Adam Smith hatte im 18.Jahrhundert als erster Theoretiker des “freien Marktes” die These aufgestellt, dass Angebot und Nachfrage den Preis der Ware bestimmten und – auch er verurteilte bereits Kartelle und Absprachen – ein fairer Wettbewerb gleichwohl den Einzelnen wie dem Gemeinwohl diene. Smith war übrigens im Hauptberuf Moralphilosoph und Aufklärer. Aufklärung bedeutet nach Kant die Überwindung der (selbstverantworteten) Unmündigkeit durch Bildung. Das funktionieren eines “Marktes” für Waren und Dienstleistungen setzt voraus – darüber waren sich lange selbst Marktradikale wie Ludwig Erhard, Otto Graf Lambsdorff oder Milton Friedman einig, dass die Marktteilnehmer wissen, mit wem und worüber sie miteinander Handel treiben und dadurch ein gewisses “Gleichgewicht der Waffen  und Chancen” besteht. So sind klare Preisangaben, die Möglichkeit, ein Bild über Angebote zu verschaffen, diese zu vergleichen und daraufhin eine Entscheidung zu treffen, Kinder der Aufklärung und ein wesentliches Grundrecht für Verbraucher.

Damit soll jetzt nach dem Willen der größten US-Internetkonzerne und eines Teils der E-Commerce-Lobby Schluss sein. Das kommerzielle Werbeunternehmen Facebook und die Werbeplattform Google sehen schon seit Jahren ihre Aufgabe darin, durch die Erstellung von umfassenden Meinungs-, Verhaltens- und Nutzerprofilen ihrer gutgläubigen Opfer, die sich auf einem “sozialen” Netzwerk wähnen, Individuen soweit auszuspähen und zu kategorisieren, dass ihnen nur noch vermeintlich “gewünschte” Informationen und Werbung angeboten werden, ihre Gewohnheiten in Clustern von kommerziellen Werbeinteressenten gekauft und analysiert werden.

BIG DATA entwaffnet uns als Konsument*inn*en

Schon heute sind Bonitätseinschätzungen aufgrund von Geodaten, Wohnsitz und Verhaltensmustern sowie der Online-Abruf von Bezahldaten zum Grundbestandteil des E-Commerce geworden. Viele unwissende Kunden lassen sich per IP-Adresse und Wohnort oder GPS lokalisieren und verfolgen, werden Rückschlüsse auf seine Bonität gezogen, wenn IBAN oder EC-Kartendaten eingegeben werden, entscheiden im Hintergrund ablaufende Anfrage- und Suchroutinen z.B. darüber, ob im Supermarkt oder im Internet per Lastschrift oder nur aufgrund der EC-PIN bezahlt werden müssen, ob Zahlarten wie Rechnungskauf oder Kreditkarte überhaupt angeboten werden oder auf Vorkasse verwiesen wird.

Mag man diese Mechanismen als legitime Absicherung von Händlern noch akzeptieren, soll nun nach eigenem Bekenntnis der E-Commerce-Branche die gesamte Angebots- und Preisbildung in Zukunft individuell erfolgen. Was bedeutet das? Bereits heute können Verbraucher eine interessante Erfahrung machen, wenn sie z.B. hochwertige Elektronikprodukte im Internet kaufen wollen. Denn je nachdem, ob sie über ein nagelneues iPhoneX oder einen alten Microsoft XP-Rechner ins Netz gehen und die Anfrage starten, werden die Rezipienten völlig unterschiedliche Preisangebote oder gar kein Angebot bekommen. Das will der Internethandel im Zeichen von “BIG DATA” so weit perfektionieren, dass praktisch über jeden potenziellen Käufer so viele Informationen erlangt werden, dass er/sie komplett transparent und berechenbar sind.

Zudem ist bei immer mehr Händlern ein Verhalten wie bei den Benzinpreisen festzustellen: Niedrigpreisangebote werden nur zu bestimmten Tageszeiten angeboten, wenige Minuten später sind sie wieder verschwunden, sodass ein fairer Vergleich mit Wettbewerbern, die sich ähnlich verhalten, praktisch verunmöglicht wird. Preise werden aufgrund der individuell ermittelten Überwachungsdaten individuell angepasst. Dabei werden Bonität, geschätztes Einkommen und Lebensverhältnisse, damit auch die Bereitschaft, Risiken einzugehen oder sich zu verschulden – letzteres wird gerne durch die Analyse des Nutzerverhaltens auf Spielplattformen ermittelt – sowie alle erreichbaren sozialen Daten zu einem Konsumentsnprofil zusammengefügt. Intelligente Kühlschränke, Waschmaschinen, Energielieferanten, Sicherheits-APPs gegen Einbruch und Diebstahl, Daten von Smart Homes und Smart-City-Diensten – alle diese Daten sind interessant, um Bürger*innen und Verbraucher*innen transparent zu machen. Deshalb ist das Werbeunternehmen Google schon vor einigen Jahren in ein Unternehmen eingestiegen, dass “Smart Homes” und Immobilien steuert.

Ziel all dieser Anstrengungen ist es, dass der Händler oder Verkäufer über den Konsumenten alles weiss, während dieser nicht einmal mehr weiss, welches ein fairer Preis am “Markt” ist, weil die ihm angebotenen Preise im “Idealfall” für die Anbieter auf einer genauen Kenntnis und Einschätzung des potenziellen Käufers beruhen. Spätestens dann kann von “Waffen- oder Chancengleichheit” zwischen Konsument und Anbieter keine Rede mehr sein. Und mit immer mehr “smarten” Diensten soll die Entscheidung, ob eingekauft wird, nicht mehr vom Konsumenten selbst, sondern vom Kühlschrank getroffen. Mündige Käufer zu Konsumidioten. Die Lieferkette wird zum Selbstzweck. Ein feuchter Traum von Lebensmittelketten und Neulingen des Internethandels wie Amazon und Co. Mit Marktwirtschaft, in der Angebot und Nachfrage den Preis regulieren, hat das alles nichts mehr zu tun.

Der Autor ist ehrenamtlicher Vorsitzender des Internet-Gütesiegel-Monitoringboard für Datenschutz und Verbraucherschutz der Initiative D21 e.v. – www.internet-guetesiegel.de