Beueler Extradienst

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Beueler Kleinversorgungsprobleme

RegelmĂ€ssig besuche ich meine alte Essener Heimat und habe so einen regelmĂ€ssigen Vergleich stĂ€dtischer Strukturprobleme: hier in Beuel die bĂŒrgerlich-rheinische Puppenstube, dort im Essener Norden die Klassenprobleme, die seit Jahrzehnten ignoriert werden. Zwischendurch besuche ich hĂ€ufig, nicht weniger kontraststark Freund*inn*e*n in Köln-Ehrenfeld. WĂ€hrend letzteres, einem Wunder gleich, den U-Bahnbau unter der Venloer Strasse in Köln ĂŒberlebt hat, ist das einst lebhafte Subzentrum Essen-Altenessen darunter in den 80er/90er Jahren verstorben. Es leidet jetzt sogar unter der schlagzeilentrĂ€chtigen aber unzutreffenden Diffamierung als “No-Go-Area”. Talkshow-Stargast Guido Reil, einst SPD heute AfD, startete seine Medienkarriere mit der LĂŒge “Der Essener Norden ist voll!”, obwohl es nirgends in Westdeutschland mehr Wohnungsleerstand gab und gibt als ebendort. Das sind wirkliche Probleme.
Köln-Ehrenfeld dagegen kĂ€mpft dagegen, so angesagt zu sein, dass die Preise dort bald fĂŒr Normalverdiener*innen nicht mehr zu bezahlen sind. Ein von Immobilienspekulanten betriebenes Einkaufszentrum wurde verhindert, der Investor Bauwens-Adenauer soll “verstanden” haben. Der Stadtteil hat fast alles, was man an Köln lieben kann; nur der Dom ist woanders.

Beuel liegt in seiner Entwicklung zwischen Altenessen und Ehrenfeld, bisher und was seine Chancen betrifft, weit nĂ€her an Ehrenfeld. Die Gefahren des U-Bahnbaus sind dank des Rheins an uns vorĂŒbergegangen. Heute denkt darĂŒber kein Mensch nach, es hat sich rumgesprochen, dass eine U-Bahn selbst dann nicht zu bezahlen ist, wenn sie fertig ist.

Die grĂ¶ĂŸte Gefahr fĂŒr funktionierende Strukturen im Stadtteilleben geht jedoch vom Kapitalismus aus. Da ist zum einen der Immobilienkapitalismus, der Gewerbemieten schon heute fĂŒr Normalsterbliche unerschwinglich macht. Dann sind es die Monopole in der Onlinewelt (Amazon & Co.), die sowohl ProduzentInnen (Billigfabriken, Kinderarbeit inkl.), Vertriebler*innen und ein neues Logistikproletariat auspressen, damit sich ein paar MilliardĂ€re ihren Vorstellungen vom WeltverĂ€ndern widmen können. Die Kundschaft liebt es, weil billig und bequem. Kurz gedacht, aber es funktioniert, vor allem bei den Jungen. Alle machen mit, selbst die großen Handelskonzerne, die den inhabergefĂŒhrten Klein-Einzelhandel fast schon zur Strecke gebracht haben, weil sie Angst haben, sonst unterzugehen, wie es Musikkonzernen und Zeitungsverlagen schon ergangen ist.

In Beuel sind diese Dampfwalzen noch nicht ĂŒberall durchgekommen, weil so mancher GeschĂ€ftsinhaber die teure Miete erspart bleibt, weil ihm das Haus (noch) gehört. Viele haben zusĂ€tzlich Nachfolgeprobleme, wenn sie in Rente gehen (BĂ€cker Schmitz Schwarzrheindorf, Lotto Siebenmorgen Rheindorfer Str.). So stirbt handwerkliche QualitĂ€t, die oft durch unattraktive Arbeitszeiten gesichert werden muss, und individueller Kundendienst im Beueler Einzelhandel langsam aus. Radio Marx ist weg, Elektro Zettelmeyer, Geschwister Herter (einst legendĂ€res Haushaltswaren-Angebot und die letzte Baumarktalternative), Herrenbekleidung Simons in der Hermannstraße ist im RĂ€umungsverkauf und wird durch Kinderbekleidung ersetzt (alte Herren gibt es zwar viel mehr, aber die sind konsumfauler als junge Eltern), Schuh Noisten nebenan fĂŒhrt nur noch Damensortiment. In all diesen GeschĂ€ften war es nie billig, aber das individuelle Interesse und der Dienst am Kunden stimmte. Diese Entwicklung ist strukturell fĂŒr Beuel gefĂ€hrlich.

Denn die autozentrierte Ökonomie mit breiten Straßenschneisen und RiesenparkplĂ€tzen rund um eine Verkaufsschachtel im Fertighausformat (Aldi, Lidl etc.), in Gewerbegebieten, in denen man&frau sich nachts nicht aufhalten will, geht dem Ende zu. Die geburtenstarken JahrgĂ€nge, die derzeit alt werden, sind kaufkraftstark, qualitĂ€tsbewusst und legen mehr Gewicht auf soziale und individuelle Dienstleistungen als auf MassenmobilitĂ€t in Blechkisten. Es werden Stadtviertel und Angebote profitieren, die darauf strategisch einzugehen wissen. Fragen Sie mal den Momo-Inhaber. Und Dank an Olivotti fĂŒrs Weiterleben, in der eigenen Immobilie.

1 Kommentar

  1. Klaus Böttger

    Sehr schöne, weil persönliche, Schilderung der, gar nicht schönen, RealitĂ€t… du hĂ€ttest Beuel auch durch LĂŒdinghausen ersetzen können, die Herrschaft des Kapitals reguliert auch hier schon sichtbar den Individualismus des Handels. Aber bei aller Beweiskraft des Faktischen, es gibt noch Leute, die einfach davon trĂ€umen sich dem Mechanismus erfolgreich widersetzen zu können: In Karnap hat eben ein BekleidungsgeschĂ€ft eröffnet! Tatsache! Karnaper / Gravelottestraße – mĂŒsste sich also um die ehemalige Metzgerei van Loon handeln. Bin selbst noch nicht zum Nachschauen dort gewesen, sondern habe die Info nur aus einem (a)sozialen Netzwerk. Werde das aber die Tage nachholen!

    Stellt sich nur die Frage: Wie lange noch, bis Karnap vollstÀndig gentrifiziert wurde? ;-)

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