Tarifeinigung bei der Bahn – ich war beruhigt, als ich gestern zu einem weiteren Familienbesuch ins Ruhrgebiet aufbrach. Um die Fahrkartenverkaufststelle, mit einem richtigen Menschen!, im Bahnhof Beuel zu stützen, und um bei dem hässlichen Wetter das “City-plus” auf der Fahrkarte zur Brückenüberquerung nutzen zu können, erwarb ich mir dort die Fahrkarte … dachte ich … Doch der freundliche Mann musste der Kundschaft erklären, es ginge z.Z. gar nichts beim Fahrkartenverkauf, “auch nicht im Hauptbahnhof und auch nicht in Köln Hbf.”. Schade eigentlich. Doch wundersam: der einsame Automat am Bahnsteig 1 in Beuel ist noch nicht “aus Kostengründen” entfernt worden – er tat seine Arbeit.
Dann, Mist, bemerkte ich, das ich mein vor einigen Wochen neuerworbenes Smartphone ein weiteres Mal zuhause am Ladekabel liegend vergessen hatte. Beim Mittagessen in der City half mir ein Freund mit dem “DB-Navigator” aus. Der ist angeblich das zuverlässigste der zahlreichen DB-Informationssysteme. Und er sagte, mein ausgewählter IC habe “10 Minuten Verspätung” – was bedeutete: er fährt, keine Streckensperrung, Signalstörung, Stellwerksanierung, Softwareaktualisierung – sollte es möglich sein, von Bonn nach Essen, also durch halb-NRW störungsfrei durchzufahren?
Am Hbf. Bonn sieht alles noch unverändert aus. Die unnötige Einkaufs-Mall für Primark wächst sichtbar heran, der Bahnsteig 1 dagegen ruht still und unbewegt in sich. Ein weiteres Wunder: dass am Bahnsteig 2 und 3 noch nichts Schlimmes passiert ist. Bisher am meisten geschädigt dürften die Nerven der durchfahrenden Lokführer*innen sein.
Wie freitags üblich waren alle Personenzüge verspätet. Das ist für den flexiblen Fahrgast wie mich ganz praktisch, weil der Takt auf der Strecke dann ja funktioniert. Ich nahm also einen verspäteten IC von der Stunde davor und nahm das Umsteigen in Köln inkauf. Dort musste ich abwägen: einen weiteren verspäteten IC ins Ruhrgebiet abwarten, oder einen langsamen aber pünktlichen Regionalexpress über Neuss nehmen? Doch halt: da startete in Köln noch ein IC nach Gera (gibt es da einen Bahnhof?), mit dem ich in Duisburg einen – zufällig – exakt passenden Anschluss an einen Regionalexpress nach Essen-Altenessen mit einem freien Klappsitz im Fahrradabteil erreichte. In Altenessen kam die U-Bahn dann exakt in dem Moment, in dem ich die 80 m Höhenunterschied vom DB-Bahnsteig bewältigt hatte. Unter dem Strich: eine idealtypische Anreise, wie sie freitags nicht besser geht.

“Wir warten auf den Lokführer”

Die eigentlichen Überraschungen gabs wie so oft erst bei der abendlichen Rückreise. Der IC wurde mit Verspätung angekündigt, kam aber pünktlich. Wow, immer für eine Überraschung gut. In Köln Hbf. fuhren wir ebenfalls pünktlich ein. Dort erklärte uns der Zugführer dann per Lautsprecherdurchsage, dass sich die Weiterfahrt “um einige Minuten” verzögere: “Wir warten noch auf einen Lokführer. Die Fahrdienstleitung telefoniert bereits.” Wir warteten. 7 Minuten nach der planmässigen Abfahrt dann die Durchsage: “Wir setzen unsere Fahrt nun fort. Wir konnten unseren Lokführer überreden noch bis Koblenz weiterzufahren.” Der Fahrplan sah eine Weiterfahrt bis Frankfurt vor. Ob der Zug dieses Ziel erreichte, habe ich nicht verfolgt. Für einen Lokführer, der sich auf einen Schichtwechsel und Feierabend in Köln gefreut hat, dürfte das Stranden in Koblenz eine Höchststrafe gewesen sein.
Mein Beileid. Wir werden die ausübenden solcher gesundheitsgefährdenden Dienstleistungsberufe bald auf Händen tragen müssen. Oder ausbilden und besser bezahlen.