Von Günter Bannas
Es wird geschrieben, es sei so gut wie entschieden, Olaf Scholz werde Kanzlerkandidat der SPD werden. Viel spricht dafür. Der Vizekanzler verfügt über Erfahrungen in der Bundes- und Landespolitik, in der Legislative und Exekutive, in der Parteiarbeit und auf der internationalen Bühne. Demoskopisch ist er mit Abstand der angesehenste deutsche Sozialdemokrat, auf Augenhöhe mit Angela Merkel und Markus Söder. Andere Führungsleute der Partei, die sich schon nach dem Rücktritt von Andrea Nahles beim Mitgliederentscheid über den Parteivorsitz als Drückebergerinnen und Drückeberger erwiesen hatten, verhalten sich auch dieses Mal nach dem Sieben-Schwaben-Motto „Hannemann, geh du voran! Du hast die größten Stiefel an“. Bei 15 Prozent in den Umfragen ist ihr „Bitte nach dir, Olaf“ nachvollziehbar, zumal das mit den „größten Stiefeln“ auch zutrifft. Entschieden aber ist erst, wenn Scholz seine Bedingungen gestellt und Ja gesagt hat – und die sogenannte SPD-Spitze erleichtert dann auch.

Als Gefahr lauert Wirecard und das, was sich darum herumrankt. Grüne, Linke, FDP und mit nichtheimlicher Freude auch die Union werden dafür sorgen, den Finanzskandal am Köcheln zu halten, am liebsten natürlich in einem Bundestagsuntersuchungsausschuss. Ihr Ziel: Egal, was Scholz wirklich tat und tut, irgendetwas bleibt immer hängen, und es ist dafür gesorgt, dass er mit seiner Kampagne nicht durchdringen kann. Seit Monaten schon (vor Wirecard und Corona) sammelt und inszeniert die Konkurrenz Pannen und Missgriffe aus dem Kompetenzbereich des Finanzministers, weil die im Wahlkampf groß aufgeblasen werden können: Kleinteiliges zu Aktiensteuerrecht und Registrierkassen und natürlich sein Kurswechsel zur schwarzen Null. Vielleicht ist es auch kein Zufall, dass vor ihm noch nie ein amtierender Finanzminister als Kanzlerkandidat in den Wahlkampf zog: Sparkommissare sind selten beliebt. Das Schlimmste aber bleibt sein Abschneiden beim Mitgliederentscheid vor einem Jahr: 22,7 Prozent im ersten Wahlgang. Die Girlanden, die ihm derzeit von seinen Parteifreunden liebedienerisch geflochten werden, und deren Hosianna-Rufe hat Scholz auf ihre Nachhaltigkeit zu überprüfen: Will er das, kann er das, bringt es was? Schon gibt es das Kalkül: Scholz, der letzte verbliebene Repräsentant der Schröder/Müntefering-SPD, wird ins Feuer geschickt und anschließend als Alleinschuldiger entlarvt.
Günter Bannas ist Kolumnist des HAUPTSTADTBRIEFS. Bis März 2018 war er Leiter der Berliner Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Dieser Beitrag ist eine Übernahme aus “DER HAUPTSTADTBRIEF AM SONNTAG in der Berliner Morgenpost”, mit freundlicher Genehmigung des Autors und der Redaktion. © DER HAUPTSTADTBRIEF