Ich hätte es ahnen können. Schon beim Ortsverband Beuel war es verdächtig voll. Obwohl es “nur” um Inhalte ging. Der wenig prominente Ortsverbandssprecher Christoph Winter referierte zum aktuellen Stand der – na klar: Klimapolitik. Nur die eingeweihtesten aktiven Mitglieder konnten wissen, dass Christoph das, aus rein eigenem persönlichen Leistungsehrgeiz und Respekt vor dem Publikum, sehr sorgfältig und gründlich macht, inhaltlich und formal. Es ist möglich, ihm über 15 Minuten am Stück zuzuhören, weil er mit Präsentationssoftware nicht auf Kriegsfuss steht. Das Bistro Odeon war pickepackevoll, und blieb es auch bei der Präsentation des Wahlprogrammentwurfes für die Bezirksvertretung Beuel.
Gestern Abend das gleiche Programm für den Kreisverband der Grünen und sein Wahlprogramm zur Stadtratswahl – im Cafesaal des Migrapolis in der Brüdergasse. Ich bin wieder gegangen. Nicht nur die Sitzplätze waren alle schon weg, auch die Luft zum Atmen. “Normale” Zustände in einer werdenden Regierungspartei, bei der sich erst nach Wahlen wird klären können und müssen, inwieweit sie auch eine Partei der Macht wird. Allein der Verdacht zieht halt schon sehr viele Menschen an – die übrigens das Durchschnittsalter merklich senken.
Wer es wie ich nicht mehr in die Versammlung hinein geschafft hat, muss sich beim Kreisverband um einen Zugang zu “Antragsgrün” kümmern, und kann dann digital an der Programmdiskussion teilnehmen. Beschlussfassung ist in Beuel und Bonn dann im Februar. Im März werden die Kandidat*inn*en für die Kommunalwahl (Stadtrat und Bezirksvertretungen) gewählt. Dafür können sich selbstverständlich auch Nichtparteimitglieder bewerben.
Die OB-Kandidatin stellen die Bonner Grünen schon früher auf. Am Freitag, 24.1., 18 h im Rathaus Beuel. Dafür ist bisher nur eine Bewerberin bekannt.
Die Bonner Grünen zählen aktuell über 1.000 Mitglieder. Zu meiner Kreisvorstandszeit 1990-94 waren es nur 300-350. Im NRW-Ranking der Grünen Kreisverbände steht Bonn damit auf Platz 2, hinter Köln. Die anderen Parteien können über solche Zahlen nur lachen. Die SPD Bonn gibt für sich über 3.000 Mitglieder an. Der Unterschied liegt qualitativ nicht nur im Lebensalter, sondern damit in gewissem Masse einhergehend aber noch wichtiger, in der individuellen Engagementbereitschaft eines einzelnen Mitgliedes. Und natürlich am Ende, und da hören die Anderen schnell auf zu lachen, im Verhältnis der Zahl der nominellen Mitglieder zur Zahl der Wähler*innen. Wer mobilisiert besser? Es werden die sein, die Lust am Engagement zeigen.
Die Grüne Partei ist insofern ein Transformationsabenteuer mit offenem Ergebnis. Sie werden keine Volkspartei werden. Dieses Organisationsmodell ist am Ende. Es wird eine Annäherung ans US-System geben: organisationsschwächere Parteistrukturen, abhängiger von der Professionalität ihrer Führungen und ressourcenstärkeren Parlamentsfraktionen auf verschiedenen Ebenen, aber auch instabiler und beeinflussbarer, was, wie die USA ebenfalls gegenwärtig lehren, nicht immer nur schlecht sein muss.