Schön wars nicht. Dem Halbfinale zwischen den Weltklasseteams von Italien und Spanien wurde mehr entgegengefiebert, als der reale Kampf ihm dann gerecht werden konnte. Erstmals übte Italien nicht die Kontrolle aus, sondern das überwiegend ballbesitzende Spanien. Zwar denkt der*die Zuschauer*in, die täten damit “mehr für das Spiel”. Entscheidend schien, je länger das Spiel dauerte, dass das nicht ballbesitzende Team mehr laufen muss, und zwar freudlos, ohne Ball. Anlaufen, Defensivreihen verschieben, das kostet Kraft.
Beide Trainer mussten die grosszügigen Auswechselkontingente komplett ausschöpfen. Beide Teams liefen auf der letzten Rille. Spanien schien konditionell gegen Ende mehr Reserven zu haben. Das entscheidende Tor zum “Sack zumachen” gelang aber nicht. ARD-Schwätzer Bayer amüsierte sich über das Alter von Italiens Abwehrreihe. Bis auf den einen Schnitzer gegen Morata hielt sie aber dicht, und zwar (fast) hundertprozentig. Bei Spaniens Eckbällen z.B. behielten sie komplett die Kontrolle gegenüber den länger gewachsenen Spaniern im Strafraum. Wie sie das wohl gemacht haben?
Auffällig ein weiteres Mal der medial indizierte Bedeutungsgewinn der Coaches gegenüber den Spielern. Roberto Mancini, mit seinem alten, krebserkrankten Buddy Gianluca Vialli, und Luis Henrique auf der anderen Seite haben das Persönlichkeitsformat für Hauptrollen: Asse als Spieler und Fussballlehrer – und Performance-Künstler in der kameraüberwachten Coachingzone. Beide spielen keinen Bad Guy wie Jose Mourinho, aber auch kein Zirkuspferd wie Jürgen Klopp. Vorbilder womöglich.
Am Schluss war es dann Nervensache. Kompliment an Spanien, das drei Verlängerungen mit anständigem, gutem Fussball durchhielt. Und Kompliment an die arschknappen Sieger, die EM-Favorit bleiben, egal ob gegen England oder Dänemark. Sogar das Zugucken war anstrengend. Aber es hat sich gelohnt.
(Zumal deutsche Fussballkneipen nicht überfüllt, und von sachlich-fachlichen Grundtönen dominiert waren – eine Wohltat. Was selten ist, ist wertvoll.)

Über Martin Böttger:

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
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