Beueler Kleinversorgungsprobleme

Von , am Sonntag, 4. Dezember 2016, in Beuel & Umland.

Regelmässig besuche ich meine alte Essener Heimat und habe so einen regelmässigen Vergleich städtischer Strukturprobleme: hier in Beuel die bürgerlich-rheinische Puppenstube, dort im Essener Norden die Klassenprobleme, die seit Jahrzehnten ignoriert werden. Zwischendurch besuche ich häufig, nicht weniger kontraststark Freund*inn*e*n in Köln-Ehrenfeld. Während letzteres, einem Wunder gleich, den U-Bahnbau unter der Venloer Strasse in Köln überlebt hat, ist das einst lebhafte Subzentrum Essen-Altenessen darunter in den 80er/90er Jahren verstorben. Es leidet jetzt sogar unter der schlagzeilenträchtigen aber unzutreffenden Diffamierung als “No-Go-Area”. Talkshow-Stargast Guido Reil, einst SPD heute AfD, startete seine Medienkarriere mit der Lüge “Der Essener Norden ist voll!”, obwohl es nirgends in Westdeutschland mehr Wohnungsleerstand gab und gibt als ebendort. Das sind wirkliche Probleme.
Köln-Ehrenfeld dagegen kämpft dagegen, so angesagt zu sein, dass die Preise dort bald für Normalverdiener*innen nicht mehr zu bezahlen sind. Ein von Immobilienspekulanten betriebenes Einkaufszentrum wurde verhindert, der Investor Bauwens-Adenauer soll “verstanden” haben. Der Stadtteil hat fast alles, was man an Köln lieben kann; nur der Dom ist woanders.

Beuel liegt in seiner Entwicklung zwischen Altenessen und Ehrenfeld, bisher und was seine Chancen betrifft, weit näher an Ehrenfeld. Die Gefahren des U-Bahnbaus sind dank des Rheins an uns vorübergegangen. Heute denkt darüber kein Mensch nach, es hat sich rumgesprochen, dass eine U-Bahn selbst dann nicht zu bezahlen ist, wenn sie fertig ist.

Die größte Gefahr für funktionierende Strukturen im Stadtteilleben geht jedoch vom Kapitalismus aus. Da ist zum einen der Immobilienkapitalismus, der Gewerbemieten schon heute für Normalsterbliche unerschwinglich macht. Dann sind es die Monopole in der Onlinewelt (Amazon & Co.), die sowohl ProduzentInnen (Billigfabriken, Kinderarbeit inkl.), Vertriebler*innen und ein neues Logistikproletariat auspressen, damit sich ein paar Milliardäre ihren Vorstellungen vom Weltverändern widmen können. Die Kundschaft liebt es, weil billig und bequem. Kurz gedacht, aber es funktioniert, vor allem bei den Jungen. Alle machen mit, selbst die großen Handelskonzerne, die den inhabergeführten Klein-Einzelhandel fast schon zur Strecke gebracht haben, weil sie Angst haben, sonst unterzugehen, wie es Musikkonzernen und Zeitungsverlagen schon ergangen ist.

In Beuel sind diese Dampfwalzen noch nicht überall durchgekommen, weil so mancher Geschäftsinhaber die teure Miete erspart bleibt, weil ihm das Haus (noch) gehört. Viele haben zusätzlich Nachfolgeprobleme, wenn sie in Rente gehen (Bäcker Schmitz Schwarzrheindorf, Lotto Siebenmorgen Rheindorfer Str.). So stirbt handwerkliche Qualität, die oft durch unattraktive Arbeitszeiten gesichert werden muss, und individueller Kundendienst im Beueler Einzelhandel langsam aus. Radio Marx ist weg, Elektro Zettelmeyer, Geschwister Herter (einst legendäres Haushaltswaren-Angebot und die letzte Baumarktalternative), Herrenbekleidung Simons in der Hermannstraße ist im Räumungsverkauf und wird durch Kinderbekleidung ersetzt (alte Herren gibt es zwar viel mehr, aber die sind konsumfauler als junge Eltern), Schuh Noisten nebenan führt nur noch Damensortiment. In all diesen Geschäften war es nie billig, aber das individuelle Interesse und der Dienst am Kunden stimmte. Diese Entwicklung ist strukturell für Beuel gefährlich.

Denn die autozentrierte Ökonomie mit breiten Straßenschneisen und Riesenparkplätzen rund um eine Verkaufsschachtel im Fertighausformat (Aldi, Lidl etc.), in Gewerbegebieten, in denen man&frau sich nachts nicht aufhalten will, geht dem Ende zu. Die geburtenstarken Jahrgänge, die derzeit alt werden, sind kaufkraftstark, qualitätsbewusst und legen mehr Gewicht auf soziale und individuelle Dienstleistungen als auf Massenmobilität in Blechkisten. Es werden Stadtviertel und Angebote profitieren, die darauf strategisch einzugehen wissen. Fragen Sie mal den Momo-Inhaber. Und Dank an Olivotti fürs Weiterleben, in der eigenen Immobilie.

Ein Kommentar zu “Beueler Kleinversorgungsprobleme

  1. Klaus Böttger

    Sehr schöne, weil persönliche, Schilderung der, gar nicht schönen, Realität… du hättest Beuel auch durch Lüdinghausen ersetzen können, die Herrschaft des Kapitals reguliert auch hier schon sichtbar den Individualismus des Handels. Aber bei aller Beweiskraft des Faktischen, es gibt noch Leute, die einfach davon träumen sich dem Mechanismus erfolgreich widersetzen zu können: In Karnap hat eben ein Bekleidungsgeschäft eröffnet! Tatsache! Karnaper / Gravelottestraße – müsste sich also um die ehemalige Metzgerei van Loon handeln. Bin selbst noch nicht zum Nachschauen dort gewesen, sondern habe die Info nur aus einem (a)sozialen Netzwerk. Werde das aber die Tage nachholen!

    Stellt sich nur die Frage: Wie lange noch, bis Karnap vollständig gentrifiziert wurde? ;-)

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