Woanders is auch scheisse – Wundersame Bahn CCLXXI
Vor fast 50 Jahren kam ich nach Beuel, und setzte mich hier fest. Es war einfach zu schön und übersichtlich hier. Und mann*frau kam überall hin. 3 Fernzüge in der Stunde vom Hbf. auf der falschen Rheinseite, und exzellente Netzanbindung auch hier auf der richtigen Seite. Bis Barcelona, Athen und Lecce in Süditalien. Schöne Zeit war das. Ab 2002 wurde Bonns Anbindung verschlechtert (die ICE-Strecke Köln-Frankfurt wurde fertig). Über Beuel fuhren mehrheitlich Güterzüge. Und derzeit, noch bis Weihnachten, gar nichts. Wäre ich noch Berufspendler, wäre ich längst krank.
Dieser Tage besuchte ich einen Freund in einem Krankenhaus in Bad Godesberg. Ich wurde in einem PKW von Freund*inn*en mitgenommen. Fahrzeit durch all die Staus: 1 Stunde. Das war damals, in der guten Bahnzeit, die Strecke Köln-Essen (mit dem preisgünstigen D-Zug). Heute ist schon der Nahverkehr nach Köln ein unkalkulierbares Abenteuer. Und ein Termin am andern Ende der Stadt eine Tagesreise. Das war, liebe junge Leute, mal anders. Ich war dabei.
Ist es dennoch – immer noch – jammern auf hohem Niveau? Möglich. Wir werden es an der UNO bemerken. Wenn die immer noch nach Bonn will, mit ihren Institutionen und Tagungen, dann ist es hier sicherer als woanders auf der Welt.
Nehmen Sie, nur mal so als Beispiel, eine richtige Weltstadt: Istanbul. Eine Stadt, so gross wie ganz NRW. Schon Ende der 60er Jahre war sie so gross wie Berlin (Ost+West), zehnmal so gross wie Bonn, Beuel ist ein kleines verträumtes Dorf dagegen. Was richtige Qual der Menschen durch ihren eigenen Verkehr ist, das lässt sich dort studieren:
„Re: Stau in Istanbul – Die 16-Millionen-Metropole Istanbul ist Stau-Weltmeister. Über 100 Stunden im Jahr verlieren die Menschen in der Stadt im Verkehr. Während Motorradkuriere und Wasserverkäufer auf den verstopften Straßen ihren Lebensunterhalt verdienen, müssen viele Familien ihren Alltag um den täglichen Verkehrskollaps herum organisieren.“ Video 30 min. 5 Jahre verfügbar.
Ich war selbst vor 20 Jahren dort, auf einer politischen Tagung für 24 Stunden. Ich habe nur 3 Stunden geschlafen. Nach der Tagung führte mich ein befreundeter Rechtsanwalt durch die Nacht des Szenestadtteils Beyoğlu. Am nächsten Morgen streifte ich individuell bei Tageslicht durch die Gassen. Es war Liebe auf den ersten Blick.
Ob ich im Alltag diese Verkehrsverhältnisse verkraften würde, weiss ich allerdings – nach meinem eigenen Infarkt vor gut einem Jahr – nicht. In dem o.g. Arte-Filmchen wird gezeigt, wie sich die Istanbuler Verkehrsplaner*innen von Tokio zu inspirieren lassen versuchen. Bei gleicher Grösse haben sie weniger als ein Zehntel des Schienennetzes. Aber das Vorbild ist auch wg. des Erdbebenrisikos gut gewählt. Den Marmaray Tüneli haben japanische Ingenieure geplant und gebaut.
Istanbuls Bürgermeister Ekrem İmamoğlu sitzt übrigens im Knast, seit nun 1 1/2 Jahren. Die Bundesregierung juckt das nicht. Despoten verheissen ihr das, was sie für „Stabilität“ hält. Das sagt mehr über ihre Dummheit, als über die Wirklichkeit. „Truth is Stranger than Fiction“.

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