Auch Bonn betroffen / Und: wer die Betrachtung “multipolare Welt” erfunden hat

Markus Beckedahl, Mitbegründer von netzpolitik.org und re:publica-Organisator hat oft in seinen zahlreichen Medieninterviews darauf hingewiesen: deutsche Zeitungsverlage, die gerne über asoziale Netzwerke und US-amerikanische Digitalplattformen zu krakeelen belieben, um sich anschliessend von ihnen alimentieren zu lassen, sind keinen Deut “besser”, was ihre Datengier betrifft. Während sie ihre immer karger werdenden journalistischen Inhalte hinter Paywalls vermauern, rauben sie ihre digitalen Leser*innen nach Strich und Faden selber aus.

Der “Multimedia-Journalist” Matthias Eberl hat sich nun mit einem mächtigen Gegner angelegt: dem rheinischen Oligarchenfamilienunternehmen Rheinische Post. Eberl hat das Digitalabo dieses Verlags näher untersucht, und ist zu Ergebnissen gekommen, die in den Grenzbereich der Datenkriminalität verdächtig weit hineinreichen. Das scheint er nicht allein so zu sehen: “Die zuständige Datenschutzbehörde in Nordrhein-Westfalen wollte sich zu dem Fall nicht äußern, weil sie bereits ein Verfahren in der Sache führt.” schreibt er.

Und nun zu Bonn. Der Bonner General-Anzeiger ist seit 2018 im Besitz exakt der Verlagsgruppe, die sich diesen massiven Vorwürfen gegenüber sieht, und sich bisher nicht dazu äussern wollte. D.h., wenn Sie zu den wenigen tausend Digitalabonnent*inn*en des GA gehören sollten, wäre Ihnen zu raten, ihre eigenen Rechner von diesem Cookie-Müll gründlich zu reinigen. Denn bezahlt haben Sie, dachten Sie vielleicht bisher, für weniger statt mehr Werbemüll. Vertrauen in deutsche Zeitungsverlage habe ich persönlich so ca. 1970 schon verloren.

Kapitalismus gefährdet Medienfreiheit

Meinungs- und Pressefreiheit nach kapitalistischen Grundsätzen zu organisieren war schon immer eine schlechte Idee. Aktuell verdeutlicht das Valérie Robert/taz: “Frankreichs Murdoch ist eine Gefahr: Bolloré fördert Rechtsextreme – Der Milliardär Vincent Bolloré wühlt die französische Medienlandschaft auf. Eine innere Pressefreiheit ist in seinen Medien nicht zu finden.”

Ihr Vergleich mit Murdoch lässt sich auch auf Deutschland übertragen. Kein Wunder, das politökonomische System ist gleich. Die Natter Bolloré wurde schon von Nicolas Sarkozy genährt; Frau Merkel freundete sich mit den Damen Mohn (Bertelsmann) und Springer an. Frau Springers Tuppes Mathias Döpfner ist längst nach rechtsaussen gestürmt, kämpft um die Meinungsführerschaft bis zur rechten Wand. Und sorgt für Stress im Verlegerkartell BDZV.

Rheinische-Post-Aufsichtsrat Rainer Beaujean hat ebenfalls zu viele Stress-Baustellen. Im von ihm geführten Pro7Sat1-Konzern muss er sich des Berlusconi-Clans erwehren. Und ein Gerichtsverfahren droht die Verwurstung von Katarzyna Lenhardt durch seinen Konzern neu aufzurollen. So einer kann sich nicht auch noch um Datenschutz kümmern.

Dass die Stellungnahme der Rheinischen Post gegenüber Matthias Eberl so eine lange Leitung hat, liegt also daran, dass sie ihre Stellungnahme in diesem stressgeplagten BDZV abstimmen will. Weil es die andern ganz genauso – oder so ähnlich – machen.

Haziran Zeller

Ein neuer Stern am Philosophie-Firmament? Ich bin mir nicht sicher. 2019 schrieb der junge Mann an seiner Dissertation über Adorno und Hegel. Und dann? Ordentlich baggern, um auf dem immer enger werdenden Publizistikmarkt überleben zu können. Ich habe zwar noch nie was von ihm gelesen, weil ich nicht sonderlich philosophieaffin bin. Aber als ich es heute versuchte, ging es nicht – Paywall. Was hat mich geködert? “Reckwitz zum Ukraine-Krieg: Eine Welt aus Polarkreisen – Andreas Reckwitz verkündet eine geschichtsphilosophische Zeitenwende. Während der Soziologe das westliche Fortschrittsdenken auf den Prüfstand gestellt sieht, findet sich sein Stichwort von der multipolaren Welt auch bei russischen Zeitdeutern.” lautet der Teaser im Ressort FAZ-Wissen.

Herr Zeller ist wahrscheinlich zu jung, um schon 2003 Deutschlandfunk gehört zu haben. Dort führte ein gewisser Hans Dietrich Genscher zum Stichwort “multipolare Welt” u.a. Folgendes aus:

“Sie haben in Ihrer Anmoderation von dem multipolaren System gesprochen und damit kommen Sie in der Tat auf eine Kernfrage. Die lautet nämlich, ob die bipolare Weltordnung, also die Welt des Kalten Krieges, bestimmt vom Gegensatz der westlichen Demokratien mit den USA und der Sowjetunion mit ihren Zwangsverbündeten, durch eine unipolare, auf Washington konzentrierte und von dort auch dominierte Weltordnung hinausläuft oder auf eine multipolare. Ich persönlich bin der Meinung, dass wir auf dem Wege in eine multipolare Weltordnung sind, und ich denke, dass jetzt alle Anstrengungen – vor allem auch der Europäer – darauf gerichtet werden müssen, die Vereinigten Staaten davon zu überzeugen, dass nur eine Rechtsordnung, die von der Ebenbürtigkeit und Gleichberechtigung der Staaten – übrigens auch der großen und der kleinen – ausgeht, dauerhaft Frieden und Stabilität in der Welt garantieren könnte. Wir sind als Europäer ja nicht nur Theoretiker auf diesem Gebiet. Die Gründung der Europäischen Gemeinschaft nach dem Zweiten Weltkrieg, nach schrecklichen europäischen Brüderkriegen und den zwei Weltkriegen, hat gezeigt, dass in dem Augenblick, in dem sich Gleichberechtigte auf gemeinsamen Werten basierend ebenbürtig begegnet sind und die Luxemburger und die Deutschen, die Belgier und die Franzosen zu einer Friedensordnung gekommen sind, das eine gute Weltordnung ist.”

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net