WDR-Programmreform: Zynismus

Von , am Samstag, 16. Dezember 2017, in Medien.

Ich dachte, ich hätte das Thema schon zuende kommentiert. Mein persönliches Interesse ist nur noch gering. Ich höre kaum noch WDR, (der Vergleich dieser überarbeiteten Internetpräsenz mit der „Bild“ genannten sogenannten Zeitung ist wahrlich nicht übertrieben) bevorzuge den Deutschlandfunk. Schaue kaum WDR-TV, Mitternachtsspitzen, Sport inside (wieder in eine mehrmonatige Pause geschickt, zuviel Journalismus), Zeigler, fertig. Ganz selten mal: Die Story, deren Themen nur noch selten politisch brisant sind, und bei der ich Mühe habe, den häufigen Sendeplatzwechseln zu folgen. Nun lese ich bei Stefan Niggemeier und höre bei mediasres/DLF, dass das grosse WDR-Haus wieder von Unruhe erfasst ist. Wie so oft über die eigene Führung, diesmal ganz oben.

Wie konnte es dazu kommen? Buhrow war doch mal ein politisch anständig denkender Kerl. Wie kommt es, dass so viele ehemals linke Poliker*innen, die Karriere machten, so rechts wurden? Bekanntester Fall: Gerhard Schröder. Es hat was mit ihrer Alltagssozialisation zu tun, gerade bei denen, die von links unten kommen. Schon ein USA-Korrespondent, ein Tagesthemen-Moderator und erst recht ein Intendant zählt zur kleinen hochbezahlten Elite dieses Landes. Und ist auch kaum noch von was anderem umgeben. Die echten Kapitäne aus Wirtschaft und Politik lassen ihn allerdings, materiell wahrheitsgemäss, spüren: Du bist kein Kapitän wie ich, sondern “nur” Steuermann, also achte die Kommandos des Systems, in dem Du aufgestiegen bist. Nur mal theoretisch angenommen, seine Gattin sei links geblieben: wie oft und wie lange sah er sie?
An Bedeutung gewinnen: andere “Leitmedien” (DLF, FAZ, Welt, SZ), die er selbst nur überfliegen kann, und lesen und hören lassen muss. Telefongespräche und Mahlzeiten mit anderen Intendant*inn*en, Poltiker*inne*n aus Landesregierung und Parteien (nur die Wichtigen), Konferenzen mit Programmdirektion, Wellenchefs, WDR-Tochterfirmen, Repräsentationstermine (nicht wenige), bei denen wichtige echte Elitenmitglieder, die einflussreichen Kapitäne und Mogule, anzutreffen sind.
Es ist wie bei Politiker*inne*n: wenn die Alltags-Arbeitsumgebung personell nicht so strukturiert ist, dass sie nicht nur intelligent ist, sondern auch sozial erdet – dann ist so jemand verloren, egal wie anständig und fortschrittlich er vorher war. Das System frisst ihn. Und genau so sieht es von aussen betrachtet aus.
Das System WDR-Intendanz kennt noch nicht mal die vielen eigenen Beschäftigten; von uns hier draussen, Zuhörer*inne*n und Zuschauer*inne*n wissen sie schon gar nichts. Kaschiert wird das von seltenen “Publikumsdiskussionen” und Call-Ins vor Kamera und Mikrofon. Das Publikum solcher Sendungen ist immer gecastet, mal gut mal schlecht, und am ehesten mit Leserbriefschreiber*inne*n bei Zeitungen vergleichbar: gut steuer- und benutzbar. Wenn es gerade passt. Der Intendant wird trotzdem dadurch beeindruckt, weil solcherlei “Kontakt” für ihn ja so einmalig ist.

Der WDR und seine nicht wenigen Programme hatten mal ein Publikum, das sie liebte. Zumindest im Programm immer Ansatzpunkte dafür fand. Dazu zählte ich auch. Mit jeder “Programmreform” wurde Teilen dieses Publikums vom Sender mitgeteilt: Du gehörst zu einer irrelevanten Minderheit, auf Deine Bedürfnisse können wir im Konkurrenzkampf keine Rücksicht nehmen. Diese Mitteilung erging automatisch in Kopie an die dazugehörigen zeitweise engagierten Programmmacher*innen. Sie waren mitgemeint, und merkten das.
Das legte sich wie Mehltau auf die alternde festangestellte Belegschaft des Senders. Und im Publikum gibt es kaum noch Menschen oder gar organisierte Kräfte, die zu Engagement für “ihren”, den öffentlich-rechtlichen Sender überhaupt noch bereit wären. Wie in der gesamten politischen Landschaft der Republik, z.B. in der Flüchtlingsdiskussion, werden die Engagierten entmutigt, die Gegner*innen und Feinde dagegen mit jedem weiteren Schritt ermutigt. Wer immer im Sender und im Programm seinen Kopf rausstreckte, was politisch relevantes oder kulturell ungewöhnliches machte, bekam zügig bedeutet: Du wirst hier nicht geschützt. Das kann Deine Berufslaufbahn zügig verkürzen. Heute sind die Festangestellten resigniert; die freien Mitarbeiter*innen verhungern, verschlechterte Honorare, immer weniger Sendeplätze.
Da freute es einen schon, wenn überhaupt noch Unruhe aus dem Sender gemeldet wird.

In dieser Konstellation teilte Buhrow also mit, dass der WDR weniger Text ins Internet stellen will, weil das die nordkoreanische Mentalität der Verleger (Döpfner) und ihrer Missionare (Hanfeld, FAZ) so verärgert. Mein erster Gedanke: was denkt wohl der Intendant “meines” Senders Deutschlandfunk dazu? Auf diesem Sender wird überwiegend gesprochen. Anschliessend dokumentiert der Sender Manuskripte und Interviews. Wenige höre ich live, viele lese ich hinterher (geht schneller, spart viel Zeit). Am Ende fühle ich mich besser informiert, als vom Tendenzjournalismus in FAZ, Welt und SZ zusammen; im Vergleich zur Glotze sowieso. Nach dem Willen der Herren Döpfner und Hanfeld müsste dieser Sender also zügig geschlossen werden. Er informiert einfach zu gut. Mit Text. “Presseähnlich”, ogottogott. Kommt darüber doch noch der Kommunismus über uns? Wenn das Volk erst alles weiss? Gehen die “Qualitätszeitungen” der dicken Verlagstanker darum unter?

Die WDR-Leitung sollte froh sein, dass in der Medienpublizistik noch so viele um diesen Sender besorgt sind. Vielleicht nur noch aus Nostalgie (wie ich)? Das wäre schon bedrohlich. Denn schlimmer als schlechte Presse wäre, wenn kein Hahn mehr danach kräht.
Wenn ich Journalist beim WDR wäre (und jünger als ich es bin, 60), einer, der die Bürger*innen tatsächlich informieren und aufklären will, mit Meinungsfreude und Streitlust, aber ohne sie zu belehren und zu missionieren – doch ich würde schon mal eine*n neue*n Chef*in suchen. Entweder für den WDR. Oder in einem ganz anderen Betrieb …..

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