Sie motzen schon wie bei Merkel. Die FAZ leitartikelt: “Wo ist Scholz? Im Schlafwagen an der Macht. Diszipliniert abwarten und keine Fehler machen. Im Wahlkampf hat das gegen die sich selbst zerlegende Union knapp geklappt. Jetzt sieht die Lage anders aus.” Der Schreibtischstratege aus Frankfurt wünscht sich vom amtierenden Kanzler mehr “Fingerzeig”. Da hätte ich was für ihn.
Fast alle Grossmedien, die berechtigte Kritik an Aussen- und Innenpolitik von China und Russland üben, und das in gleicher Weise ultimativ von der Bundesregierung verlangen, tapezieren aktuell ihre Seiten, digital und auf Papier, mit den “Olympischen Winterspielen”. Müssen sie das, werden sie gezwungen? Nein, sie wollen es. Weil sie Teil des Deals sind, und zwar der wichtigste Teil, mit dem sich das IOC und seine Mitglieder bereichern. Olaf ist nicht doof genug, dazu den Hampelmann zu geben, sondern wird, schön diskret nur gedanklich, wie ich fragen: So what?
Wenn er sich von diese Heuchelhorden treiben liesse, könnte er gleich zurücktreten. Das hat er gelehrig von seiner Vorgängerin gelernt.
Wenn da nur nicht die Sache mit seinem schwachen Gedächtnis wäre. Das findet, zu seinem Glück, weit weniger Medienaufmerksamkeit als Putin und die Winterspiele. Kann aber jederzeit aufgekocht werden, wenn die Winde strategischer Interessen sich drehen. Politik ist nicht nur ein “schmutziges”, sondern ein beständiges Risiko-Geschäft. Poker. Das richtige Gesicht dafür hat Olaf ja.
Mustergültig hat er seine Krisenstrategien in Hamburg erprobt, aus seiner Sicht aussergewöhnlich erfolgreich: mit über 48% startete er 2011 als Hamburger Bürgermeister, mit 92,7% wurde er 2015 wiedergewählt (die Bundes-SPD landete zu diesen Zeiten weit unter 30%). Er war, inkl. der jüngsten Bundestagswahl, der Letzte, der für seine Partei noch Wahlen gewann. In den Bundesländern der Letzte mit einer “4” am Anfang.
Als Bürgermeister hatte er schneller als andere begriffen, wie explosiv und entscheidend die Wohnungspolitik in einer Metropole ist. Und wie es seine Art bei der Warburg-Bank war, ist er auch hier vorgegangen: die Köpfe mit allen mächtigen Grosskapitalisten zusammenstecken, und einen Deal zum beiderseitigen Nutzen aushandeln.
Nur blöd, dass Hamburgs Sozialmieter*innen nicht dabei waren. Sie, und ein aufmerksamer DLF-Landeskorrespondent (Axel Schröder), merken erst jetzt langsam, wie sie mal wieder verarscht wurden. Aber Olaf ist schon weg, in Berlin, und muss mit Washington, Paris, Moskau und Beijing verhandeln. Niemand wird bestreiten, dass das wichtiger ist. Aber herzliche Grüsse, Hamburg ist eine schöne Stadt.

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
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