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Hilft auch dem Friedfertigen

Etwas Theorie des Krieges

Zu fast jeder Wendung in diesem grausamen Ukraine-Krieg lassen sich eingehende Reflexionen bei den Klassikern der Militärtheorie finden. Deren Lektüre hilft auch, wenn man in diesem Fach nicht allzu weit reüssieren will – nämlich um militärische Zusammenhänge und die Denkweise der Militärs besser zu verstehen.

Was mich besonders beeindruckt hat: Angesichts des russischen Krieges gegen die ukrainischen Städte hätte bereits der große chinesische Strategietheoretiker Sun Zu vor 2500 Jahren den tiefsten Abscheu empfunden und darin die „niederste Art der Kriegsführung“ erblickt. Was die Russen da machen, ist ein Kulturbruch – vor dem wir im Westen angesichts seiner Vorläufer in Grosny und Aleppo bisher allerdings zwei Mal ziemlich schändlich die Augen verschlossen haben.

Der gegenwärtig Übergang der Ukrainer von der Defensive in die Offensive ist dagegen fast nach dem Clausewitzschen Lehrbuch, wonach der Angreifer zwar die Überraschung für sich haben kann, der Verteidiger jedoch die kürzeren logistischen Wege, die Kenntnis der Gegend und in der Regel auch die Unterstützung der Bevölkerung. Kluges Abwarten hilft deshalb eher dem Verteidiger als dem Angreifer. Für Clausewitz ist klar, dass die (zunächst) schwächere Seite (zunächst) die Defensive wählen muss – jedoch nur, um im geeigneten Moment und mit den geeigneten Mitteln dann zum Gegenangriff überzugehen. Chapeau Ukrainerinnen und Ukrainer, Chapeau claus-gewitzte Militärführung des Landes, selbst der große Preuße wäre wohl angetan von der Wendung der Dinge, die wir gerade sehen.

Schließlich sehen wir auf russischer Seite nun wohl auch den Übergang von der nach Clausewitz einen grundlegenden „Art des Krieges“, die nämlich auf die Niederwerfung des Gegners zielt („unconditional surrender“) zu der „anderen Art“, die vor allem auf einige Gebietsgewinne zielt, um damit später dann was auch immer anzustellen. Das Geschwurbel der russischen Militärführung, dass die Ziele weiter westlich nun erreicht seien und man sich weiter östlich orientiere, ist der Versuch, das Scheitern von Kriegsart 1 zu kaschieren. Selbst falls die russische Armee – neben den Opfern und Sachschäden, die sie zu verantworten hat – auch viele Waffen vernichtet haben sollte, so hat sie wohl mehr nur alte Waffen aus sowjetischer Zeit „entsorgt“. Da wird schnell anderes Material nachkommen. Der von ihr rhetorisch verkündete „Erfolg“ wird ihr also kräftig auf die eigenen Füße fallen.

Da ich ja nun etwas in den Wassern der Militärtheorie gebadet habe, würde ich der ukrainischen Seite auch noch einen Rat geben, nämlich die eigene Offensive angesichts des russischen Rückzugs nicht schleifen zu lassen. Sonst wird dieser russische Rückzug bloß eine Umgruppierung, die der Ukraine dann anderswo doppelt zu schaffen macht.

Also:

– Russians go home,
– aber das eigene Gerät mal schön da lassen!

Mehr zum Autor hier.

Über den/die Autor*in: Reinhard Olschanski (Gastautor)

Geboren 1960, Studium der Philosophie, Musik, Politik und Germanistik in Berlin, Frankfurt und Urbino (Italien). Promotion zum Dr. phil. bei Axel Honneth. Diverse Lehrtätigkeiten. Langjährige Tätigkeit als Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Referent im Bundestag, im Landtag NRW und im Staatsministerium Baden-Württemberg. Zahlreiche Veröffentlichungen zu Politik, Philosophie, Musik und Kultur. Mehr über und von Reinhard Olschanski finden sie auf seiner Homepage.

3 Kommentare

  1. w. nissing

    boah eyy, wird hier jetzt auch noch dieses unverdauliche ÖR-Zeugs täglich ausgekotzt? Aber es sind ja nicht die Gebeine der Sesselfurzer, die in der nassen Erde versinken.

  2. w.nissing

    wer braucht denn heutzutage noch Argumente, die sind doch nur lästig wenn sie nicht die eigene Meinung bestätigen.
    Wir und nur wir haben Werte, basta……………
    Mir kommt das aktuelle Geschehen immer mehr so vor wie in der von Raul Peck (Rottet die Bestien aus) beschrieben Szene wo der “Wilde” ins Tippi vom General kommt und den “Friedensvertrag” unterschreibt. Nur das hier der “Wilde” mit einem eigenen Vertrag kommt und da die Unterschrift zu seinem Vertrag kategorisch verweigert wird, sogar ihm das Recht abgesprochen wird, eigene Inhalte zu formulieren. Tja, da wirft der “Wilde” einfach den Tisch um und geht schnell raus, bevor ihm der General in den Rücken schießen kann.
    Die armen Ukrainer und Soldaten sind hier nur Opfer die auf der Schlachtbank liegen und von uns, ob Ihres Opferwillens, beklatscht werden.
    als letztes noch einen Link:
    https://www.heise.de/tp/features/Frieden-muss-gestiftet-werden-6654673.html

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