Von Ulrike Heider
Die 68er-Bewegung stand für einen sexuellen Aufbruch. Körperlichkeit und Revolte gehörten zusammen

Vor 51 Jahren gründeten drei junge Frauen, fünf Männer und ein Kind in Westberlin die erste Wohngemeinschaft der Bundesrepublik. Die Kommune I (K I) war ausdrücklich als politisches Projekt, nicht etwa als Sexkolonie gedacht. Ihre Mitglieder erklärten, dass sie auf Privateigentum und Zweierbeziehungen verzichten würden, um unter sich vorwegzunehmen »was Menschsein in emanzipativer Gesellschaft beinhalten könnte«.¹ Obwohl sie fast nichts zum Thema Sexualität verlauten ließen, sorgte die bloße Tatsache ihres unkonventionellen Zusammenlebens für ausufernde sexuelle Phantasien, landesweites Grausen und polizeiliche Verfolgung. Heute lebt ein nicht unbeachtlicher Teil der Bevölkerung in Wohngemeinschaften, und die Sexualmoral hat sich so weit liberalisiert, dass auch Mehrfachbeziehungen akzeptiert werden. Dennoch ist etwas von dem Schrecken geblieben, den die K I und mit ihr die 68er-Bewegung auslöste. Die »kleine radikale Minderheit«, wie sie die Presse nannte, wurde und wird bis heute in einem schwer verständlichen Maße verteufelt.

Kritik aus den eigenen Reihen

Zu den konservativen Kritikern der ersten Stunde, die der Bewegung Unreinlichkeit, Gewaltförmigkeit und vor allem Sittenzerstörung vorwarfen, gesellten sich schon bald die aus den eigenen Reihen. Auch deren rückblickender Zorn entzündete sich auffällig oft am Thema Sexualität. Es begann in den 1970er Jahren mit der Kritik der Neuen Frauenbewegung an den Männern im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS), aus dem die Studentenbewegung hervorging. Die SDS-Frauen, so ein sich zäh haltendes Gerücht, seien nur zum Flugblätter Tippen und Vögeln gebraucht oder gar dazu gezwungen worden, hätten aber ansonsten den Mund halten müssen. Tatsächlich gehörte – anders als in konservativen Zusammenhängen dieser Zeit – die Geschlechtergleichheit zum Credo der Organisation, so dass ihre Mitglieder am eigenen Anspruch gemessen werden konnten. Dementsprechend konnten sich Frauen mehr als anderswo einbringen. Und was den angeblichen Zwang zum Sex angeht, kann ich aus eigener Erfahrung sagen, dass im Umkreis des SDS Frauen wie Männer sexuelle Aktivität für etwas Wünschenswertes hielten, während jeglicher Zwang unter Antiautoritären verpönt war. Männer wie Frauen experimentierten mit der Promiskuität, um die Sexualfeindlichkeit zu überwinden, mit der sie aufgewachsen waren. Dass solche Befreiungsversuche nicht ohne Rückfälle ins Patriarchalische einhergingen, versteht sich von selbst. Die pauschale Verurteilung des SDS aber als ein sexistischer Männerclub beleidigt all die mutigen Frauen, die sich damals der radikalen Linken angeschlossen haben.

Die feministische Verurteilung der 68er-Bewegung steigerte sich gegen Ende der 1980er Jahre bis hin zu wahnhaften Vorstellungen von linken Männern als Erfindern und Vermarktern von Gewaltpornographie und Snuff-Pornos, die einen Ausrottungskrieg der Männer gegen die Frauen vorbereiteten. Der Psychoanalytiker Reimut Reiche, einst SDS-Vorstand und einflussreicher Theoretiker, vor allem in Sachen Sexualität, entwickelte 1987 die abenteuerliche These, dass die Promiskuität der 68er eine Überkompensation der Schuldgefühle deutscher Nachgeborener gegenüber den Opfern des Holocaust gewesen sei. Zuwenig statt zuviel Sex bemängelte dagegen Cora Stephan etwa zur gleichen Zeit. Die einstige Marxistin und spätere Kritikerin Angela Merkels von rechts meinte, die Sexualität von ihrer Befreiung durch die 68er befreien zu müssen. Die Angleichung der Geschlechter habe zu Puritanismus und sexueller Langeweile geführt. »Lüsternheit und Geilheit«² seien auf der Strecke geblieben. Zu solch unterschiedlichen Vorwürfen in bezug auf den Umgang mit Sexualität kam schon seit Beginn der 1980er Jahre der des sexuellen Kindesmissbrauchs, geäußert von rechts wie von links.

Es begann mit der zum Teil berechtigten Kritik aus feministischen Kreisen an einer bisweilen zu weit gehenden Toleranz gegenüber Pädophilie unter Linken und Liberalen, die zunächst zu einem sinnvollen Umdenken bei diesem Thema führte. Gleichzeitig brachte die Debatte eine übersteigerte Angst vor »Kinderschändern« mit sich, die nicht selten zu falschen Bezichtigungen führte. So bei Daniel Cohn-Bendit, der Personifizierung des 68ers. In einem Text von 1975 hatte der einstige Erzieher erzählt, wie neugierige Kinder seinen Hosenstall öffneten, woraus auf seine angebliche Pädophilie geschlossen wurde. Zu einer antilinken Kampagne wurden die Anschuldigungen wegen sexuellen Kindesmissbrauchs, als die Missbrauchsfälle an katholischen Gymnasien und an der Odenwaldschule öffentlich wurden. Der Militärbischof Walter Mixa und die Rechtskatholikinnen Gabriele Kuby und Christa Meves bezichtigten die 68er-Bewegung der Förderung »abnormer sexueller Neigungen«, der Erschütterung des »moralischen Fundaments unserer Gesellschaft« und unterstellten die Existenz eines »strategischen Plans«, mittels sexueller Befreiung den Sozialismus einzuführen.³ Zu den Erzkonservativen traten auch diesmal progressive Zeitgenossen wie der Wissenschaftsjournalist Christian Füller. Dieser sprach von einer »libertären Entfesselung der Sexualität«, die missbrauchten Kinder gerieten ihm zu »Opfern von Macht, Begierde und Revolution«.⁴ Ins gleiche Horn stieß der Göttinger Professor Franz Walter in seinem Forschungsbericht zur Geschichte der Grünen. Die Neue Linke strebte seiner Meinung nach ein »ungebändigtes, von Regeln gelöstes Leben« an. Und ihre Propagierung der »nicht limitierten Sexualität der Kinder« habe den Pädophilen Tür und Tor geöffnet.⁵

Freie Liebe

Trotz jahrzehntelanger Diffamierungen gibt es bis heute weder Beweise für den Ursprung der Gewaltpornographie in der 68er-Bewegung noch für deren Bestreben, die Menschheit mittels entfesselter Sexualität zur Hölle fahren zu lassen. Auch fehlen jegliche Hinweise darauf, dass Cohn-Bendit sich an Kindern vergriffen hat, und die Vorstellung von der Unterwanderung der Neuen Linken durch eine Pädophilenlobby blieb Verschwörungstheorie. Was aber steckt hinter all diesem Furor? Was war so schlimm an der 68er-Bewegung? Ihr bis heute wirksamer Sprengstoff, wage ich zu vermuten, war die Verbindung von politischen und individuellen Emanzipationszielen, die Gedankenverknüpfung von Marxismus und Psychoanalyse und die Verbindung von sozialer mit kultureller bzw. sexueller Revolution. Die Gesellschaft und sich selbst von Grund auf zu verändern, soziale Gerechtigkeit und persönliches Glück zusammen zu verwirklichen, staatliche und familiäre Autorität gleichzeitig zu bekämpfen, ist in der Geschichte der sozialen Bewegungen bisher nur ansatzweise versucht worden.

Die von dem Frühsozialisten Charles Fourier geplante utopische Versuchskolonie, in der Ehe und Familie durch ein harmonisches kollektives Leben sozial gleichgestellter Individuen ersetzt werden sollten, wurde nie verwirklicht. Trotzdem beeinflussten die Ideen dieses Philosophen, der die bürgerliche Ehe mit der Prostitution verglich und die Stellung der Frau für den Gradmesser des Fortschritts jeder Gesellschaft hielt, die Arbeiterbewegung. Der 1848er-Revolutionär Georg Herwegh und seine Frau versuchten sich an Mehrfachbeziehungen. Friedrich Engels kritisierte im »Ursprung der Familie« Monogamieforderung, bürgerliche Ehe und Familie, und sogar August Bebel berief sich auf Fourier. Victoria Woodhull, Gründerin der amerikanischen Sektion der Ersten Internationale, bekannte sich vehement zur freien Liebe. Die berühmte Anarchistin Emma Goldman heiratete nur für eine Green Card und forderte freie Liebe ausdrücklich als Frauenrecht. Manche russische Revolutionäre der Jahrhundertwende versuchten in ihren eigenen Kreisen eine antibürgerliche Sexualmoral zu verwirklichen, die so anziehend war, dass ihr Funke auf die russische Kulturrevolution übersprang.

Lenins Weggefährtin Alexandra Kollontai sorgte im nachrevolutionären Russland für die liberalste Familien- und Sexualgesetzgebung, die es jemals gab. Homosexualität und Abtreibung wurden legalisiert, Jugendliche experimentierten mit der Promiskuität und gründeten Wohnkollektive. Der Kommunist und Freud-Schüler Wilhelm Reich, der in seiner Sex-Pol-Bewegung bestrebt war, proletarische Jugendliche über die sexuelle Doppelmoral der Bourgeoisie aufzuklären, um sie für den Klassenkampf zu gewinnen, wurde mit offenen Armen empfangen. Es gab antiautoritäre Erziehungsinstitutionen, und die Psychoanalyse galt als Mittel zur revolutionären Veränderung der Menschen. All diese emanzipatorischen Ansätze wurden vom Stalinismus scheinbar unwiederbringlich zerstört, nicht anders als Wilhelm Reichs Sexpol-Bewegung in Deutschland vom Faschismus.

Der Traum von neuen Lebensformen aber, die besser wären als bürgerliche Ehe und Familie, war nicht totzukriegen. »Make Love, not War« schrieben seine Anhänger der späten 1960er Jahre, ob »Hippies« oder »Politikos«, auf ihre Fahnen und schickten sich abermals an, die Liebe von ihren moralischen, kirchlichen und staatlichen Fesseln zu befreien. Um die sexualpolitische Radikalität der 68er-Rebellen speziell im postfaschistischen Deutschland zu verstehen, hilft ein Blick auf das, was vorher war. In der BRD der 1950er Jahre versuchten die Machthaber, die Menschen mit strikter Arbeits- und Sexualmoral zu disziplinieren, um sie von den progressiven Impulsen der Nachkriegszeit abzubringen und Antikommunismus und Wiederbewaffnung durchzusetzen. Sexualität war etwas, wovon man nicht sprach, dessen man sich schämte und das es vor den Heranwachsenden zu verheimlichen galt. Außereheliche Sexualbetätigung wurde als etwas Schmutziges, Niedriges und Ungesundes hingestellt, vergleichbar dem Sex im Bordell. Mädchen sollten als Jungfrauen in die Ehe gehen. Eine geschiedene Frau galt als Hure, eine Abtreiberin als Verbrecherin und ein Schwuler als notorischer Knabenverführer. Dagegen stand allein der Nonkonformismus weniger Künstler und Bohemien, die in wilden Ehen lebten, promisk waren und nichts gegen Homosexuelle hatten. Statt dessen fühlten sie sich von der verbotenen Welt der Nachtbars und Bordelle angezogen und weideten sich an Henry Millers Schilderungen feindseliger und obszöner Sexualbegegnungen. Sexualität war für diese Antispießer etwas Gefährliches, Abgründiges und Asoziales, verwandt mit Prostitution, Verbrechen und Unterwelt. Unbeschwerten sexuellen Genuss konnten sie sich ebensowenig vorstellen wie die Biedermänner.

Drei Fraktionen

Einflussreiche Gegenströmungen zum von oben verordneten Sexualkonservatismus entstanden in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre. Die Bundesdeutschen hatten es inzwischen zu beachtlichem Wohlstand gebracht. Die Nachfolger des noch vom Kaiserreich geprägten katholischen Kanzlers Konrad Adenauer erkannten, dass sie den Menschen jetzt mehr Freizeit, Konsum und Genuss gönnen mussten, um politischen Unfrieden zu vermeiden. Der »Fresswelle« folgte die »Reisewelle«, so dass die »Sexwelle« in den Medien folgerichtig war. Werbefotografen, Boulevardpresse-Herausgeber und Pornographen konnten jetzt in zähem Ringen mit den Zensoren und Saubermännern mehr und mehr nackte Haut und aufreizende Posen ihrer Modelle durchsetzen. Sie waren die Pioniere der Vermarktung von Sexualität, die inzwischen bis ins Monströse fortgeschritten ist.

Eine zweite Fraktion von Akteuren dessen, was heute unter dem Begriff sexuelle Revolution zusammengefasst wird, bildeten die Sexualreformer. Im Zuge des kulturellen Tauwetters identifizierten sich mehr und mehr liberal gesinnte Bundesdeutsche mit den Schriften des US-Amerikaners Alfred Kinsey und seinen wertfreien, empirischen Erkenntnissen zur Sexualität. Sie befürworteten pragmatische Aufklärung für Kinder und Jugendliche und eine generelle Enttabuisierung der Sexualität. Der bekannteste von ihnen war Oswalt Kolle, politisch ein Konservativer, Mitglied der FDP bzw. ihrer holländischen Schwesterpartei. In seinem ersten Buch von 1968 »Das Wunder der Liebe« kritisierte er Jungfräulichkeitswahn und Masturbationsverbot. Er empfahl die Antibabypille, forderte die Frauen auf, sexuell aktiv zu sein und erklärte den Männern, dass weder Superpotenz noch Penisgröße einen guten Liebhaber ausmachen. Der Text aber richtete sich ausschließlich an heterosexuelle Verheiratete oder Verlobte. In den geschilderten Ehen geht der Mann arbeiten, die Frau versorgt Haushalt und Kinder. Die Geschlechterrollen bleiben unhinterfragt, ebenso wie Ehe und Familie und die gesellschaftliche Ordnung überhaupt.

Die dritte Fraktion derer, die zusammen mit Vermarktern und Reformern gegen die restriktive Sexualmoral ankämpften, waren die Sexualrevolutionäre an Schulen und Universitäten. Die Schüler orientierten sich mit ihrer Forderung nach pragmatischem Sexualaufklärungsunterricht zunächst an den Reformern. Von Eltern und Schulbürokratie dafür mit Disziplinarmaßnamen und Kriminalisierung gestraft, radikalisierten sie sich, forderten die Freigabe der Antibabypille und freie Sexualbetätigung für Jugendliche. Sie gründeten das Aktionszentrum Unabhängiger und Sozialistischer Schüler (AUSS), eine dem SDS nachempfundene Organisation, und sorgten für politische und sexuelle Skandale an unzähligen Gymnasien. Günter Amendt vom Frankfurter SDS, Autor von »Sexfront« (1970), des ersten westdeutschen Sexualaufklärungsbuches für Jugendliche, gehörte zu ihren Mentoren.

Die radikalen Studenten selbst entwickelten bei der Lektüre von Herbert Marcuse und Wilhelm Reich einen neuen, optimistischen Sexualitätsbegriff jenseits von Moralismus und libertiner Antimoral. Marcuses Ideal eines demokratischen Sozialismus, der die Güter gerecht verteilen und Bedingungen für nicht entfremdete Arbeit schaffen würde, barg eine Utopie in der Tradition Fouriers in sich. Die Kultur der befreiten Gesellschaft, so Marcuse, würde sich von der gegebenen in ihrer »ästhetisch-erotischen Dimension« unterscheiden, so dass eine Erotisierung des ganzen Lebens möglich wäre. Wilhelm Reichs vernichtende Kritik an Vaterautorität, Kleinfamilie und Monogamie sprach den jungen Rebellen nicht minder aus der Seele. Und dass eins der Ziele der sozialen Revolution laut Reich »das sexuelle Spiel und Leben in allen seinen Formen vom grob Sinnlichen bis zu den höchsten Sublimationen der Sexualität« sei, übertraf noch Marcuses Verheißungen.⁶

»Revolution muss Spaß machen«

Die, die all das schon jetzt verwirklichen wollten, die ungeduldigsten Revolutionäre, sahen 1966 zusammen den Film »Viva Maria!« von Louis Malle. Es waren die späteren Gründer der K I um Dieter Kunzelmann, die von der anarchistisch beeinflussten Gruppe »Subversive Aktion« zum SDS gekommen waren. Der Film mit Brigitte Bardot und Jeanne Moreau spielt in einem fiktiven lateinamerikanischen Land und zeigt, wie eine Gruppe frei lebender und liebender Zirkuskünstler sich aufständischen Landarbeitern anschließt und zusammen mit ihnen die Großgrundbesitzer besiegt. Revolution, Liebe und Sex verschmelzen und vermitteln überwältigende Sinnlichkeit und Lebensfreude. Louis Malles Ironie und Leichtigkeit im Umgang mit Sexualität wirkte auf die jungen Deutschen der »bleiernen Zeit« wie ein mächtiges Gegengift zur konservativen Kriminalisierung der körperlichen Lust. Unter dem Motto »Revolution muss Spaß machen« begannen sie ihr Wohnprojekt zu planen. Kunzelmann organisierte eine Konferenz mit SDS-Prominenz zum Thema Kommune. Rudi Dutschke sprach auf dieser über die Pariser Kommune von 1871, Bernd Rabehl über Alexandra Kollontai und Kunzelmann von der noch zu gründenden zeitgenössischen Kommune als »neuer Form des Zusammenlebens, Zusammenarbeitens und politischen Einmischens«.⁷ Das politische Einmischen der K I aber, ihre vom Surrealismus beeinflussten Happenings, ihr »Puddingattentat« auf einen amerikanischen Politiker und ihre satirischen Flugblätter missfielen dem SDS-Vorstand. Vor allem die unversöhnliche Kritik Reimut Reiches, des Sexexperten, sorgte schon 1967 für den Ausschluss des Entfant terrible aus der Studentenorganisation.

Der sexuelle Optimismus revoltierender Schüler und Studenten entsprach ihrem politischen Optimismus angesichts der Erfolge der Befreiungsbewegungen in der »Dritten Welt« und des weltweiten Protestes gegen den Krieg in Vietnam. Zu einem oft naiv rousseauschen Glauben an das Gute im Menschen kam der an die ursprüngliche Güte nicht unterdrückter Sexualität, die so zur Heilsbringerin wurde. Nicht alle verfielen dieser Illusion. Hatte Marcuse doch vor der Befreiung der Sexualität unter unfreien Bedingungen gewarnt und ihre warenförmige Vermarktung als »repressive Entsublimierung« analysiert. Keiner wusste das besser als Reimut Reiche, der 1967 sein programmatisches Buch »Sexualität und Klassenkampf – Zur Abwehr repressiver Entsublimierung« veröffentlichte. Der Autor verbindet darin Marcuses Theorie vom revolutionären Potential bestimmter Randgruppen wie rebellierender proletarischer Jugendlicher, Schüler und Studenten mit Lenins Avantgardekonzept, demzufolge sich intellektuelle Klassenverräter zur Führung des Proletariats aufschwingen. Ein Haupthindernis für solch stellvertretenden Klassenkampf sind die raffiniert integrierten Anleihen, die die Herrschenden des Spätkapitalismus bei der sexuellen Revolution gemacht haben. Es ist Reiches Verdienst, diese Erkenntnis der Kritischen Theorie aufgegriffen zu haben, um vor Illusionen zu warnen. Gleichzeitig aber fiel er in eben den Konservatismus zurück, gegen den die antiautoritäre Bewegung angetreten war.

Reiche äußerte sich mit Abscheu über eine in der Linken angeblich umsichgreifende Promiskuität im Sinne »zwanghafter Regellosigkeit und Unterschiedslosigkeit«.⁸ Er verurteilte die Forderung des AUSS nach Aufstellung von Antibabypille-Automaten in den Schulen und warf den AUSSlern vor, blutjunge Mädchen zum Sex zu überreden. Die Kommune-I-Mitglieder verglich Reiche mit sexsüchtigen Partnertauschern. Und – zu einer Zeit, als es noch kaum Wohngemeinschaften gab – warnte er vor deren Gründung, vor allem, wenn Kinder mit einziehen sollten. Nichts könne je die Familie ersetzen.

Sieg des Marktes

In der Spätphase der KI entpolitisierte sich ein Teil der Mitglieder und näherte sich den Ideologien des psychedelischen Undergrounds an. Andere vermeintliche Sexavantgardisten reproduzierten das Sektierertum des späten Wilhelm Reich mit seiner romantischen Lehre vom kornblumenblauen Orgon als der Lebensenergie. Wieder andere gründeten Sexkommunen im Auftrag des Wiener Aktionskünstlers Otto Muehl, die nach dem Führerprinzip organisiert waren. Der SDS und das AUSS und mit ihnen die antiautoritäre Linke wurden von den neostalinistischen K-Gruppen abgelöst, für die persönliche und sexuelle Emanzipation ein bourgeoiser Zeitvertreib war. Sie deklarierten den Primat der Politik, rehabilitierten Disziplin und Arbeitsmoral, verboten ihren Genossen das Kiffen und empfahlen ihnen zu heiraten.

Die sexuelle Revolution in ihrem radikalen Sinn hat ebensowenig stattgefunden wie die soziale Revolution. Die wohltuende Liberalisierung der Moral, die wir sowohl den Sexualrevolutionären als auch den Reformern verdanken, hat nichts Grundsätzliches geändert. Die sexualpolitischen Sieger der Geschichte aber sind die Vermarkter, deren tabubrecherische Bemühungen sich seit über 50 Jahren in barer Münze auszahlen. Was bleibt ist die Utopie der freien Liebe in einer freien Gesellschaft, deren Anziehungskraft das nicht enden wollende Geschrei der 68er- Basher beweist. Künftige sozialrevolutionäre Bewegungen werden wieder versuchen, persönliche und politische Veränderung zusammenzudenken, auch wenn ihre Vorgänger damit scheitern mussten.

Anmerkungen:

1 Dieter Kunzelmann, zit. n. Ulrich Enzensberger: Die Jahre der Kommune I. Berlin 1967–1969, Köln 2004, S. 85

2 Cora Stephan: Ganz entspannt im Supermarkt, Berlin 1985, S. 37

3 Walter Mixa, zit. n. http://www.augsburger-allgemeine.de/politik/Bischof-Mixa-Sexuelle-Revolution-mitschuldig-an-Missbrauch-id7322051.html; Gabriele Kuby, zit n. Andreas Späth (Hg.): Die missbrauchte Republik, London/Hamburg 2010, S. 42 u. Christa Meves, zit. n. ebd., S. 47

4 Christian Füller: »Großer Kinderladen BRD«, Der Freitag, 17/2013 u. ders.: Offener Brief an die Autorin vom 27.5.2014

5 Franz Walter: Die Grünen und die Pädosexualität, Göttingen 2015, S. 256 f.

6 Herbert Marcuse: Das Ende der Utopie und das Problem mit der Gewalt, Berlin 1967, S. 17 u. Wilhelm Reich: Massenpsychologie des Faschismus, Frankfurt a. M., 1972, S. 198

7 Dieter Kunzelmann, zit. n. Enzensberger, a. a. O., S. 70

8 Reimut Reiche: Sexualität und Klassenkampf, Frankfurt a. M. 1969, S. 104

Ulrike Heider, Jahrgang 1947, ist freie Schriftstellerin und Journalistin. Von ihr erscheint im Februar im Berliner Verlag Bertz und Fischer die Neuausgabe ihrer politischen Autobiographie »Keine Ruhe nach dem Sturm«.
Dieser Text erschien zuerst in der Tageszeitung Junge Welt, und erscheint hier mit freundlicher Genehmigung von Autorin und Verlag.
Ein besonderer Dank geht von dieser Stelle an Extradienst-Gastautor Dieter Bott, der mit der heute in New York lebenden Autorin befreundet ist, und den Kontakt vermittelt hat.