Selten geworden: Musikjournalismus

Von , am Sonntag, 21. Juli 2019, in Genuss, Medien.

Musikjournalismus im Radio ist eine aussterbende Art. Die Formatierung der Radioprogramme ist kulturell das, was die Landwirtschaft biologisch macht: Vernichtung der Artenvielfalt (TV dito). Heute habe ich das Ausserhaus-Mittagessen ausfallen lassen, um die DLF-Sendung “Rock et cetera” zu hören. Es ging um “The Specials”, von denen eine aktuelle Reunion zu melden ist. Ich war popmässig nie auf Ballhöhe in der ersten Reihe, lief mehr im Mainstream mit, inkl. allerdings vieler ausgeprägter Antipathien. Die Specials nahm ich erst bewusst wahr, als sie sich schon aufgelöst hatten. “Ghost Town” war No. 1 in der UK Top40, die ich seinerzeit regelmässig auf BFBS verfolgte.
Das weckte mein Interesse an ihrem musikalischen Werk, und ich verfolgte dann auch das Wirken der zahlreichen Nachfolgebands. Ein Fixstern politischer Art war das Mandela-Konzert 1988, bei dem die Ex- und-jetzt-wieder Special-Musiker auf britischer Seite eine wichtige organisierende Rolle spielten, wie Steve van Zandt für die US-amerikanische Fraktion.
Das DLF-Programm von Marcel Anders hat sich für mich jedenfalls gelohnt, eine schöne und informative Sendung. Und, wie ich erst im nachhinein durch eine 5-Minuten-Recherche bemerkte, ausserdem ein Resozialisationsprojekt zugunsten des Autors. Anders muss nämlich in ein tiefes Loch gefallen sein, nachdem herausgekommen war, dass er ein Ennio Morricone-Interview im “Playboy” verfälscht habe – jedenfalls wurde das von beteiligten Juristen so ausverhandelt. Im Radio haben wir die Möglichkeit, das gesprochene Wort selbst zu hören. Es ist zwar alles auch durch den Schnitt manipulierbar (und durch fehlerhafte Übersetzung). Mir klang es ziemlich echt. Ich empfehle das Nachhören.

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