mit Update 23.2.
Mediathekperlen: Raoul Peck/Arte, Anstalt, Begräbnis, Wasser, “Kulturbahnhof” Beuel
Das Gute an der Lebensform bürgerliche Demokratie ist, dass – bisweilen unter grösseren Anstrengungen – ein grosser Wissenserwerb möglich ist. Das fortexistierende Problem dieser Lebensform ist geblieben, warum dieses Wissen nur recht geringfügige Konsequenzen nach sich zieht. Das blieb bei mir als Leitfrage hängen, nachdem mich gestern Raoul Pecks vierstündiger Doku-Essay “Rottet die Bestie aus!” in seinen Bann gezogen hatte. Der Autor war in den 90ern zwei Jahre Kulturminister von Haiti, bis heute extremst geplagt von Rassismus, Armut und Naturkatastrophen. Film gelernt hat er bei der DFFB in Berlin, was ihm sichtlich nicht geschadet hat.
Für diese Mammutproduktion hatten sich HBO, Sky und Arte France zusammen getan. Im Original hat der Autor selbst den Filmkommentar eingesprochen. In der deutschen Fassung spricht Sylvester Groth, nach meinem Gefühl ein echtes As. Viel Bedacht hat Peck der Musikauswahl gewidmet, die nicht nervt, sondern kongenial unterstreicht. Zahlreiche Anleihen aus der Filmgeschichte verrieten mir, dass wir unsere Verehrung für Francis Ford Coppola gemeinsam haben.
Hier gibts eine sachkundige Besprechung des Werks von Patrick Wellinski/DLF-Kultur mit Links zu allen vier Folgen. Ich möchte dazu nur draufsetzen: das Anschauen dieser Dokumentation kann, zurückhaltend geschätzt, ein Halbjahr Geschichtsunterricht füllen. Erkennbar ist, dass der Rassismus als Macht- und Herrschaftstechnik früh in der Menschheitsgeschichte erfunden wurde, und seine verbrecherischen Ausmasse bis heute keine Grenzen gefunden haben. Peck ordnet den Holocaust hier ein, ohne ihn zu relativieren. Die Debatte, wer der Übelste und Schlimmste war, ist akademisch, kann spalterisch als wirkungsvolle Ergänzung zum Rassismus wirken (wer ist am meisten Opfer?).
Dass FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube von dem Werk genervt ist, spricht aus meiner Sicht stark für den Film. Menschen, die entschlossen sind, politisch gegen Rassismus (und Exzeptionalismus) und für die Gleichheit der Menschen zu kämpfen – was der FAZ schon aus ökonomischen Gründen fernliegt – können dagegen aus ihm viel Energie beziehen. Nun muss die Frage diskutiert werden, wie diese Menschheitsverbrechen politisch zu bekämpfen und zu stoppen sind. Diese Frage beantwortet der Film bewusst nicht, er ist kein Reformrezeptbuch. Besser so; warum das besser ist, können Kaube seine eigenen Filmredakteur*inn*e*n erklären – sofern er sich von denen was sagen lässt. Es wäre exakt die Frage der*des Lehrer*in*s an die Schüler*innen in einer Nachdiskussion, die gerne ein paar Wochen dauern darf. Denn die Erwachsenen benötigen dafür ja schon viele Jahrhunderte.
Update 23.2.: Fabian Lehmann/Junge Welt sieht Pecks Werk kritischer als ich, aber durchaus angmessen und konstruktiv. Wenn das bei Ihnen den Reiz verstärkt sich das anzusehen – gut so.
Anstalt zu Frontex-Verbrechen
Zu dieser Frage gibt Die Anstalt einige sachdienliche Hinweise. Max Uthoff zieht sich eine Uniform der damaligen DDR-Grenzschutztruppen an, und besucht eine Fortbildung bei der EU-Verbrecherorganisation Frontex. Hier bekommt er die modernen Methoden von Mauerbau und Schiessbefehl erläutert. Und warum der Deutsche als effizienter Politiker und Verwaltungsbeamter das Wissen von dem Herrn Peck s.o. überhaupt nicht wissen will. Das versaut ihm nur den Feierabend. Nicht lustig, leider. Aber stimmt alles. Das Kabarett als Libero des scheiternden Journalismus.
Begräbnis, 3. Teil
Dieser rote Faden führt schnurstracks zum Begräbnis, hier schon ausgiebig von mir besungen. Als fauler Sack glotze ich linear, gestern der 3. Teil, die Show des Martin Brambach. Der gehört gefühlt zu den meistbeschäftigten deutschen Schauspielern, weil er ständig das Klischee des deutschen Bürokraten besetzen muss. Das wird ihm vermutlich nur deswegen nicht langweilig, weil er so gut davon leben kann. Das sei ihm gegönnt. Aber was er als Schauspieler darüber hinaus alles kann, das habe ich gestern erst gesehen. Bedenklich allenfalls, dass er alle anderen allzu dominant an die Wand spielt. Bleibt die Frage, warum erst der Herr Schütte kommen muss, um diese Kunstfertigkeit zutage zu fördern. Mehr davon! Und öfter!
Wasser wird alle – zuerst in Berlin
Wir im Rheinland müssen bald die nächste Migrationswelle befürchten. Sie kommt aus dem Osten – woher sonst? – aus Berlin und dem bisschen Brandenburg plus Lausitz drumherum. Es ist u.a. der Lohn des Braunkohletagebaus. Davon verstehen wir im Rheinland ja auch eine Menge. Die in Berlin – und drumherum – lernen aber nichts daraus, im Gegenteil, sie werfen sich vor einem bekloppten US-Milliardär in den Staub und machen alles noch schlimmer. Kann nicht mehr lange dauern. Auf dem Weg kommen sie durch Lüneburg, die Ähnliches mit CocaCola machen. Die können dann gleich zusteigen – wenn der ICE nicht wieder durchfährt. Die Frage bleibt dann nur: auf welcher Rheinseite werden sie aussteigen? Kommen sie überhaupt bis Beuel?
Es soll Beratungen geben – Berichterstattung nur hinter Paywall – die Stadt Bonn möge der Deutschen Bahn den Beueler Bahnhof abkaufen, um ihn als “Kulturbahnhof” zu nutzen. Als Idee nicht schlecht. Allerdings müsste die Bahn die Stadt dafür bezahlen, dass sie ihr den bewusst vernachlässigten und vergammelten Bahnhof gnädig abnimmt. Vom DB-Konzern verarschen lassen sich schon genug … Die Kunst soll die Leerstands-Ruine wieder heilmachen. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net