Schlafstörungen – Wer stürzt Putin? – Zumutungen an “die Jugend”
Es gab noch keinen Rosenmontag in meinem Leben, an dem ich das Bett so früh verlassen habe. Die Uhr zeigte 3.46 h. Hatte mein Mitautor Roland einen neuen Text eingestellt, den ich dringend korrekturlesen musste? Nein, es war Fluglärm. Es hätte auch eine Rakete sein können. Mein vegetatives Nervensystem – ich bin ein seit 1976 staatlich diplomierter Feigling – hat sich schon auf die neue politische Situation programmiert. Wachliegend untersuchte es jedes durch das geöffnete Fenster dringende Geräusch. Ein Güterzug? Eine frühe Linie 66? Oder ein Frachtflieger? Später am Morgen hörte ich vom Streik der ver.di-Kolleg*inn*en am Flughafen in Wahn (“Bonn liegt zwischen Pech und Wahn” Copyright Norbert Alich). Die besonders lauten Frachtflieger hat er anscheinend leider verschont. Schade.
Schade ist die dominierende Stimmung dieser Tage. Zeit der Irrtumsbekenntnisse. Matthias Platzeck muss sich vor seinen taz-Interviewerinnen, den von mir geschätzten Anna Lehmann und Ulrike Winkelmann, schon fast entschuldigen. Die Kolleginnen verwenden mehrmals ein unangemsssen vereinnahmendes “Wir”, wie es in Kriegszeiten schlechte Gewohnheit ist. Auch ich bin nicht frei davon. Wenn ich es hier verwende, meine ich ausschliesslich mich und meine Leser*innen. Oder setze den Plural wie hier ausdrücklich in Anführungsstriche. In ähnlicher Lage wie Platzeck die ebenfalls oftmals als “Putin-Versteherin” diffamierte Gabriele Krone-Schmalz/Berliner Zeitung.
Ein politisch reifes und dieser Zeit angemessenes Fazit gelingt Friedrich Küppersbusch, der hier mal die Freiheit und Unabhängigkeit des mittelständischen Unternehmertums voll auskosten kann: “Der Westen war naiv zu glauben, er könne 13 Nato-Osterweiterungen durchziehen, ohne dass die Russen Einkreisungsparanoia bekommen. Oder dreist. Deutschland hat wegen dieser Psychose mal einen Weltkrieg angefangen. Das russische Regime hat die letzten Zuckungen der Entspannungspolitik – Scholz’ Statement in Moskau – bereits als Teil seiner Täuschungsmanöver benutzt. Nun sind beide – Putin und die Diplomatie – desavouiert. Die Entspannungspolitik unter anderem deshalb, weil sie nicht stattgefunden hat. Der russische Kriegsfürst ist nicht naiv, er ist auch kein „betrunkener Opa“, wie Nawalny sagt, er ist jetzt einfach der Dämon, als den ihn viele schon immer gesehen haben. Die Ukraine wird nun, nach vielen Toten, ein Marionettenregime bekommen. Die Alternative war, sie bündnisfrei zu stellen und dieses Fiasko zu verhindern. Was ist weniger Autonomie? Wir sind gescheitert. Ich weiß, das kann man feige und zynisch finden. Wer sich angesichts dieses Debakels nicht fragt, ob er Fehler gemacht hat, ist eindeutiger. So wie Putin.” Danke, das hätte ich nicht besser formulieren können.
Wie wird es weitergehen?
Ein ganz anderes vegetatives Nervensystem als ich hat ein FAZ-Leitartikler. Angesichts Putins atomarer Drohungen solle “der Westen einen kühlen Kopf bewahren”. Denn die Nato habe ja auch Atomwaffen. Wie beruhigend. Wer soll denn über bleiben?
Den gestern von der FAZ digital eingemauerten Wiktor Jerofejew habe ich in einem Interview ohne Bezahlwand (FR) entdeckt. Seine Einschätzung, dass höchstens 15% der Russ*inn*en oppositionell eingestellt seien, halte ich für realistisch. Doch was lehrt uns das? Sind sie nur Objekte der Betrachtung? Nein, für Demokrat*inn*en zumindest, sind sie immer auch Subjekte (Dialektik!). Wer in Russland weiterleben will, kann nicht anders, als sich damit aktiv zu beschäftigen. Und wer mit Russland in Europa friedlich zusammenleben will, auch nicht.
Aus Jerofejews Realismus ist zu folgern: “das Volk” wird das Putinregime nicht stürzen. Michael Maier/Berliner Zeitung leistet sich ebenfalls eine spezielle Unabhängigkeit. Der Mann hat journalistisch schon zu viel gesehen, und will nichts mehr werden. Aus seinen Überlegungen schliesse ich: niemand hat die Absicht, das russische Oligarchensystem abzuschaffen. Es soll nur seine Feldherren absetzen, und jüngere, modernere an ihre Stellen setzen. Mit denen “wir” wieder Schlitten fahren können. Maiers Fazit “Kann es sein, dass wir von China lernen und nicht umgekehrt?” ist leider ähnlich realistisch wie das Jerofejews. Und seine Projektion auf “die Jugend der Welt” richtig frech. “Die Jugend” sind – in den reichen und mächtigen Ländern – allzu wenige. Die Macht haben “wir”, Ü60 (unter uns: ich hasse die Einteilung politischer Konflikte in “Generationen”, und zwar seit ich selbst Jugendlicher war). Den Kindern den Dreck vor die Füsse zu kippen, ist weder solidarisch noch demokratisch.
Zu diesem Dreck gehören diese neuen Technologie-Diktaturen und der alte Restmüll des deutschen Konservatismus. Wenn Sie sich den anhören wollen, müssen Sie nur die Politikmagazine des Deutschlandfunks hören – da paradieren sie. Oder wie finden Sie den klassisch deutschen Medizin-Rassismus (Video 22 min), der künftigen Generationen viele neue Pandemiekinder beschert? Und auch hierüber dürfen Sie mal herzhaft abkotzen … die EU ist eben eine Wertegemeinschaft, oder?
Wir dagegen sollten es aus der Sicht unserer kriegsgeplagten Eltern “einmal besser haben”. Undankbare Erb*inn*en, wir.

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net