Kommunikation – welche Krisen sind neu, welche steinalt?

In diesem Leben trete ich keinem Verein mehr bei. In denen, denen ich aus Solidarität noch angehöre, bin ich inaktiv. Mein komplettes Berufsleben hat aus solchen Zugehörigkeiten bestanden. In der Rente muss es mal damit gut sein. Dirk Knipphals illustriert deutsches Vereinsleben am Beispiel des deutschen P.E.N.-Zentrums. Die Abkürzung steht für “Poets, Essayists, Novelists”. Eine Organisation, die ich meiner politischen Jugend als ehrwürdig wahrgenommen habe, unter der Führung von Hermann Kesten, den ich in guter Erinnerung behalten habe, als tollen uneigennützigen Makler des Fortschritts. Ist jetzt halt auch nur ein deutscher Verein. Wie alle andern.

Wie es “Mobbing” bereits auf meinen Schulhöfen gab, so gab es das auch in Vereinen und Organisationen schon immer: Intrigen, Machtkämpfe, gegenseitiges Schlechtmachen. Wenn es die Oberhand gewinnt über das Bedenken der Aussenwirkung, geht es in der Regel zunächst dem Sektendasein und dann dem Ende entgegen. Aktuell z.B. in der Partei “Die Linke”, durchaus zu meinem Bedauern.

Was ist daran also überhaupt neu? Bei mir persönlich stelle ich zunächst eine pandemiebedingte Besonderheit fest. Ich hatte keine Lust und es individuell – nur für mich – abgelehnt, an digitalen Videokonferenzen und Versammlungen teilzunehmen. Zuviele Elemente menschlicher Kommunikation bleiben dabei ausgeschaltet (Körpersprache, diskrete oder offene optische Signale, kommunikative Dynamiken kleiner oder grosser Gruppen, der komplette total relevante Bereich der informellen Kommunikation), aseptisch unsexy, lustlos, nichts für mich. Konsequenz: damit habe ich mich selbst aus allen notwendigerweise fortgesetzten Meinungsbildungsprozessen ausgeschlossen. (Selbst-)Verurteilung zur Irrelevanz.

Ich will das Thema nicht aufblasen. Es basierte auf eigenem individuellem Entschluss. Ich wollte es so. Wie viele machen es ähnlich? Ob so bewusst wie ich, oder ganz unbewusst, aus Unlust, Alter, o. ähnl.? Weiss ich nicht. Tatsache ist: die Parteien, die demokratische Politik, interessiert das nicht die Bohne. Sie machen einfach weiter in ihrem Hamsterrad. Kann mann so machen …

Die Pandemie hat diesen Prozess beschleunigt, nicht ausgelöst. Er war schon vorher da. Das wirkt sich schon lange politisch aus. Kommunikative Kunstformen wie Verhandlungen, Kompromisssuche, Diplomatie (offene und diskrete), alles, was zu Konfliktlösungen beiträgt, wird zurückgedrängt, stirbt ab und ersetzt durch Dezisionismus. Zurück zur Archaik? Ist es das, wohin uns Kalifornien und China, Konkurrenten um die Marktanteile, aber in der Sache parallel, wieder haben wollen? Systemwidrig ist einzig und allein die Unberechenbarkeit.

Auch die “Guten” unterscheiden sich davon wenig.

Seien Sie um mich unbesorgt. Mein soziales Leben ist aktiv und selbstbestimmt. Meine Zeit verbringe ich jetzt nur noch mit Menschen, mit denen ich das gern tue. So haben alle am meisten davon.

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
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