Ich leide nicht unter, sondern geniesse eine Talkshow-Allergie. Das erspart viel Zeit und Ärger. Sollten Sie zum Gegenteil, den Süchtigen, gehören, versuchen Sies wenigstens mal ohne Ton; dann erfahren Sie mehr über die beteiligten Personen, und es gibt mehr Überraschungen und Spannung. Gestern Abend geriet ich beim abschliessenden Zappen vor dem Schlafengehen in “Lanz” hinein. Und die Sensation war: ich habe es nicht bereut.
Ich teile eigentlich auch mit Stefan Niggemeier eine spezielle Lanz-Allergie. Über Geschmack lässt sich eben nicht streiten. Andererseits sah ich Ewald Lienen; und er sprach viel. Ewald ist ein westfälischer Dickschädel. Das mag nicht jede*r, und es hat ihm in seiner Fußball- (und kurzen Politik-) Karriere viele Probleme gemacht. Ich weiss aber von guten Freunden, die wiederum mit ihm befreundet sind, was für ein grundanständiger, reflektierter, kluger Kerl er ist. So ähnlich wie Christian Streich, nur dass der als Trainer noch besser ist.
Gestern sass Ewald Lienen da in einer Runde mit Marcel Reif (Bayern-Fan, aber ansonsten ja erwiesenermassen nicht doof), Katja Kraus (Ex-Fußballprofi, Ex-HSV-Vorstandsmitglied, heute Jung-v.-Matt und adidas-Aufsichtsrätin), Patrick Owomoyela (Ex-Nationalspieler) und Michael Horeni (FAZ-Redakteur und Buchautor). Es stellte sich heraus: das Casting von Lanz’ Redaktion war 1a. Lienen konnte sehr viel Informatives und Nützliches zur Fußballausbildung berichten und kritisieren. Frau Kraus, objektiv ein Sprachrohr der heutigen Kapitalinteressen im Fußballbusiness, erlaubte uns in dieser Rolle einen tiefen Einblick in die Wirklichkeit. Horeni wusste viel aus anderen Ländern beizutragen.
Von allem öffentlichem Gelärme um die Özil/Gündogan/Erdogan-Affäre war diese Runde diejenige, der es am besten gelang, das spektakulär aufgeblasene Geschehen realistisch und adäquat in Fußball, Politik und unsere gesellschaftlichen Zustände einzuordnen.
Die dramaturgisch beste Szene gelang zwischen den nebeneinander sitzenden Kraus und Owomoyela. Es ging um die Profis einst und jetzt. Kraus zu Owomoyela: “Du wolltest doch nicht nur reich und berühmt werden?” Owomoyela macht ein Gesicht, sekundenlanges Schweigen, zuckt mit den Schultern. Das hiess: aber klar doch, nichts Anderes.
Wenn sie nur in geringsten Spuren fussballinteressiert sind, wenigstens wissen wollen, welche Rolle er in unserer Gesellschaft aktuell spielt, schauen Sie sich die Diskussion an (3 Monate Mediathek).