Lieber KDS, vielen Dank für Ihre Schreiben. Ich nehme Ihr Anliegen als pazifistische Wortmeldung sehr ernst und habe als alter KDVler da auch selbst einen tieferen Zugang.

Ihre Präferenz für Diplomatie und Verhandlungen teile ich. Leider sehe ich dazu auf russischer Seite gegenwärtig keinen Ansprechpartner. Der österreichische Bundeskanzler war in der Tradition der “ewigen Neutralität” seines Landes gerade bei Putin und kam sehr frustriert aus dem Gespräch. Putin ist offensichtlich wild entschlossen, seinen Aufmarsch in der Ostukraine in einen weiteren massiven militärischen Angriff übergehen zu lassen. Er braucht irgendeine Art von “Sieg”, um als Vertreter eines “grossen russischen Imperiums” weiter ernst genommen zu werden. Das ist offensichtlich sein Kalkül.

Verhandlungen scheitern im Moment also am fehlenden Verhandlungswillen der russischen Seite. Was ist aber dann zu tun? Da sehe ich bei Ihnen jetzt keine andere Antwort als die der möglichen Selbstaufgabe der Ukraine – das wäre in meinen Augen jedenfalls die Konsequenz. Und das ist es auch, was verschiedene Vertreter der deutschen Politik der Ukraine am 25.2. angeraten gaben: “Gebt auf, Ihr habt nur noch wenige Stunden!” Ich weiss nicht, ob das auch Ihre Position war oder ist?

Die Ukraine hat nicht aufgegeben und die zweitstärkste Armee der Welt zumindest für den Augenblick zurückgeschlagen. Sie will sich Putin nicht beugen, das ist das ziemlich klare Signal.

Wie sollte Deutschland nun reagieren? Der Ukraine gegen den Aggressor helfen? Auch mit schweren Waffen? Oder bloß Verhandlungen fordern und ansonsten Putin gewähren lassen?

Ich habe eine Vorstellung davon, wie prekär die Alternative ist. Für mich steht das Selbstbestimmungsrecht der Ukraine an erster Stelle. Die imperialen Träume Putins möchte ich jedenfalls nicht unterstützen – auch nicht durch Nichtstun und “Kopf in den Sand.”

Über den/die Autor*in: Reinhard Olschanski (Gastautor)

Geboren 1960, Studium der Philosophie, Musik, Politik und Germanistik in Berlin, Frankfurt und Urbino (Italien). Promotion zum Dr. phil. bei Axel Honneth. Diverse Lehrtätigkeiten. Langjährige Tätigkeit als Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Referent im Bundestag, im Landtag NRW und im Staatsministerium Baden-Württemberg. Zahlreiche Veröffentlichungen zu Politik, Philosophie, Musik und Kultur. Mehr über und von Reinhard Olschanski finden sie auf seiner Homepage.