Risikoaversion – ARD-Tatort unter Druck

Von , am Montag, 2. Dezember 2019, in Medien.

Denkarbeit an “Drittem” Mediensystem – endlich! (s. Update unten)
Matthias Dell war Nachfolger von Barbara Schweizerhof als Medienredakteur beim Freitag. Aber lange hat er anscheinend das Augstein-Regime dort auch nicht ausgehalten. Heute ist er ein inhaltlich auffälliger und – notgedrungen? – fleissiger “freier” Medienjournalist (DLF, Zeit-online, weiterhin Freitag usw.). Erstmals fand ich ihn gestern im FAZ-Feuilleton, mit einer wichtigen Angelegenheit, die ich an anderen Stellen leider bisher nicht gefunden habe: die ARD, ihr “Tatort” und die Frage, welche Rolle dort Frauen spielen.
Der Tatort ist in der ARD ein Politikum, weil die ihn für ihr wertvollstes Stück hält. Nach dem Fussball. Weil in der ARD, obwohl sie uns allen gehört, und wir sie alle monatlich bezahlen, die harte Währung die Einschaltquoten sind. Der mittelmässige Tatort gestern hatte z.B. gut 9 Mio. Zuschauer*innen. Naja, es war kalt draussen, in vielen Regionen regnete es, wer hat da schon Lust die Wohnung zu verlassen? Ausser Fussball und Tatort hat die ARD nichts, womit sie Massen bindet. Das macht ihr Angst.
Darum entstand vor wenigen Jahren schon mal eine paranoide interne Diskussion der Senderführungen über eine beschränkende Quotierung von “Experimental-Tatorts”. Bis heute bliebt unklar, was damit inhaltlich gemeint war. Gemeint war sicher: wenn mal einer unter 7 Mio. hat, was in Zeiten von Klimaerwärmung nächsten Sommer leicht wieder passieren kann. Unsereiner denkt zuerst an die Tukur-Ausgaben vom Hessischen Rundfunk, in letzter Zeit die Sehenswertesten und Originellsten.
Deutlich wurde an dieser paranoiden Debatte etwas Anderes, was Dell und die Frauen absolut zutreffend herausarbeiten: im Kern geht es um die Verteidigung von Ressourcen und Macht – gegen drohende Kräfte der Veränderung. Solche Kräfte sind: heisses Sommerwetter, Digitalisierung und Streamingdienste – und Frauen! Die wollen jetzt auch was abhaben. Obwohl es doch immer weniger wird.
Und die altwerdenden Männer entlarven sich selbst mit schockierender Berechenbarkeit. Für die ARD wird das kein gutes Ende nehmen.
Update nachmittags: zum Weiterlesen dieses ausführliche Interview, das Rene Martens für die Medienkorrespondenz mit Lutz Hachmeister führte. Neben zahlreichen weiteren angeschnittenen Themen wird hier glänzend und historisch abgeleitet analysiert, woher die Risikolarmoyanz kommt, und wie es gegenwärtig um sie steht. Es enthält ausserdem eine aus meiner Sicht aufregende Neuigkeit, die Hachmeister möglichst niedrig zu hängen versucht: das Institut, dessen Leitung er soeben abgegeben hat, arbeitet an einer gedanklichen Konstruktion eines den heutigen politischen und technologischen Bedingungen gemässen “dritten” Mediensystems. Endlich! Ich bin gespannt.

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