Interview mit Dr. Axel Friedrich, Internationaler Verkehrsberater*

Herr Dr. Friedrich, bisher gelten die bekannten Vorsorgeregeln, Hände waschen mit Wasser und Seife, zwei Meter Abstand zwischen Personen und Verringerung von Kontakten als probate Mittel, um die Infektion mit Corona-Viren wirkungsvoll zu verringern. “Der Spiegel” dieser Woche beschreibt einen weiteren Übertragungsweg – das Anhaften von Corona-Viren an Feinstaubteilchen – wie muss ich mir das vorstellen?

Wir wissen schon lange, dass ultrafeine Partikel als Träger fungieren können. Sie können tief in die Lunge eindringen und deshalb auch das Virus an die Stelle bringen, wo es die Infektion auslösen kann. Das hat man schon bei SARS gezeigt, nur bisher bei Corona noch nicht, weil die Zeit bisher noch zu kurz war. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass sich Corona genauso verhält, ist relativ hoch.

Wie gesichert sind solche Erkenntnisse?

Für SARS gilt dies gesichert. Wir wissen beispielsweise auch, dass Pollen als Verstärker bei der Übertragung dienen. Wir wissen aber auch, dass bei Menschen, die in Gebieten leben, wo allgemein eine hohe Luftbelastung herrscht, ihre Immunabwehr geschwächt ist. Was wiederum mit diesen Partikeln zu tun hat.

Luftbelastung schwächt die Immunabwehr

Der “Spiegel” beschreibt, dass das Corona-Virus dafür sorgt, dass sich in den Lungenbläschen zwischen die Sauerstoffmoleküle und die Lungenmembran eine Schleimschicht setzt, die den Gasaustausch mit dem Blut erschwert oder gar unterbindet. Daraus schießen Wissenschaftler, dass etwa Raucher ein vielfach höheres Risiko haben, einen schweren Verlauf der Corona-Erkrankung zu erleiden.

Wir wissen ja, dass beim Rauchen allgemein ein hoher Anteil von ultrafeinen Partikeln eingeatmet wird, wir wissen auch, dass die Menschen die viel rauchen, mehr Lungen-und Herzkrankheiten haben. Und es ist in der Tat so, dass wenn Sie in einer Stadt mit hoher Luftbelastung wohnen, das im Prinzip so wirkt, als ob Sie Passivraucher wären. Natürlich sind beim Rauchen noch andere Substanzen im Spiel, wie polychlorierte Kohlenwasserstoffe und Schwermetalle, das ist natürlich in der Luft in dem Maße nicht vorhanden. Aber es entspricht im Prinzip dem passiven Rauchen.

Kann man aus diesen Erkenntnissen Schlüsse auf die Frage nach einem Zusammenhang zwischen Wirkung der Feinstaubbelastung und der Gefahr bzw. den Auswirkungen einer Corona-Erkrankung ziehen?

Das kann man so direkt noch nicht nachweisen, aber man weiß, dass Menschen in Gebieten mit hoher Luftbelastung vermehrt Erkrankungen der Atemwege aufweisen, Herzkrankheiten, Diabetes Typ zwei – all die Erkrankungen, die bei Corona-Infektion als Vorschädigung gelten und im Falle einer Erkrankung mit Corona die Gefahr erhöhen, dass die Krankheit schwer verläuft, verstärkt.

Zusammenhänge zwischen Luftverschmutzung und schweren Verläufen untersuchen

Bei den Corona-Hostspots wie Wuhan, der Lombardei und New York handelt es sich um von Feinstaub und Abgasen besonders belastete Regionen. Gibt es wissenschaftliche Anhaltspunkte dafür, dass die dort besonders hohen Zahlen und schweren Verläufe, möglicherweise auch die Todeszahlen, damit in irgendwelchem Zusammenhang stehen?

Es gibt Hinweise aber auch da ist es bisher eine viel zu kurze Zeit, um das wirklich wissenschaftlich nachzuweisen. Wir brauchen mehr Zeit und mehr Forschungsmittel, um diesen Zusammenhang auch für das neue Corona Virus nachzuweisen. Allerdings ist dies wahrscheinlich. Diese Untersuchungen müssen gemacht werden, aber ich bin mir schon jetzt relativ sicher, dass es vor allem, was die Frage der Schwere des Verlaufes angeht, gewisse Zusammenhänge geben könnte.

Muß dann nicht der Erforschung der Wechselwirkungen zwischen Luftqualität und Erkrankungsrisiko auch aufgrund der Corona-Pandemie künftig eine ganz andere Bedeutung beigemessen werden?

Wir wissen, dass in der Europäischen Union pro Jahr ca. 360.000 Menschen vorzeitig an Folgen der Luftverschmutzung sterben, in Deutschland ca. 60.000. D.h. wir haben eine immens hohe Belastung durch die Luftverschmutzung. In China schätzt man diese Zahl auf 3 bis 4 Mio. Menschen, in Indien wahrscheinlich ebenfalls 3 bis 4 Mio. – das ist eine Zahl die eigentlich die Politik erschrecken müsste. Aber wie wir wissen, hat sie nicht ausreichende Maßnahmen getroffen. Die Maßnahmen zur Reduktion der Luftverschmutzung in der Vergangenheit in der Lombardei, in China oder in Indien sind vor der Pandemie nicht besonders drastisch gewesen. Die Maßnahmen zur Bekämpfung von Corona, die man jetzt macht, sind es durchaus und wir sehen, dass sie wirkungsvoll sind. Mehr wäre im Vorfeld notwendig gewesen, um die Luftverschmutzung in den Griff zu bekommen. Im Prinzip ist das kein Hexenwerk, aber die Bereitschaft dazu muss bestehen. Das ist technisch und sozial möglich und erforderlich – muss aber auch umgesetzt werden.

Kluft zwischen Messungen und offiziellen Werten

China hat 2008 während der Olympischen Spiele umfangreiche Maßnahmen getroffen, um die Luftbelastung zu verringern.

Ich war im Vorfeld der Olympischen Spiele von der chinesischen Regierung eingeladen, um diese in diesem Themenbereich zu beraten. Nicht alle Ratschläge, die wir Experten damals gemacht haben, hat die chinesische Regierung aufgegriffen, aber man konnte schon sehen, dass in den drei Wochen, wo die Spiele stattgefunden haben, die Luftbelastung zurückgegangen ist. Es ist sogar dauerhaft besser geworden. Man sieht aber auch, dass die offiziellen Werte und die Werte die man messen kann, oft ein großes Stück auseinander klaffen. Ich bin kürzlich in Indien gewesen und habe in den engen Straßen zum Teil zehnmal höhere Werte gemessen als die offiziellen Messstellen – obwohl die nur 100 oder 150 m weiter weg waren. Das zeigt, dass man durch die Auswahl der Messstelle auch die Daten verändern kann. Das passiert nicht nur in Indien und China, sondern auch hier in Europa. Es gibt auch hier Beispiele, wo in Griechenland eine Messstation in 9 m Höhe installiert ist, oder wie in Leverkusen die Messstation von hinten durch eine Luftstrom angeblasen werden kann, was natürlich die Messwerte verfälscht. Der Kampf um die Standorte der Messstellen spielt ja auch bei der Feinstaubbelastung nach wie vor eine wichtige Rolle.

Welche Schlüsse muss die Politik aus diesen Zusammenhängen ziehen?

Sie muss endlich verstehen dass die Frage der Luftbelastung ein massives Risiko für die Gesundheit der Menschen ist, und gerade jetzt in der Situation aufgrund der Pandemie wiederhole ich: Wir brauchen eine Luftbelastungskontrolle durch entsprechende Maßnahmen, durch ausreichende Pläne der Kommunen. Das gilt insbesondere für NRW – dort haben sich ja Kommunen geradezu geweigert, entsprechend wirksame Luftreinhaltepläne aufzustellen. Die Durchsetzung einer Kontrolle der Ultra-Feinstaubmessungen und auch der Stickoxidwerte hat dort wesentlich länger gedauert, als beispielsweise in Berlin. Und die Auseinandersetzungen darum sind immer noch nicht abgeschlossen. Noch immer gibt die Politik dem Verkehr die Priorität, aber nicht der Gesundheit der Menschen. Die Ministerpräsidenten Söder und Laschet haben dies in der Vergangenheit gezeigt.

Einfacher Mundschutz selbst optimierbar

Bisher hat man geglaubt, Mundschutz würde nicht viel nützen – die Asiaten würden vor allem aus Höflichkeit Masken tragen. Und wenn es wie derzeit überhaupt keine Masken am Markt gibt, wäre es fatal, das Tragen von den Menschen zu verlangen. Ist das wirklich so?

Stoffmasken nutzen nicht besonders viel – einfache Stoffmasken lassen etwa 70-80 % der Partikel durch, aber wenn ich da einen Staubsauger-Zusatzfilter einlege,  (Wichtig: Nicht gemeint sind Staubsaugerbeutel d. Interv.)  steigt die Effizienz auf etwa 80 % deutlich an, wenige der Aerosole kommen durch, und das senkt das Risiko für mich und mein Gegenüber doch sehr deutlich. Ich muss lernen, sie richtig anzulegen, um zu vermeiden, dass Atemströme seitlich an Mund und Nase entlang den Filter umgehen. Das muss man üben, aber das ist kein Hexenwerk, darüber kann man die Menschen entsprechend aufklären und das bedeutet, wir können das Risiko durch das Masken tragen deutlich verringern.

Was können wir alle tun, um uns und die anderen noch besser zu schützen?

Wir müssen dafür sorgen, dass so eine überraschende Situation nicht wieder vorkommt, wir brauchen die Vorräte an Schutzkleidung und Masken, wir brauchen die dauerhafte Schadstoffreduzierung in der Luft, und wir brauchen ein leistungsfähiges Gesundheitssystem, das alles hat die Politik bisher versäumt. Wir waren zwar etwas besser, als manche anderen Länder, aber besonders gut und vorbereitet waren wir nicht, schon gar nicht als Europäer. Dass es anderen viel schlimmer geht, ist kein Grund, die Vorsorge zu unterlassen.

Vielen Dank für dieses Gespräch.

 

Das Interview führte Roland Appel am 15.4.2020

* Dr. Axel Friedrich ist Chemiker und Umweltexperte, ehemaliger Abteilungseiter im Umweltbundesamt und hat maßgeblich dazu beigetragen, die Luftschadstoffbelastung in Europa zu senken. Er berät Regierungen und Umweltorganisationen in Fragen der Luftreinhaltung und Klimaschutz. Er hat zur Aufdeckung des Dieselskandals durch seine Messungen und fachliche Beratung der Umweltverbände entscheidende Beiträge geleistet.

Über den/die Autor*in: Roland Appel

Roland Appel, Publizist und Unternehmensberater, Datenschutzbeauftragter für mittelständische Unternehmen und tätig in Forschungsprojekten. Er war stv. Bundesvorsitzender der Jungdemokraten und Bundesvorsitzender des Liberalen Hochschulverbandes, Mitglied des Bundesvorstandes der FDP bis 1982. Ab 1983 innen- und rechtspolitscher Mitarbeiter der Grünen im Bundestag. Von 1990-2000 Landtagsabgeordneter der Grünen NRW, ab 1995 deren Fraktionsvorsitzender. Er arbeitet und lebt im Rheinland.