Den Begriff “Dominanzkultur” habe ich in den 90er Jahren bei einem Antirassismus-Seminar der NRW-Grünen von Birgit Rommelspacher gelernt, einer leider verstorbenen kämpferisch-feministischen Forscherin. Ihr Leben hat sich gelohnt, weil sie vielen lernwilligen Menschen viel mitgegeben hat. Es wäre ihr zu gönnen gewesen, diese aufregende Gegenwart noch miterleben zu dürfen, nicht nur wegen Amanda Gorman.
In der Inszenierung von Pathos bleiben die USA unschlagbare Weltmeister. Das ist ambivalent: Pathos ist nicht gut oder böse, sondern eine Technik, die für Gutes und Schlechtes eingesetzt werden kann. Geschmacklich liegt es mir persönlich eher fern, aber jede’ Jeck is anders.
Ein besonderer Fall einer Künstlerin scheint Bernardine Evaristo zu sein, eine würdige Repräsentantin des schwarzen Britannien. Der Wandel, der dort mitten im Stattfinden ist, lässt sich für deutsches TV-Publikum derzeit einfach nachvollziehen: vergleichen Sie die aktuellen “Inspector Barnaby”-Folgen sonntags 22.15 h im ZDF mit den alten aus den 90ern montagsabends in ZDFneo. Als Zeitraum der Geschichte nur ein Wimpernschlag. Die taz-Besprechung von Dirk Knipphals zu Evaristos aktuellem Buch habe ich zunächst einer schwarzen Freundin z.K geschickt. Aber sie ist natürlich nicht die Zielgruppe. Sie weiss das ja schon alles. Wir Weissen liegen im Erkenntnisrückstand. Hier gehts zum Buch “Mädchen, Frau, etc.”.
Dominanzkultur meint aber nicht nur Rassismus, sondern alle Dominanzen (Herrschaft, Beherrschung). Im Widerstand dagegen hat die Italienerin Asia Argento sich eine globale Berühmtheit als Protagonistin von #metoo erkämpft. Wie jeder Mensch wird sie nicht nur heldinnenhafte gute Seiten haben. Ihr öffentliches Image ist ambivalent. Politisch ist das aber uninteressant, sogar die Frage, ob sie rechthat oder falsch beschuldigt. Sie verschiebt den Diskursrahmen, auf kämpferische Weise. Und das ist gut.
Gut zu erkennen ist das in der einst reaktionären Nische des deutschen Turnsports. Mein erster Turnlehrer am Gymnasium in Gladbeck, ziemlich genau im romantisierten Jahr ’68 war noch ein lupenreiner Nazi. Er lehrte mich diesen Sport hassen. Und es schockiert mich bis heute, wie weitgehend ich damit richtig gelegen habe. Doch selbst das ändert sich jetzt. Das ist grossartig. Zu verdanken ist das kämpferischen Frauen, von denen Pauline Schäfer (Weltmeisterin) und Andrea Schültke (Journalistin) “nur” die medienbekannten Gesichter sind – “dahinter” sind viele, die sich immer weniger gefallen lassen und sich wehren. Das sind die Revolutionen, von denen so viele geträumt haben. Es sind nicht spektakuläre Medieninszenierungen, sondern das Durchbohren dicker Repressionswände im Alltag.