Von Ulrike Heider
Die 68er-Bewegung stand fĂŒr einen sexuellen Aufbruch. Körperlichkeit und Revolte gehörten zusammen

Vor 51 Jahren grĂŒndeten drei junge Frauen, fĂŒnf MĂ€nner und ein Kind in Westberlin die erste Wohngemeinschaft der Bundesrepublik. Die Kommune I (K I) war ausdrĂŒcklich als politisches Projekt, nicht etwa als Sexkolonie gedacht. Ihre Mitglieder erklĂ€rten, dass sie auf Privateigentum und Zweierbeziehungen verzichten wĂŒrden, um unter sich vorwegzunehmen »was Menschsein in emanzipativer Gesellschaft beinhalten könnte«.Âč Obwohl sie fast nichts zum Thema SexualitĂ€t verlauten ließen, sorgte die bloße Tatsache ihres unkonventionellen Zusammenlebens fĂŒr ausufernde sexuelle Phantasien, landesweites Grausen und polizeiliche Verfolgung. Heute lebt ein nicht unbeachtlicher Teil der Bevölkerung in Wohngemeinschaften, und die Sexualmoral hat sich so weit liberalisiert, dass auch Mehrfachbeziehungen akzeptiert werden. Dennoch ist etwas von dem Schrecken geblieben, den die K I und mit ihr die 68er-Bewegung auslöste. Die »kleine radikale Minderheit«, wie sie die Presse nannte, wurde und wird bis heute in einem schwer verstĂ€ndlichen Maße verteufelt.

Kritik aus den eigenen Reihen

Zu den konservativen Kritikern der ersten Stunde, die der Bewegung Unreinlichkeit, Gewaltförmigkeit und vor allem Sittenzerstörung vorwarfen, gesellten sich schon bald die aus den eigenen Reihen. Auch deren rĂŒckblickender Zorn entzĂŒndete sich auffĂ€llig oft am Thema SexualitĂ€t. Es begann in den 1970er Jahren mit der Kritik der Neuen Frauenbewegung an den MĂ€nnern im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS), aus dem die Studentenbewegung hervorging. Die SDS-Frauen, so ein sich zĂ€h haltendes GerĂŒcht, seien nur zum FlugblĂ€tter Tippen und Vögeln gebraucht oder gar dazu gezwungen worden, hĂ€tten aber ansonsten den Mund halten mĂŒssen. TatsĂ€chlich gehörte – anders als in konservativen ZusammenhĂ€ngen dieser Zeit – die Geschlechtergleichheit zum Credo der Organisation, so dass ihre Mitglieder am eigenen Anspruch gemessen werden konnten. Dementsprechend konnten sich Frauen mehr als anderswo einbringen. Und was den angeblichen Zwang zum Sex angeht, kann ich aus eigener Erfahrung sagen, dass im Umkreis des SDS Frauen wie MĂ€nner sexuelle AktivitĂ€t fĂŒr etwas WĂŒnschenswertes hielten, wĂ€hrend jeglicher Zwang unter AntiautoritĂ€ren verpönt war. MĂ€nner wie Frauen experimentierten mit der PromiskuitĂ€t, um die Sexualfeindlichkeit zu ĂŒberwinden, mit der sie aufgewachsen waren. Dass solche Befreiungsversuche nicht ohne RĂŒckfĂ€lle ins Patriarchalische einhergingen, versteht sich von selbst. Die pauschale Verurteilung des SDS aber als ein sexistischer MĂ€nnerclub beleidigt all die mutigen Frauen, die sich damals der radikalen Linken angeschlossen haben.

Die feministische Verurteilung der 68er-Bewegung steigerte sich gegen Ende der 1980er Jahre bis hin zu wahnhaften Vorstellungen von linken MĂ€nnern als Erfindern und Vermarktern von Gewaltpornographie und Snuff-Pornos, die einen Ausrottungskrieg der MĂ€nner gegen die Frauen vorbereiteten. Der Psychoanalytiker Reimut Reiche, einst SDS-Vorstand und einflussreicher Theoretiker, vor allem in Sachen SexualitĂ€t, entwickelte 1987 die abenteuerliche These, dass die PromiskuitĂ€t der 68er eine Überkompensation der SchuldgefĂŒhle deutscher Nachgeborener gegenĂŒber den Opfern des Holocaust gewesen sei. Zuwenig statt zuviel Sex bemĂ€ngelte dagegen Cora Stephan etwa zur gleichen Zeit. Die einstige Marxistin und spĂ€tere Kritikerin Angela Merkels von rechts meinte, die SexualitĂ€t von ihrer Befreiung durch die 68er befreien zu mĂŒssen. Die Angleichung der Geschlechter habe zu Puritanismus und sexueller Langeweile gefĂŒhrt. »LĂŒsternheit und Geilheit«ÂČ seien auf der Strecke geblieben. Zu solch unterschiedlichen VorwĂŒrfen in bezug auf den Umgang mit SexualitĂ€t kam schon seit Beginn der 1980er Jahre der des sexuellen Kindesmissbrauchs, geĂ€ußert von rechts wie von links.

Es begann mit der zum Teil berechtigten Kritik aus feministischen Kreisen an einer bisweilen zu weit gehenden Toleranz gegenĂŒber PĂ€dophilie unter Linken und Liberalen, die zunĂ€chst zu einem sinnvollen Umdenken bei diesem Thema fĂŒhrte. Gleichzeitig brachte die Debatte eine ĂŒbersteigerte Angst vor »KinderschĂ€ndern« mit sich, die nicht selten zu falschen Bezichtigungen fĂŒhrte. So bei Daniel Cohn-Bendit, der Personifizierung des 68ers. In einem Text von 1975 hatte der einstige Erzieher erzĂ€hlt, wie neugierige Kinder seinen Hosenstall öffneten, woraus auf seine angebliche PĂ€dophilie geschlossen wurde. Zu einer antilinken Kampagne wurden die Anschuldigungen wegen sexuellen Kindesmissbrauchs, als die MissbrauchsfĂ€lle an katholischen Gymnasien und an der Odenwaldschule öffentlich wurden. Der MilitĂ€rbischof Walter Mixa und die Rechtskatholikinnen Gabriele Kuby und Christa Meves bezichtigten die 68er-Bewegung der Förderung »abnormer sexueller Neigungen«, der ErschĂŒtterung des »moralischen Fundaments unserer Gesellschaft« und unterstellten die Existenz eines »strategischen Plans«, mittels sexueller Befreiung den Sozialismus einzufĂŒhren.Âł Zu den Erzkonservativen traten auch diesmal progressive Zeitgenossen wie der Wissenschaftsjournalist Christian FĂŒller. Dieser sprach von einer »libertĂ€ren Entfesselung der SexualitĂ€t«, die missbrauchten Kinder gerieten ihm zu »Opfern von Macht, Begierde und Revolution«.⁎ Ins gleiche Horn stieß der Göttinger Professor Franz Walter in seinem Forschungsbericht zur Geschichte der GrĂŒnen. Die Neue Linke strebte seiner Meinung nach ein »ungebĂ€ndigtes, von Regeln gelöstes Leben« an. Und ihre Propagierung der »nicht limitierten SexualitĂ€t der Kinder« habe den PĂ€dophilen TĂŒr und Tor geöffnet.⁔

Freie Liebe

Trotz jahrzehntelanger Diffamierungen gibt es bis heute weder Beweise fĂŒr den Ursprung der Gewaltpornographie in der 68er-Bewegung noch fĂŒr deren Bestreben, die Menschheit mittels entfesselter SexualitĂ€t zur Hölle fahren zu lassen. Auch fehlen jegliche Hinweise darauf, dass Cohn-Bendit sich an Kindern vergriffen hat, und die Vorstellung von der Unterwanderung der Neuen Linken durch eine PĂ€dophilenlobby blieb Verschwörungstheorie. Was aber steckt hinter all diesem Furor? Was war so schlimm an der 68er-Bewegung? Ihr bis heute wirksamer Sprengstoff, wage ich zu vermuten, war die Verbindung von politischen und individuellen Emanzipationszielen, die GedankenverknĂŒpfung von Marxismus und Psychoanalyse und die Verbindung von sozialer mit kultureller bzw. sexueller Revolution. Die Gesellschaft und sich selbst von Grund auf zu verĂ€ndern, soziale Gerechtigkeit und persönliches GlĂŒck zusammen zu verwirklichen, staatliche und familiĂ€re AutoritĂ€t gleichzeitig zu bekĂ€mpfen, ist in der Geschichte der sozialen Bewegungen bisher nur ansatzweise versucht worden.

Die von dem FrĂŒhsozialisten Charles Fourier geplante utopische Versuchskolonie, in der Ehe und Familie durch ein harmonisches kollektives Leben sozial gleichgestellter Individuen ersetzt werden sollten, wurde nie verwirklicht. Trotzdem beeinflussten die Ideen dieses Philosophen, der die bĂŒrgerliche Ehe mit der Prostitution verglich und die Stellung der Frau fĂŒr den Gradmesser des Fortschritts jeder Gesellschaft hielt, die Arbeiterbewegung. Der 1848er-RevolutionĂ€r Georg Herwegh und seine Frau versuchten sich an Mehrfachbeziehungen. Friedrich Engels kritisierte im »Ursprung der Familie« Monogamieforderung, bĂŒrgerliche Ehe und Familie, und sogar August Bebel berief sich auf Fourier. Victoria Woodhull, GrĂŒnderin der amerikanischen Sektion der Ersten Internationale, bekannte sich vehement zur freien Liebe. Die berĂŒhmte Anarchistin Emma Goldman heiratete nur fĂŒr eine Green Card und forderte freie Liebe ausdrĂŒcklich als Frauenrecht. Manche russische RevolutionĂ€re der Jahrhundertwende versuchten in ihren eigenen Kreisen eine antibĂŒrgerliche Sexualmoral zu verwirklichen, die so anziehend war, dass ihr Funke auf die russische Kulturrevolution ĂŒbersprang.

Lenins WeggefĂ€hrtin Alexandra Kollontai sorgte im nachrevolutionĂ€ren Russland fĂŒr die liberalste Familien- und Sexualgesetzgebung, die es jemals gab. HomosexualitĂ€t und Abtreibung wurden legalisiert, Jugendliche experimentierten mit der PromiskuitĂ€t und grĂŒndeten Wohnkollektive. Der Kommunist und Freud-SchĂŒler Wilhelm Reich, der in seiner Sex-Pol-Bewegung bestrebt war, proletarische Jugendliche ĂŒber die sexuelle Doppelmoral der Bourgeoisie aufzuklĂ€ren, um sie fĂŒr den Klassenkampf zu gewinnen, wurde mit offenen Armen empfangen. Es gab antiautoritĂ€re Erziehungsinstitutionen, und die Psychoanalyse galt als Mittel zur revolutionĂ€ren VerĂ€nderung der Menschen. All diese emanzipatorischen AnsĂ€tze wurden vom Stalinismus scheinbar unwiederbringlich zerstört, nicht anders als Wilhelm Reichs Sexpol-Bewegung in Deutschland vom Faschismus.

Der Traum von neuen Lebensformen aber, die besser wĂ€ren als bĂŒrgerliche Ehe und Familie, war nicht totzukriegen. »Make Love, not War« schrieben seine AnhĂ€nger der spĂ€ten 1960er Jahre, ob »Hippies« oder »Politikos«, auf ihre Fahnen und schickten sich abermals an, die Liebe von ihren moralischen, kirchlichen und staatlichen Fesseln zu befreien. Um die sexualpolitische RadikalitĂ€t der 68er-Rebellen speziell im postfaschistischen Deutschland zu verstehen, hilft ein Blick auf das, was vorher war. In der BRD der 1950er Jahre versuchten die Machthaber, die Menschen mit strikter Arbeits- und Sexualmoral zu disziplinieren, um sie von den progressiven Impulsen der Nachkriegszeit abzubringen und Antikommunismus und Wiederbewaffnung durchzusetzen. SexualitĂ€t war etwas, wovon man nicht sprach, dessen man sich schĂ€mte und das es vor den Heranwachsenden zu verheimlichen galt. Außereheliche SexualbetĂ€tigung wurde als etwas Schmutziges, Niedriges und Ungesundes hingestellt, vergleichbar dem Sex im Bordell. MĂ€dchen sollten als Jungfrauen in die Ehe gehen. Eine geschiedene Frau galt als Hure, eine Abtreiberin als Verbrecherin und ein Schwuler als notorischer KnabenverfĂŒhrer. Dagegen stand allein der Nonkonformismus weniger KĂŒnstler und Bohemien, die in wilden Ehen lebten, promisk waren und nichts gegen Homosexuelle hatten. Statt dessen fĂŒhlten sie sich von der verbotenen Welt der Nachtbars und Bordelle angezogen und weideten sich an Henry Millers Schilderungen feindseliger und obszöner Sexualbegegnungen. SexualitĂ€t war fĂŒr diese Antispießer etwas GefĂ€hrliches, AbgrĂŒndiges und Asoziales, verwandt mit Prostitution, Verbrechen und Unterwelt. Unbeschwerten sexuellen Genuss konnten sie sich ebensowenig vorstellen wie die BiedermĂ€nner.

Drei Fraktionen

Einflussreiche Gegenströmungen zum von oben verordneten Sexualkonservatismus entstanden in der zweiten HÀlfte der 1960er Jahre. Die Bundesdeutschen hatten es inzwischen zu beachtlichem Wohlstand gebracht. Die Nachfolger des noch vom Kaiserreich geprÀgten katholischen Kanzlers Konrad Adenauer erkannten, dass sie den Menschen jetzt mehr Freizeit, Konsum und Genuss gönnen mussten, um politischen Unfrieden zu vermeiden. Der »Fresswelle« folgte die »Reisewelle«, so dass die »Sexwelle« in den Medien folgerichtig war. Werbefotografen, Boulevardpresse-Herausgeber und Pornographen konnten jetzt in zÀhem Ringen mit den Zensoren und SaubermÀnnern mehr und mehr nackte Haut und aufreizende Posen ihrer Modelle durchsetzen. Sie waren die Pioniere der Vermarktung von SexualitÀt, die inzwischen bis ins Monströse fortgeschritten ist.

Eine zweite Fraktion von Akteuren dessen, was heute unter dem Begriff sexuelle Revolution zusammengefasst wird, bildeten die Sexualreformer. Im Zuge des kulturellen Tauwetters identifizierten sich mehr und mehr liberal gesinnte Bundesdeutsche mit den Schriften des US-Amerikaners Alfred Kinsey und seinen wertfreien, empirischen Erkenntnissen zur SexualitĂ€t. Sie befĂŒrworteten pragmatische AufklĂ€rung fĂŒr Kinder und Jugendliche und eine generelle Enttabuisierung der SexualitĂ€t. Der bekannteste von ihnen war Oswalt Kolle, politisch ein Konservativer, Mitglied der FDP bzw. ihrer hollĂ€ndischen Schwesterpartei. In seinem ersten Buch von 1968 »Das Wunder der Liebe« kritisierte er JungfrĂ€ulichkeitswahn und Masturbationsverbot. Er empfahl die Antibabypille, forderte die Frauen auf, sexuell aktiv zu sein und erklĂ€rte den MĂ€nnern, dass weder Superpotenz noch PenisgrĂ¶ĂŸe einen guten Liebhaber ausmachen. Der Text aber richtete sich ausschließlich an heterosexuelle Verheiratete oder Verlobte. In den geschilderten Ehen geht der Mann arbeiten, die Frau versorgt Haushalt und Kinder. Die Geschlechterrollen bleiben unhinterfragt, ebenso wie Ehe und Familie und die gesellschaftliche Ordnung ĂŒberhaupt.

Die dritte Fraktion derer, die zusammen mit Vermarktern und Reformern gegen die restriktive Sexualmoral ankĂ€mpften, waren die SexualrevolutionĂ€re an Schulen und UniversitĂ€ten. Die SchĂŒler orientierten sich mit ihrer Forderung nach pragmatischem SexualaufklĂ€rungsunterricht zunĂ€chst an den Reformern. Von Eltern und SchulbĂŒrokratie dafĂŒr mit Disziplinarmaßnamen und Kriminalisierung gestraft, radikalisierten sie sich, forderten die Freigabe der Antibabypille und freie SexualbetĂ€tigung fĂŒr Jugendliche. Sie grĂŒndeten das Aktionszentrum UnabhĂ€ngiger und Sozialistischer SchĂŒler (AUSS), eine dem SDS nachempfundene Organisation, und sorgten fĂŒr politische und sexuelle Skandale an unzĂ€hligen Gymnasien. GĂŒnter Amendt vom Frankfurter SDS, Autor von »Sexfront« (1970), des ersten westdeutschen SexualaufklĂ€rungsbuches fĂŒr Jugendliche, gehörte zu ihren Mentoren.

Die radikalen Studenten selbst entwickelten bei der LektĂŒre von Herbert Marcuse und Wilhelm Reich einen neuen, optimistischen SexualitĂ€tsbegriff jenseits von Moralismus und libertiner Antimoral. Marcuses Ideal eines demokratischen Sozialismus, der die GĂŒter gerecht verteilen und Bedingungen fĂŒr nicht entfremdete Arbeit schaffen wĂŒrde, barg eine Utopie in der Tradition Fouriers in sich. Die Kultur der befreiten Gesellschaft, so Marcuse, wĂŒrde sich von der gegebenen in ihrer »Àsthetisch-erotischen Dimension« unterscheiden, so dass eine Erotisierung des ganzen Lebens möglich wĂ€re. Wilhelm Reichs vernichtende Kritik an VaterautoritĂ€t, Kleinfamilie und Monogamie sprach den jungen Rebellen nicht minder aus der Seele. Und dass eins der Ziele der sozialen Revolution laut Reich »das sexuelle Spiel und Leben in allen seinen Formen vom grob Sinnlichen bis zu den höchsten Sublimationen der SexualitĂ€t« sei, ĂŒbertraf noch Marcuses Verheißungen.⁶

»Revolution muss Spaß machen«

Die, die all das schon jetzt verwirklichen wollten, die ungeduldigsten RevolutionĂ€re, sahen 1966 zusammen den Film »Viva Maria!« von Louis Malle. Es waren die spĂ€teren GrĂŒnder der K I um Dieter Kunzelmann, die von der anarchistisch beeinflussten Gruppe »Subversive Aktion« zum SDS gekommen waren. Der Film mit Brigitte Bardot und Jeanne Moreau spielt in einem fiktiven lateinamerikanischen Land und zeigt, wie eine Gruppe frei lebender und liebender ZirkuskĂŒnstler sich aufstĂ€ndischen Landarbeitern anschließt und zusammen mit ihnen die Großgrundbesitzer besiegt. Revolution, Liebe und Sex verschmelzen und vermitteln ĂŒberwĂ€ltigende Sinnlichkeit und Lebensfreude. Louis Malles Ironie und Leichtigkeit im Umgang mit SexualitĂ€t wirkte auf die jungen Deutschen der »bleiernen Zeit« wie ein mĂ€chtiges Gegengift zur konservativen Kriminalisierung der körperlichen Lust. Unter dem Motto »Revolution muss Spaß machen« begannen sie ihr Wohnprojekt zu planen. Kunzelmann organisierte eine Konferenz mit SDS-Prominenz zum Thema Kommune. Rudi Dutschke sprach auf dieser ĂŒber die Pariser Kommune von 1871, Bernd Rabehl ĂŒber Alexandra Kollontai und Kunzelmann von der noch zu grĂŒndenden zeitgenössischen Kommune als »neuer Form des Zusammenlebens, Zusammenarbeitens und politischen Einmischens«.⁷ Das politische Einmischen der K I aber, ihre vom Surrealismus beeinflussten Happenings, ihr »Puddingattentat« auf einen amerikanischen Politiker und ihre satirischen FlugblĂ€tter missfielen dem SDS-Vorstand. Vor allem die unversöhnliche Kritik Reimut Reiches, des Sexexperten, sorgte schon 1967 fĂŒr den Ausschluss des Entfant terrible aus der Studentenorganisation.

Der sexuelle Optimismus revoltierender SchĂŒler und Studenten entsprach ihrem politischen Optimismus angesichts der Erfolge der Befreiungsbewegungen in der »Dritten Welt« und des weltweiten Protestes gegen den Krieg in Vietnam. Zu einem oft naiv rousseauschen Glauben an das Gute im Menschen kam der an die ursprĂŒngliche GĂŒte nicht unterdrĂŒckter SexualitĂ€t, die so zur Heilsbringerin wurde. Nicht alle verfielen dieser Illusion. Hatte Marcuse doch vor der Befreiung der SexualitĂ€t unter unfreien Bedingungen gewarnt und ihre warenförmige Vermarktung als »repressive Entsublimierung« analysiert. Keiner wusste das besser als Reimut Reiche, der 1967 sein programmatisches Buch »SexualitĂ€t und Klassenkampf – Zur Abwehr repressiver Entsublimierung« veröffentlichte. Der Autor verbindet darin Marcuses Theorie vom revolutionĂ€ren Potential bestimmter Randgruppen wie rebellierender proletarischer Jugendlicher, SchĂŒler und Studenten mit Lenins Avantgardekonzept, demzufolge sich intellektuelle KlassenverrĂ€ter zur FĂŒhrung des Proletariats aufschwingen. Ein Haupthindernis fĂŒr solch stellvertretenden Klassenkampf sind die raffiniert integrierten Anleihen, die die Herrschenden des SpĂ€tkapitalismus bei der sexuellen Revolution gemacht haben. Es ist Reiches Verdienst, diese Erkenntnis der Kritischen Theorie aufgegriffen zu haben, um vor Illusionen zu warnen. Gleichzeitig aber fiel er in eben den Konservatismus zurĂŒck, gegen den die antiautoritĂ€re Bewegung angetreten war.

Reiche Ă€ußerte sich mit Abscheu ĂŒber eine in der Linken angeblich umsichgreifende PromiskuitĂ€t im Sinne »zwanghafter Regellosigkeit und Unterschiedslosigkeit«.⁞ Er verurteilte die Forderung des AUSS nach Aufstellung von Antibabypille-Automaten in den Schulen und warf den AUSSlern vor, blutjunge MĂ€dchen zum Sex zu ĂŒberreden. Die Kommune-I-Mitglieder verglich Reiche mit sexsĂŒchtigen Partnertauschern. Und – zu einer Zeit, als es noch kaum Wohngemeinschaften gab – warnte er vor deren GrĂŒndung, vor allem, wenn Kinder mit einziehen sollten. Nichts könne je die Familie ersetzen.

Sieg des Marktes

In der SpĂ€tphase der KI entpolitisierte sich ein Teil der Mitglieder und nĂ€herte sich den Ideologien des psychedelischen Undergrounds an. Andere vermeintliche Sexavantgardisten reproduzierten das Sektierertum des spĂ€ten Wilhelm Reich mit seiner romantischen Lehre vom kornblumenblauen Orgon als der Lebensenergie. Wieder andere grĂŒndeten Sexkommunen im Auftrag des Wiener AktionskĂŒnstlers Otto Muehl, die nach dem FĂŒhrerprinzip organisiert waren. Der SDS und das AUSS und mit ihnen die antiautoritĂ€re Linke wurden von den neostalinistischen K-Gruppen abgelöst, fĂŒr die persönliche und sexuelle Emanzipation ein bourgeoiser Zeitvertreib war. Sie deklarierten den Primat der Politik, rehabilitierten Disziplin und Arbeitsmoral, verboten ihren Genossen das Kiffen und empfahlen ihnen zu heiraten.

Die sexuelle Revolution in ihrem radikalen Sinn hat ebensowenig stattgefunden wie die soziale Revolution. Die wohltuende Liberalisierung der Moral, die wir sowohl den SexualrevolutionĂ€ren als auch den Reformern verdanken, hat nichts GrundsĂ€tzliches geĂ€ndert. Die sexualpolitischen Sieger der Geschichte aber sind die Vermarkter, deren tabubrecherische BemĂŒhungen sich seit ĂŒber 50 Jahren in barer MĂŒnze auszahlen. Was bleibt ist die Utopie der freien Liebe in einer freien Gesellschaft, deren Anziehungskraft das nicht enden wollende Geschrei der 68er- Basher beweist. KĂŒnftige sozialrevolutionĂ€re Bewegungen werden wieder versuchen, persönliche und politische VerĂ€nderung zusammenzudenken, auch wenn ihre VorgĂ€nger damit scheitern mussten.

Anmerkungen:

1 Dieter Kunzelmann, zit. n. Ulrich Enzensberger: Die Jahre der Kommune I. Berlin 1967–1969, Köln 2004, S. 85

2 Cora Stephan: Ganz entspannt im Supermarkt, Berlin 1985, S. 37

3 Walter Mixa, zit. n. http://www.augsburger-allgemeine.de/politik/Bischof-Mixa-Sexuelle-Revolution-mitschuldig-an-Missbrauch-id7322051.html; Gabriele Kuby, zit n. Andreas SpÀth (Hg.): Die missbrauchte Republik, London/Hamburg 2010, S. 42 u. Christa Meves, zit. n. ebd., S. 47

4 Christian FĂŒller: »Großer Kinderladen BRD«, Der Freitag, 17/2013 u. ders.: Offener Brief an die Autorin vom 27.5.2014

5 Franz Walter: Die GrĂŒnen und die PĂ€dosexualitĂ€t, Göttingen 2015, S. 256 f.

6 Herbert Marcuse: Das Ende der Utopie und das Problem mit der Gewalt, Berlin 1967, S. 17 u. Wilhelm Reich: Massenpsychologie des Faschismus, Frankfurt a. M., 1972, S. 198

7 Dieter Kunzelmann, zit. n. Enzensberger, a. a. O., S. 70

8 Reimut Reiche: SexualitÀt und Klassenkampf, Frankfurt a. M. 1969, S. 104

Ulrike Heider, Jahrgang 1947, ist freie Schriftstellerin und Journalistin. Von ihr erscheint im Februar im Berliner Verlag Bertz und Fischer die Neuausgabe ihrer politischen Autobiographie »Keine Ruhe nach dem Sturm«.
Dieser Text erschien zuerst in der Tageszeitung Junge Welt, und erscheint hier mit freundlicher Genehmigung von Autorin und Verlag.
Ein besonderer Dank geht von dieser Stelle an Extradienst-Gastautor Dieter Bott, der mit der heute in New York lebenden Autorin befreundet ist, und den Kontakt vermittelt hat.