Beueler-Extradienst

Meldungen und Meinungen aus Beuel und der Welt

Autor: Ingo Arend (Seite 4 von 7)

Wiederaufbau und Zerstörung

Wie nachhaltig kann Kulturarbeit in Krisengebieten wie Afghanistan sein? Die documenta in Kabul 2012 steht nachträglich im Zentrum eines aktuellen Streits um Kunst und Macht
Tagelöhner, Krüppel, Soldaten. Als William Kentridge im Sommer 2012, vor mehr als neun Jahren, seine Arbeit „Shadow Procession“ im Queens Palace von Kabul zeigte, verstand das Publikum sofort, worum es ging. Das Scherenschnitt-Video schien wie aus dem Alltag der Af­gha­n:in­nen gegriffen. Weiterlesen

Migration als Fulltime-Job

Der Neuköllner Artspace „Apartment Project“ ist selbst von Istanbul nach Berlin gekommen. Dort erzählen jetzt Autorinnen über die emotionale Seite von Migration
„All my memory is and was built in Istanbul. Sound, smell, taste, touch shaped there. I am full with Istanbul“. Erst weiß man nicht genau, woher die Stimme kommt. Bis man die kleinen Lautsprecher an der Decke bemerkt, aus denen Satzfetzen wie diese dringen. Ein Gefühl von Heimat, Erinnerung und Wehmut wird den ergreifen, der durch den cineastisch anmutenden Parcours illuminierter Leinwände in dem kleinen Artspace „Apartment Project“ an der Sonnenallee streift. Weiterlesen

Eine Welt ohne Führer

„Studio Bosporus“: Zum zehnjährigen Jubiläum der Künstlerakademie sind im Kunstraum Kreuzberg die Arbeiten der Sti­pen­dia­t:in­nen der Villa Tarabya in Istanbul zu sehen
Eine Gruppe sommerlich bekleideter Menschen auf dem Rasen eines prächtigen Parks. Einzeln oder als Paar sitzen sie in Abstand auf Handtüchern auf dem grünen Rasen. Und sie hören über oder sprechen in bunte Plastikbecher, die durch Bindfäden verbunden sind. Weiterlesen

Der italienische Marx

Buchbesprechung: Eine Einführung in das Denken des Philosophen Antonio Gramsci
“Für die nächsten zwanzig Jahre müssen wir verhindern, dass dieses Gehirn funktioniert.“ Kurzfristig hatte der Staatsanwalt, der im Mai 1928 Antonio Gramsci vor einem Sondergericht im faschistischen Italien Mussolinis anklagte, Erfolg. Der italienische Kommunist wanderte zwar ins Gefängnis und starb dort 1937. Doch in diesen neun Jahren skizzierte er trotz schwerer Krankheit und restriktiver Haftbedingungen politische Kategorien, deren Wirkmacht ungebrochen ist. Von der „Hegemonie“ bis zur „Zivilgesellschaft“ – im politischen Diskurs heute wimmelt es nur so von Begriffen, die Gramscis legendären „Gefängnisheften“ entlehnt sind. Weiterlesen

Alarm an Quay 6

Klimaneutrales Sinfonieorchester, klimaneutrale Biennale, klimaneutraler Diesel. Finnland will 15 Jahre vor der Europäischen Union klimaneutral werden. Eindrücke von Kunst und Nachhaltigkeit in Europas Norden
Ein riesiges Gerüst aus Stahlrohren, gekrönt von einem roten Kassettendach. Wer an der kleinen Insel Vallisaari an Land geht, 15 Minuten mit der Fähre von Helsinki entfernt, hält den Aufbau für ein Baugerüst oder die Reste einer Schiffswerft.

Doch „Quay 6“, die Installation des finnischen Künstlers Jaako Niemelä ist das erste Werk, das Be­su­che­r:in­nen der neuen Helsinki-Biennale sehen, die seit Juni auf dem verwilderten Eiland stattfindet, das Jahrhunderte als militärisches Sperrgebiet diente. Weiterlesen

Griechische Kuratorin über Waldbrände

„Wir brauchen Solidarität“ – Die griechische Kuratorin iLiana Fokianaki spricht über die Folgen der Waldbrände in Griechenland. Die zerstörte Natur ist auch Kulturinspiration.

Frau Fokianaki, Griechenland kämpft in jedem Jahr mit Waldbränden. Was ist diesmal anders?

Iliana Fokianaki: Zwei Faktoren machen den Unterschied zu den letzten Jahren aus. In erster Linie erhöht die Klimakrise die Temperaturen und die Dürre, was jeden Sommer mehr Brände verursacht. Für Attika bedeutet dies heißere Sommer und mehr Überschwemmungen im Winter. Schlechte Gesetzgebung und jahrzehntelange Korruption sowie das Bauen auf Staudämmen verschlimmern die Situation ebenfalls. Wissenschaftler rechnen bereits im kommenden Winter mit Überschwemmungen in Attika. Weiterlesen

Die Muslime der Karibik

Kolumbus als Kämpfer gegen den Islam: Alan Mikhails Buch „Gottes Schatten. Sultan Selim und die Geburt der modernen Welt“ wählt einen neue Perspektive auf die Geschichte des Westens
Entdeckten Muslime Amerika und nicht Christoph Kolumbus? Als der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan vor ein paar Jahren öffentlich diese These vertrat, erntete er schallendes Gelächter. Wissenschaftler konnten dem islamistischen Hobbyhistoriker nachweisen, dass er einen Logbucheintrag von Kolumbus, in dem der Seefahrer die Ähnlichkeit eines Bergs auf Kuba mit einer Moschee beschrieb, falsch verstanden hatte. Weiterlesen

Nur Vögel kennen keine Grenzen

Ziel der Dritten Berlin Britzenale soll es sein, multimediale Kunst am Stadtrand zu zeigen. Ort des Ganzen ist ein eigentlich kunstferner Ort: 62 Parzellen der Kleingartenanlage „Morgentau“ an der Neuköllner Blaschkoallee
Ein Tempeltor aus weißen Pyrophor-Steinen, eine himmelblaue Hollywood-Schaukel und ein Pflanzenkleid mit grünen Kugelaugen in einem Baum. Wer an diesem Wochenende eine der Parzellen in der Britzer Kleingartenanlage „Morgentau“ im Südwesten Berlins betritt, kommt ins Stutzen. So richtig scheint das Ensemble nicht zu einem Schrebergarten zu passen. Zu allem schillernden Überfluss bekommen Be­su­che­r:in­nen dazu auch eine Portion Götterspeise serviert. Weiterlesen

Lokaler Konflikt wird global

Akademiker in blauen Talaren, aufgereiht zum stummen Gruppenbild im Garten der Istanbuler Boğaziçi-Universität. Seit über sechs Monaten bietet sich am Bosporus das gleiche Bild.
Der Lehrkörper der renommiertesten Universität des Landes stemmt sich gegen seinen Rektor: Demonstrativ kehren sie dessen Büro auf dem Campus den Rücken, an heißen Tagen mit Sonnenschirm. Die sozialen Medien sind voller Bilder des friedlichen Protests. Weiterlesen

Der Neuanfang, der keiner war

Westbindung, Bastion gegen den Osten und nur ein scheinbarer Bruch mit den Nazis. Die Ausstellung „documenta. Politik und Kunst“ im Deutschen Historischen Museum dekonstruiert den Mythos von der kulturellen Neugründung der Bundesrepublik
Ein holzgetäfelter Raum im Stil der 70er Jahre. Im Vordergrund ein Schreibtisch mit Telefonen, Bildschirm und Bogenlampe, im Hintergrund eine Besprechungstafel, alles in Ockertönen. An der Wand sieht man das Bild einer Meereslandschaft in Braun und Blau. Man übersieht die kleine Fotografie leicht in der jüngsten Ausstellung des Deutschen Historischen Museums (DHM) in Berlin. Doch wer über die ideologische Wirkungsgeschichte der documenta nachdenkt, dem liefert das Dokument einen erhellenden Moment. Weiterlesen

Eine Welt jenseits der Staaten

Das Friedrichshafener Zeppelin-Museum versteht sich als Museum neuen Typs. Seine jüngste Schau dreht sich um die Grenzen von Staatlichkeit
Eine schmale Glasröhre, gefüllt mit nichts weiter als klarem Wasser, auf schwarzem Grund an einer Betonwand befestigt: Nevin Aladağs Werk „Border Sampling“ wirkt auf den ersten Blick unscheinbar und minimalistisch. Das kleine Objekt hat es freilich in sich. Die Kanüle hat die Künstlerin vor ein paar Jahren mit Wasser gefüllt, das sie bei einer Recherche mit Seeforschern an der tiefsten Stelle des Bodensees gewonnen hat. Weiterlesen

Der kulturelle Faktor

Sahra Wagenknecht macht symbolische Bedürfnisse verächtlich. Damit offenbart sie die kulturelle Achillesferse der politischen Linken.
„Man muß sich auch davor hüten, die Bedeutung der Kunst für den Emanzipationskampf des Proletariats zu überschätzen“. An dieses Verdikt des sozialistischen Historikers Franz Mehring fühlt man sich erinnert bei der jüngsten Debatte um Sarah Wagenknecht.

Die Mischung aus Populismus und Häme, mit der die Linken-Politikerin argumentiert – geschenkt. Ihre Attacke belegt aber einmal mehr die groteske Missachtung dessen, was man den kulturellen Faktor nennen könnte – ein Kardinalfehler der Linken, nicht nur in der Partei ohne Sternchen, als die Wagenknecht Die Linke gern sähe. Weiterlesen

„Der Machismo war schon immer hier“

Interview mit der türkischen Künstlerin Hale Tenger über den Austritt der Türkei aus der Istanbul-Konvention und die Freiheit der Kunst am Bosporus
Hale Tenger, am 20. März zog Präsident Recep Tayyip Erdoğan die Türkei aus der Istanbul-Konvention zurück. Heftige Proteste waren die Folge. Die Rechte von Frauen in dem muslimischen Land sind aber nicht der einzige Streitpunkt am Bosporus. Angesichts sinkender Umfragewerte macht Erdogan Jagd auf die Opposition. Wie haben sie reagiert, als Erdoğan entschied, aus der Istanbul-Konvention auszutreten?

Hale Tenger: Ich war so wütend und frustriert. Frustration als Folge seiner Politik ist nichts Neues, aber so, wie seine undemokratischen Züge eskalieren, wird man jedes Mal, wenn etwas Neues passiert, sofort in Alarmbereitschaft versetzt. Weiterlesen

Strategie des Kleptomanen

Politische Kunst: Das Istanbuler Kunstmuseum ARTEr zeigt eine große Retrospektive des „Kapitalistischen Realisten“ KP Brehmer
Zwei gekreuzte Flaggen in Schwarz-Rot-Gold an der Stirnseite eines riesigen White Cube. Selbst der internationalen Heraldik unkundige Besucher können an der Installation im Istanbuler Kunstmuseum ARTEr unschwer die deutsche Flagge ausmachen. Nur die Größenverhältnisse irritieren. Warum ist der goldene Streifen auf einem der Banner derart breit geraten?

„Korrektur der Nationalfarben“ nannte der deutsche Künstler KP Brehmer (1938–1997) sein 1970 entstandenes Werk, das zu seinen bekanntesten zählt. Weiterlesen

Streik an Istanbuler Universität

„Was wir fordern, ist legitim“ – An der Istanbuler Boğaziçi-Universität wird gestreikt. Der Filmemacher Can Candan über den Kampf gegen Autoritarismus im Namen der Wissenschaft.
Seit der Ernennung des AKP-nahen, des Plagiats bezichtigten Rektors Melih Bulu durch Präsi­dent Erdoğan am 1. Januar 2021 ist die renommierte Istanbuler Boğaziçi-Universität im Ausnahmezustand. Trotz Festnahmen, Razzien und Polizeigewalt fordern Akademiker und Studenten seit Monaten, dass der umstrittene Rektor zurücktritt. Weiterlesen

Die perfekte Matrize

In einer materialreichen Studie lotet der Kunsthistoriker Henry Keazor die nicht endende Anziehungskraft von Raffaels berühmtem Fresko „Die Schule von Athen“ aus
58 Gestalten in antiken Gewändern, versammelt in einer marmornen Tempelhalle, zu der eine Treppe hinaufführt. In der Mitte der lebhaft diskutierenden Runde stehen zwei Männer: Platon, das Buch seiner Weltentstehungslehre „Timaios“ in der Hand, weist mit erhobener Hand zum Himmel. Aristoteles, sein Gegenüber, hält seine „Ethik“ und streckt die Hand horizontal nach vorne. Weiterlesen

(K)eine wilde Nacht

berlin viral
“Was in der Welt passiert und was uns amüsiert, geschieht besonders in der Nacht.“ Wehmütig geht mir dieser Tage immer der Song durch den Kopf, den Elisabeth Flickenschildt alias Nelly Oaks, Wirtin der verräucherten Hafenspelunke „Mekka“ in Edgar Wallace unvergessenem London-Krimi „Das Gasthaus an der Themse“ singt.

Zum Ausbruch des Coronozäns hatte ich mir diese nächtlichen Spaziergänge angewöhnt. Doch wenn ich pünktlich um halb elf den Süden Kreuzbergs zu umrunden beginne, wird Nellys Lockruf jedes Mal neu Lügen gestraft: seit einem Jahr nur noch gähnende Leere. Weiterlesen

Türkischer Kulturmäzen in Haft

Kesseltreiben am Bosporus – Seit mehr als drei Jahren sitzt Osman Kavala nun im Gefängnis. Jetzt will der türkische Präsident auch seiner Kulturorganisation an den Kragen.
„Terrorsponsor“, „türkischer Agent dieses ungarischen Juden Soros“, „Putschist“. Recep Tayyip Erdoğan, der regierende Autokrat am Bosporus, war nie um ein Schimpfwort verlegen, wenn es um Osman Kavala ging.
Den Kulturmäzen aus einer vermögenden Istanbuler Fabrikantenfamilie ohne jeden Beweis staatsfeindlicher Umtriebe für mittlerweile gute drei Jahre ins Gefängnis befördert zu haben, scheint Erdoğan nicht mehr zu reichen. Wenn nicht alles täuscht, wollen die türkischen Behörden jetzt auch seine Organisation Anadolu Kültür schließen. Weiterlesen

Gärung primärer Fabeln

… und ihrer Symbole – Mit ironischer Gelassenheit entlässt Peter Sloterdijk in seinem Buch „Den Himmel zum Sprechen bringen“ die Religion in eine neu verstandene Freiheit
Warum schweigt Gott? Viele Gläubige verzweifeln an dieser Frage. Ob nun jungen Menschen die Idee einer stummen Allmacht skurril vorkommt. Oder ob Erwachsene in einer existenziellen Notlage auf ein erlösendes Wort warten. Kommunikationsprobleme gehören zum Alltag des Glaubens.

Nun ist es zwar nicht so, dass Gott überhaupt nicht spricht. Weiterlesen

Im Schatten des Gatten

Buch über Künstlerin Mary Warburg: Alle reden über Kunsthistoriker Aby Warburg, nur wenige über seine Frau Mary Warburg. Nun erscheint eine Monografie über die vergessene Künstlerin.
„Neulich kam es mit aller Macht über mich, welch großes, großes Glück mir die Kunst gegeben hat.“ Als Mary Hertz im November 1890 diese Zeilen in ihr Tagebuch schrieb, war die Tochter des Hamburger Senators und Kaufmanns Adolph Ferdinand Hertz gerade 25 Jahre alt.

Die höhere Tochter aus besserem Hause hatte es sich in den Kopf gesetzt, Künstlerin zu werden. Im Park der Großeltern hatte das Mädchen zu zeichnen begonnen, nahm nach der Schule Privatunterricht. In einem anderen Eintrag schwärmt die junge Frau von ihrem unstillbaren „Malhunger“. Weiterlesen

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