Die Erlöser-Erzählung ist mächtig und massenmedienattraktiv. Wenn sie nicht wahr ist, wirkt sie dennoch auf die Wahrheit ein. Und viele können sich daran laben, Geschäftsmodelle darauf bauen. Das ist rund ums Mittelmeer seit mindestens 2000 Jahren bekannt. Selbst wer schon mehrmals auf Erlöserfantasien hereingefallen ist, greift in seiner irdischen Verzweiflung dennoch wieder danach. Besserwissen hat doch noch nie geholfen, oder?
Bevor ich zu Wichtigerem komme, nehmen wir das Beispiel der Mühseligen und Beladenen in meiner Geburtsstadt Gelsenkirchen: S04. Mein freudscher Tippfehler lautete eben: “Geldenkirchen” und fasst das Problem komplett zusammen. Wenn in dieser Stadt irgendwas fehlt, dann Geld. Und was gar nicht da ist, wird umso hemmungsloser zum Fenster rausgeworfen und verbrannt, auf dem grossräumigen Berger Feld. 2009-2011 war S04 schon einmal auf einen Erlöser hereingefallen: Felix Magath. Von den finanziellen Folgen seiner Herrschaft als Vorstandsmitglied, Manager und Trainer hat sich der Verein bis heute nicht erholt. Und die Stadt auch nicht. Dennoch versucht ein Mafia-Clan aus einzelnen Aufsichtsratsmitgliedern, Sponsorenkonzernen und der sogenannten Zeitung Bild, dieses Modell mit der Gestalt Rangnick zu reanimieren. Der Mann hat zweifellos mehr Ahnung vom gegenwärtigen Fussball als Magath. In der Disziplin Selbstbereicherung dürften sie dagegen gleichauf liegen. In der Branche dürfte bekannt sein, warum der Redbull-Konzern und Rangnick nicht mehr miteinander auskamen. Bis Gelsenkirchen hat sich das nur noch nicht rumgesprochen. Wie gefährlich eine gemeinsame Strategie mit Bild ist, hätten sie sogar aus diesem kostenlosen, frei zugänglichen Blog erfahren können ;-)
Bundeskanzlerfantasien
Diese S04-Geschichte könnte für die deutsche Bundespolitik eine Lehre sein. Ist sie aber selbstverständlich nicht. Weil die Parteien immer leichtgewichtiger werden, werden die in den Massenmedien präsentierten Personen umso wichtiger. Und steuerbarer durch die Interessen, die sich hinter diversen Medien verbergen, und ähnlich verborgen agieren, wie im Falle S04. Ein bisschen blöd für diese Interessen bleibt die Unberechenbarkeit der Wähler*innen. Sie müssen mehr ausgeforscht werden, damit sie berechenbarer werden.
Es gibt ein paar sperrige Grundrechenarten, die einkalkuliert werden müssen. Eine ist die Sache mit den Frauen. Die Erfolgsgeschichte von Angela Merkel ist nur mit dem Wählerinnenverhalten (Männer nicht mitgemeint) begreifbar. Da die Grünen es genau auf die abgesehen haben, hat Robert Habeck gegen Annalena Baerbock keine Chance. Die Zweifel, ob sie “es” kann, halte ich für berechtigt; die gabs bei Angela Merkel seinerzeit genauso.
Und wer glaubt denn allen Ernstes, dass Markus Söder oder Armin Laschet “es” kann? Noch nicht einmal ihre wichtigste Parteigängerin in der alten Medienwelt, die FAZ, glaubt das. Ihr aktueller Bericht deutet darauf hin, dass nach dem vorgestrigen Wahlsonntag die Geilheit der zwei Rivalen stark nachgelassen hat. Aus guten Gründen.
Laschet hat ein fettes NRW-Problem. Wenn er im September “nach Berlin” gehen muss, kann sein Ministerpräsidentenamt nur von Inhaber*inne*n eines Landtagsmandats übernommen werden. Die, die darüber verfügen, können “es” nachweislich so schlecht, wie die S04-Trainer dieser Saison. In einem Jahr ist NRW-Landtagswahl. Dafür könnte die CDU ein neues Gesicht aufbieten. Mein Vorschlag wäre Essens OB Thomas Kufen, der “es” nachweislich kann, sogar Wahlen gewinnen, schon zweimal. Aber können Sie sich einen CDU-Interims-MP vorstellen, der ihm Platz macht? Undenkbar. Damit wäre ein Kanzler Laschet zu Beginn seiner Amtszeit mit einer sicheren Wahlniederlage im wichtigstem, seinem “eigenen”, Bundesland konfrontiert. Unter solchen Umständen verspricht das kein schönes Amt zu werden. Das spricht dafür, nach der Strategie “Wolfratshausener Frühstück” für das schwere Amt Markus Söder den Vortritt zu lassen. Oder ist das für ein Y-Chromosom eine Überforderung? Einen NRW-Ministerpräsidenten könnte Söder, selbst wenn es ihm gelänge Bundeskanzler zu werden, politisch nie ignorieren. Wenn er es überhaupt schafft. Denn viele hätten Lust ihn zu verhindern. Frauenstimmen gegen Baerbock wird der bayrische Macho kaum verteidigen können.
Söder ist berechenbarer Opportunist. Er würde lieber Laschet verbrennen.
Lesen Sie dazu auch Stefan Reinecke/taz, kluger Mann.

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
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