Indigene Gruppen protestieren gegen riesige Mastanlagen im argentinischen Chaco

Argentinien ist stolz auf sein Rindfleisch, das als nationales Kulturgut betrachtet wird. Es ist ein weltweiter Exportschlager, auch wenn Feinschmecker meinen, seine Qualität sei deutlich schlechter geworden, seit über die sogenannten Feedlots auch in der argentinischen Pampa die Massentierhaltung etabliert wurde. Aber schlimmer geht immer: Nun wollen argentinische und chinesische Unternehmen riesige Schweinemastanlagen errichten, auch im komplizierten Ökosystem der trockenen Savannenregion Chaco.

Laut der Nichtregierungsorganisation Somos Monte Chaco wurden zwischen den Jahren 2016 und 2019 in der argentinischen Provinz Chaco 130100 Hektar Urwald gerodet. Die Gebiete der Trockenwälder und Dornbuschsavannen im Norden des Landes werden überwiegend von indigenen, bäuerlich lebenden Familien bewohnt. Die Nichteinhaltung der uralten Gesetze, die den Wichí, Qom und Moqoit ihre angestammten Territorien im Chaco formal zusichern, führt seit Jahrzehnten zu Landkonflikten zwischen indigenen und mestizischen Familien (Criollos). Seit langem wird von Aktivist*innen und NRO dabei die Untätigkeit der Regierung verurteilt. Bei den Ereignissen der vergangenen Jahre haben politische Entscheidungsträger jedoch eher eine aktive Rolle und treiben den Extraktivismus in den Gebieten weiter voran.

Im Juni 2021 waren Verhandlungen zwischen der chinesischen und der argentinischen Regierung von Alberto Fernández bekannt geworden. Demnach wollen argentinische Unternehmen jährlich mindestens 900000 Tonnen Schweinefleisch nach China liefern. Dafür sollen 24 riesige Schweinemastanlagen für Hunderte Millionen von Tieren an verschiedenen Standorten Argentiniens errichtet werden. Es gehe darum, die Nahrungsmittelsicherheit Chinas im Angesicht der Afrikanischen Schweinepest und die finanzielle Stabilität Argentiniens in Zeiten der Corona-Pandemie zu garantieren. Schon damals rief das Megaprojekt, Schweinemastanlagen für den Export nach China zu errichten, starke Proteste in allen Teilen der argentinischen Gesellschaft hervor. Auf nationaler Entscheidungsebene wurde daraufhin vorerst zurückgerudert.

“Argentinien in eine Schweinezucht für China verwandeln”

Wenige Monate später, im September 2021, verkündete dann der Governeur der im Norden des Landes gelegenen Provinz Chaco, Jorge Capitanich, den Beginn des Exports von Schweinefleisch nach Beijing und die Unterzeichnung eines Vorabkommens mit dem chinesischen Unternehmen Feng Tian Food. Dieses werde 129 Millionen Dollar für die Errichtung von drei Schweinemastanlagen in der Provinz mit jeweils 2400 Mutterschweinen investieren. Diese Entwicklung verdeutlicht, in welchen Gebieten die argentinische Regierung bereit ist, für die wirtschaftliche Entwicklung irreparable Schäden für Menschen und Umwelt in Kauf zu nehmen. Die Journalistin Soledad Barutti erläuterte dazu in einem Gespräch mit der NRO Somos Monte Chaco: „Wie es im Chaco geschieht, soll es in anderen Provinzen wie Formosa, Catamarca und in all den Gebieten weitergehen, die in den zentralen Schaltstellen des Landes als ‚Niemandsland‘ angesehen werden. … Der Chaco ist das Beispiel, das wir uns anschauen müssen. Hier beginnt das Vorhaben, Argentinien in eine Schweinezucht für China zu verwandeln.“

Laut der erwähnten NRO sollen die Schweinemastanlagen in der Provinz Chaco im 150000 Hektar großen Territorium Meguexogochi errichtet werden, das seit 1924 juristisch den indigenen Gruppen der Region zugesichert ist und von dem heute 140000 Hektar tatsächlich in deren Besitz sind. Die übrigen 10000 Hektar sind aufgeteilt auf verschiedene jeweils 50 Hektar große individuelle Grundstücke, welche nicht indigenen Personen gehören. Jorge Capitanich soll gemeinsam mit weiteren politischen Entscheidungsträgern der Region versucht haben, mit eben diesen individuellen Besitzer*innen Pachtverträge zu schließen, um hier Futtermittel für die Schweine der Mastanlagen anzubauen. Gegen dieses Vorgehen sei bereits ein juristisches Verfahren eingeleitet worden, so eine Sprecherin von Somos Monte Chaco.

Gouverneur arbeitet für die Investoren

Indigene Bewohner*innen des Territoriums Meguexogochi sehen Gouverneur Capitanich als treibende Kraft beim Raubbau in den Gebieten: „Er ist es, der Absprachen mit den Investoren getroffen hat und der die Verträge mit den Unternehmen macht, nicht die hier lebende Bevölkerung. Das passiert nur zwischen der Regierung und ihrer Behörde mit wenigen ausgewählten Personen. Er ist auch der Einzige, der das Holz von hier verkauft. Wie kann er sagen, die Regierung hätte dem Verkauf nicht stattgegeben, wenn die Rodungen und der Export weiter gehen? Jedes Wochenende, am Samstag und Sonntag, fahren fünf voll mit Holz beladene LKW hier vorbei.“

Das berichtet ein indigener Qom-Bauer in der auf YouTube veröffentlichten Kurzdokumentation namens SAISHET RA SASHENAQ na qana´alhua. Der Titel des Films der Regisseurin Constanza Pasian bedeutet in der indigenen Sprache Qomla’aqtac in etwa „Nein zum Schweineabkommen mit China“. Im Film kommen verschiedene Personen zu Wort, die im Norden der Provinz Chaco im Gebiet des Interfluvio Teuco-Bermejito leben und zur indigenen Gruppe der Qom (oder Toba) gehören. Sie berichten, dass bereits viele Ländereien von Investoren aufgekauft worden sind. „Sie bieten dir Autos, Transporter oder einfach Geld für deine Ländereien an. Ich habe das selbst erlebt. Für mich sieht es so aus: Wenn jetzt niemand von uns aufsteht und sich dagegen wehrt, wird jedes Stück unseres Landes hier geräumt werden.“ Ein weiterer indigener Landwirt erklärte: „Wenn sie hierherkommen, um abzuholzen, dann ist das eigentlich schon der Anfang der Räumung.“

Die NRO Somos Monte Chaco rechnet damit, dass die geplanten Schweinemastanlagen im Chaco jährlich mehr als 32000 Tonnen Soja, 87000 Tonnen Mais und sechs Millionen Liter Wasser benötigen. Und das im trocken-heißen Chaco, wo Zugang zu Trinkwasser ein grundlegendes Problem für die Landbevölkerung ist. Die Anlagen verschmutzten außerdem Böden und Grundwasser und gefährdeten die Lebensqualität der umliegenden Bevölkerung. Außerdem werde es nur wenige schlecht bezahlte und gesundheitsgefährdende Arbeitsplätze geben. Die Umweltaktivistin Soledad Barutti sieht nur einen Ausweg: „Wir müssen diese territorialen Kämpfe unterstützen, die ihre Räume aus sich selbst heraus verteidigen. Wir müssen ihre schiere Existenz sichtbar machen, die bei der Planung solcher Projekte bestritten wird. Denn wenn von Regierungsseite gesagt wird: ‚Die Orte an denen nichts ist, sollen entwickelt werden‘, müssen wir ihnen zeigen, dass diese Orte kein Niemandsland sind.“

Dieser Beitrag ist eine Übernahme aus ila 454 April 2022, hrsg. und mit freundlicher Genehmigung der Informationsstelle Lateinamerika in Bonn. Zwischenüberschriften wurden nachträglich eingefügt.

Über den/die Autor*in: Tobias Mönch

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