… ist gleichzeitig ein Klima-Zeichen an der Wand? – weiter unten: Messenmenschhaltung
Als ich gestern – zum wiederholten Mal – mit einer Freundin am Beueler Rheinufer lustwandelte, konnten wir das Glück kaum fassen. Was wäre, wenn wir in dieser Phase sozialer Distanzierung und Isolation, Digitales hin oder her, jetzt auch noch ein Wetter hätten wie früher? Regen, Sonne, und dann wieder Regen, mit nicht wenig Wind. Die Älteren erinnern sich: es nannte sich “Aprilwetter”.
In den 90ern war ich sogar in einem Toskana-Urlaub, um dem deutschen Aprilwetter zu entfliehen, in einen regelrechten Blizzard geraten, der mich einen Fussmarsch vom Ferienhaus ins nächste Dorf abbrechen liess, ein traumatisches Erlebnis. Und jetzt das: tausende Menschen am Rheinufer und auf der viel zu engen (ausser für Autos) Südbrücke. Nicht nur die Parkplätze an der engen Friedrich-Breuer-Strasse müssen weg, wie es Dagny Schwarz völlig zurecht fordert. Auf der Südbrücke muss der Streifen für Fahrräder und Fussgänger*innen zu Lasten der Autos in der Breite verdreifacht werden, nicht nur wg. Corona. Denkbar wäre für kreative Bauingenieure eine flexiblere Bauweise, die z.B. wenigstens an Postcorona-Wochenenden den Nichtautos auf der Brücke den Platz gibt, der ihnen gebührt.
Es war schön, es war entspannend für uns, frei von Terminhektik einfach lustzuwandeln um seiner selbst willen, Gedanken miteinander mäandern zu lassen, und um uns rum Menschenmassen, von denen viele Ähnliches taten. Sich hinsetzen oder hinlegen, um einfach den Gesprächen zu lauschen, übertraf jede Trash-Talkshow im inhaltlichen Niveau.
Sicher, viele hatten auch Stress. Eltern mit kleinen Kindern, die jetzt alle das Fahrradfahren erlernen. Jede Sekunde Konzentration war erforderlich, dass die zu beschützenden Kleinen nicht unter Beine und Räder von ebenfalls reichlich vertretenen Leistungssportler*inne*n gerieten. Es war halt alles vertreten, was nicht mit dem Auto fährt.
Am Wegesrand arbeitende Takeaway-Gastronomien hatten Umsätze, wie … sonst nur an langen schönwettrigen Pfingstwochenenden. Pfingsten? Es war doch grad erst Ostern. Richtig. Ein Osterwetter wie Pfingsten. Pegelstand des Rheins in Bonn: 1,88 m. Die steinigen Ufer sehen aus, wie eine Meeresküste bei Ebbe. Im April. Expert*inn*en sagen, das sei kein Notstand, weil die unteren Bodenschichten hier in NRW durch die Niederschläge im Februar und März ausreichend durchfeuchtet seien. Mag sein, stimmt wahrscheinlich.
Aber warum kommt kein Hochwasser mehr, seit die Beueler Deiche auf 9,50 m stehen? Meine Hypothese: es fehlt nicht nur Regenwetter, sondern auch Gletscher- und Schneeschmelze. Davon ist nämlich auch nicht mehr viel da. Und wir im Rheinland sind die Letzten, die von Dürren und Wüsten erreicht werden.
Unser Sozialleben und die kapitalistische Industrieproduktion, sogar die Luftverschmutzung machen zwar Pause. Meine Freundin bemerkte richtig, dass die Luft in der Kölner Bucht schon lange, lange nicht mehr so angenehm war, wie jetzt (ausser auf der Südbrücke). Der Klimawandel aber, auch wenn hiesige Medien jetzt keine Zeit mehr für ihn haben, macht keine Pause. Pause machen nur Politik und Medien. Sie funktionieren nur zeitverzögert, wenn der gesellschaftliche Druck so gross ist, dass er sich nicht mehr ignorieren lässt. Es liegt also an “uns”, ob sie den Arsch hochkriegen.
Selbst wenn der Sommer nicht so schlimm wird, wie dieser prachtvolle Frühling befürchten lässt; das ist halt nur Wetter.

Massenmenschhaltung

Bei jeder Tierseuche geraten Massentierfabriken in der Deutschen Agrarindustrie in Panik. Wenn ein Schwein die Pest hat, können sie ihre Fabrik mit tausenden Viechern dichtmachen. Social Distancing kennen die nicht. Darüber ist es in den Medien derzeit ebenfalls merkwürdig still geworden. War da nicht eine Schweineseuche in Polen (“afrikanisch” genannt, obwohl sie aus dem Baltikum kommt) schon bis 70 km an die Oder-Neisse-Grenze vorgedrungen? Hat Corona sie etwa gestoppt? Oder gar die Bundespolizei? Die Schweine, sofern sie nicht lieber sterben würden, könnte es freuen.
Dafür bedroht Corona nicht nur dichtbedrängte Flüchtlngslager, sondern auch Sklavenarbeiter*innen, und die nicht nur beim Spargelstechen, sondern auch beim Schlachten. Ein weiteres Zeichen an der Wand.
Update nachmittags: wie Sie mit Ihrem Schnitzelessen den Regenwald vernichten, bzw. der globale Kapitalismus, der Ihnen das verordnet, erklärt Ihnen morgen Abend (20:15 h, Mediathek ab 10 h) “Das Soja-Imperium” auf ZDFinfo (ausnahmsweise mal nichts mit Hitler). Dieser Hinweis ist schon deswegen wichtig, weil WDR (und MDR) am Wochenende ihre TV-Programmarbeit einstellen. Stattdessen senden die (sitzen Sie gut? halten Sie sich fest): “Schlagerbooom 2019 – Alles funkelt! Alles glitzert! Die legendäre Dortmunder Westfalenhalle mit über 12.000 Zuschauern verwandelt sich in ein riesiges Lichtermeer – unter dem Motto ‘Alles funkelt! Alles glitzert!’ Denn die größte und erfolgreichste Schlager-Eurovisionsliveshow feiert Jubiläum: Seit 25 Jahren begeistern die Feste-Shows Millionen Zuschauer! Es gratulieren: Roland Kaiser, Andrea Berg, Howard Carpendale, Marianne Rosenberg, Andreas Gabalier, Kerstin Ott, Oli. P, Maite Kelly, Giovanni Zarrella, Pietro Lombardi, die Kelly Family und viele weitere Stars – natürlich mit vielen Schlagern zum Mitsingen!” Wenn ihre Nachbar*inne*n das wirklich tun – rufen Sie die Polizei! (Ordnungsamt hat zu, bzw. patrouilliert am Rheinufer – ziehen Sie sich lieber dorthin zurück! Wer dort singt, ist “Corona-Party”-verdächtig.)

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net