Vor gut 10 Jahren entsandte mich die Böll-Stiftung zu einem “Friedenskongress” in einem Hotel am Taksim-Platz in Istanbul. Ein ursprünglich vorgesehener Grüner MdB war kurzfristig ausgefallen. Ich war noch nie dort, in der ganzen Türkei nicht. Ich schrieb mir eilig ein Eingangsstatement, die spätere MdB und studierte Anglistin Katja Dörner übersetzte es mir in Windeseile in professionelles Englisch – aus dieser Konferenzsprache wurde es simultan ins Türkische übersetzt. Ich gewann die Sympathie von über 90% des Kongresspublikums mit meinem Plädoyer für Menschen- und Bürgerrechte, die nicht für angeblich “höhere” Ziele instrumentalisiert werden dürften – wie ich es seinerzeit z.B. bei Oskar Lafontaine erkannte, was für merkliche Verstimmung bei der ebenfalls auf dem Podium agierenden Linken-MdB und Ex-Trotzkistin Christine Buchholz sorgte.

Nach der Veranstaltung gruppierte sich eine kleine Menschentraube von Grünen-Sympathisant*inn*en um mich, u.a. ein älterer Herr, der sich als auf Bürgerrechte spezialisierter Rechtsanwalt vorstellte und mir anbot, mir noch ein wenig von der Stadt zu zeigen. Es wurde eine durchzechte Nacht in Beyoglu daraus, eine Atmosphäre, in der mir, zum Vergleich, St. Pauli wie eine Puppenstube vorkam. Die Straßen mit Menschen aller Art überfüllt, eine Art riesiges mobiles Versammlungslokal, bis hinauf in die zahllosen Dachgärten, die jeden deutschen Brandschutzingenieur in Ohnmacht fallen lassen würden. Ein früherer Kameramann von Yilmaz Güney wurde mir vorgestellt. Für mich eine unfassliche Ehre, denn der Film “Yol” war der erste türkische Spielfilm meines Lebens, den ich in den 80ern in einem – mittlerweile abgelebten – Bonner Programmkino gesehen hatte. 1980, zur Zeit des faschistischen Militärputsches in der Türkei, hielt ich mich in Griechenland, beim “Erbfeind”, auf, und hatte in den ersten Tagen echte Kriegsangst, erzeugt durch die zahlreichen Panzerfahrzeuge, die uns begegneten. In der Illegalität unter der Militärdiktatur waren Teile von “Yol”, dieses epochalen Werkes, entstanden.

2-3-Stunden Schlaf. Als der Tag anbrach, verliess ich mein Hotel, um den gleichen Stadtteil in hellen Tagesstunden erneut erleben zu dürfen. Die zentrale Stadtlandschaft Istanbuls an seinen Wasserläufen, alle die schon dort waren, wissen das, ist betörend. Unmöglich, sich nicht darin zu verlieben. Alle, die schon dort waren, haben das getan.

Gestern hörte ich nun diese atmosphärisch dichte Reportage im wdr5-Kulturmagazin Scala, die beschreibt, wie dieses betörende Beyoglu kulturell und ästhetisch sterben könnte. Der Gentrifizierung, die von Erdogan und seiner Baumafia aus politischen und ökonomischen Gründen aggressiv befeuert wird, sei Dank.

Doch sie sind in Panik. Was passiert, wenn Erdogan mit seinem Ermächtigungs-Referendum scheitert? Kaum vorstellbar, dass er klein beigeben und in Rente gehen wird. Und selbst wenn. Was würden seine AKP-Diadochen anrichten? Tyrannenmord ist da auch keine abwegige Fantasie mehr, für nichts eine Lösung, aber Symptom fast aller diktatorischen und feudalen Systeme. Ihr Untergang und Zerfall ist sicher. Wenn nur die vielen menschlichen Opfer nicht wären.