieder-)veröffentlichen dürfen. Die Autor*innen, Quellen und ggf. Lizenzen sind, soweit bekannt, jeweils im Beitrag vermerkt und/oder verlinkt.