An der deutschen Berichterstattung über den gestrigen El Clásico stimmt nichts. Der Sportschau-Bericht geriet nicht nur zu kurz, sondern auch inhaltlich falsch. Die besten Szenen fehlten. Wofür kauft sich die ARD Nachverwertungsrechte – von unserem Geld – wenn sie so schlampig damit umgeht? Barca hatte zwar mehr Torchancen, Real war aber leider feldüberlegen. Politisch hätte den Katalan*inn*en eine weitere Demütigung der sog. “Königlichen” sicher gut getan; die blieb aber dieses Mal leider aus.
Barcas Problem war gestern das klar unterlegene Mittelfeld. Die Hierarchie in der Mannschaft ist mannschaftssport-ungeeignet. Der Boss ist Lionel Messi, der sogar die Vereinspolitik mitbestimmen darf. Das ist aber keine gesunde Struktur für ein gutes Zusammenspiel. Ein hochveranlagter Frenkie de Jong, für viel Geld (75-85 Mio.) von Ajax geholt, bleibt unterverwertet. Im gestrigen Spiel wucherte in mir die Sehnsucht nach Xavi und Iniesta. Sie hatten aus der gleichen Nachwuchsschule La Masia kommend eine Messi gleichwertige Autorität, und haben fast ständig die strategische Herrschaft auf dem Spielfeld ausgeübt.
Verbessert wirkte auf mich gestern die Barca-Abwehr. Zum ersten Mal seit dem Abgang von Carles Puyol gewannen sie durchweg alle Kopfballduelle. Für die Schüsse aus der zweiten Real-Reihe zeichnete dann in bewährter Weltklasse Marc-André ter Stegen verantwortlich.
Trotz der Unterlegenheit des Mittelfeldes kreierte die Sturmreihe von Barca die besseren Torchancen, die erste allerdings – im heimischen Camp Nou wie eine Blamage – erst nach einer halben Stunde. Es erwies sich, dass Messi-Suarez-Griezmann von keiner Abwehr dieser Fussballwelt 100%ig kontrollierbar sind, aber strukturell immer das Problem der Defensivfaulheit mitbringen, die die weniger teuren Mitspieler dann durch Mehraufwand ausgleichen müssen. Messi soll zu den Kritikern der teuren Neuerwerbung Griezmann (120 Mio.) gehören. Der ist zweifellos ein fast ähnlich genialer und ästhetisch wertvoller Stümerstar wie er. Und das ist das Problem. Die überteuerte Anwerbung solcher Spielertypen ist orientiert an der Marketing-Verwertung, nicht am sportlichen Gewinn. Finanziell soll sich Barca mit diesen Transfers verausgabt haben; der Verein fährt finanziell auf den Felgen.
Die teuren Stars verwehren den Jungtalenten aus der eigenen Fussballschule den möglichen Zutritt zur ersten Mannschaft. Nicht wenige gehen aus La Masia auf Weltreise, statt das eigene Team zu entwickeln und zu bereichern. Ein vergleichbares Problem sehe ich bei den U23-Teams der Borussias aus Dortmund und Mönchengladbach in der Regionalliga West. Der geldgeile Turbokapitalismus im Fussballbusiness tötet sportliche Potenziale. Menschliche Entwicklung braucht Geduld. Und die ist hier systemwidrig.
Barca ist in der aktuellen Form kein Champions-League-Favorit. Sie sind sogar vom Fussballkonzern aus dem süddeutschen Raum aktuell schlagbar. Wie jedes Jahr wird wieder darauf gewartet, dass die, die vor arabischem Geld kaum laufen können, PSG oder ManCity, den Pokal holen. Wird einem von ihnen der nötige Spannungsaufbau im Team erstmals gelingen? Ich würde lieber wieder Liverpool vorziehen – allein um die Feudalverbrecher zu demütigen.
Gestern in der spanischen Kneipe war ein Grundschüler, Sohn eines befreundeten Paares dabei. Im Barca-Trikot, mit leuchtenden Augen auf den Monitor, trotz 0:0 nicht gelangweilt, nicht ermüdet. Er spielt in der Jugend von Fortuna Müllekoven. Ich witzelte seine Mutter an: “Wenn er in 10 Jahren da auf dem Bildschirm ist, hast du deine Rente durch.” Und ihm schärfte ich bei der Rückfahrt ein: “Achte darauf, dass deine Eltern beim Spiel nicht dabei sind. Die sind immer die, die mit Randale anfangen.”
Gestern im Casa Pepe blieb es friedlich, allerdings nur knapp. FC-Köln- und Real-Fans waren anwesend, wenige nur, aber sehr laut und betrunken.