Die (Video-)Kamera als Täterin

Die im Folgenden behandelten Phänomene unterscheiden sich (sehr!) stark, haben aber eines gemeinsam: sie sind schwere bis mittelschwere kommunikative Verkehrsunfälle. Der schwerste war dieser hier gestern in Buffalo/USA. Hierzulande regt das niemand mehr auf. Jaja, Amerika, schlimmschlimm. Ich lebe zwar lieber hier als da, aber ist es hier wirklich besser? Zuhause ist es extrem gefährlich, jedenfalls für Frauen und Kinder.

Das Besondere einer zunehmenden Zahl von Gewalttätern: sie wollen mit ihren Taten Aufmerksamkeit, und folgen so brav den ökonomischen Gesetzen unserer Gesellschaft: Aufmerksamkeit als Währung. Kameras schaffen so – entgegen landläufig propagierter Klischees – Gefahr statt Sicherheit. Denn sie stellen ja gerade zur Verfügung, was der meist männliche Täter will. Ich will es nicht dogmatisieren. Kameras können zu Sicherheit beitragen, wenn ihre Bilder in Echtzeit gesehen und geprüft werden, und in Sekunden Hilfe vor Ort ist. Was nicht gelingt, sondern ein irrwitziger Irrweg ist: Menschen durch Kameras ersetzen zu wollen.

Die Polizist*inn*en sind oft die, die diesen Irrsinn in ihrem Arbeitsalltag ausbaden. Hier wird das ordentlich ausgeleuchtet: Nadja Maurer/telepolis interviewt den Polizeiforscher Benjamin Derin: “Im Verhältnis zur Politik ist die Polizei auch Akteurin” – Der Jurist und Polizeiforscher Benjamin Derin über die Rolle der Polizei in der Gesellschaft sowie Wege, Effizient und Toleranz zu stärken.

Verkehrsunfall “9-Euro-Ticket”

Die DB verkündete heute ihren Verkaufsstart am 23. Mai, wenn … ja, wenn die Bundesländer im Bundesrat sich einigen können. Bayern droht, es scheitern zu lassen, andere Bundesländer drohen, dann andere bayernfreundliche Sachen scheitern zu lassen. Ein scheinbar übliches billiges Pokerspiel. Wenn die Bundesländer gemeinsam der Bundesregierung gegenüberträten und eine nachhaltigere Verkehrspolitik für den ÖPNV fordern würden, könnten sie mehr erreichen. Aber darum geht es wohl gar nicht.

Verkehrsunfall “Aktuelle Stunde” (WDR)

Stefan Niggemeier/uebermedien scheint ähnlich masochistisch veranlagt zu sein wie Roland Appel. Was der an Zeit aufwendet, um sich Trash reinzuziehen, das wäre eine Gefahr für meine Gesundheit.

Ich zappe, sofern ich nicht meine Wohnung für Wichtigeres verlasse, immer nur kurz rein. Zuvor sehe ich nano/3sat, ein in der Regel akzeptabler Versuch von Wissenschaftsjournalismus in der Glotze. Der Wetterbericht in der WDR-“Aktuellen Stunde” kurz vor 19.30 h ist in der Regel eine günstige Gelegenheit, danach meinen Vater in Essen anzurufen. Oft muss ich wg. solcher von Niggemeier geschilderten Szenen wegzappen, weil ich es nicht aushalte. Wenn Sie sich einen kurzen Eindruck verschaffen wollen: die “Aktuellste Stunde” in den WDR-eigenen “Mitternachtsspitzen”, als “Satire” gelabelt, unterscheidet sich in nichts vom Original.

Wie konnte es so weit kommen? Niggemeier erwähnt kurz einen Konflikt aus der Anfangszeit dieser Sendung in den 80ern. Es ging nicht nur um Garderobe. Es ging um Politik. NRW-Ministerpräsident Johannes Rau hatte entdeckt: “Die lieben ihr Land nicht!” Sie hatten nämlich während der Silllegung der Krupp-Stahlwerke und den damit einhergehenden Arbeitskämpfen Internas aus den Kungeleien zwischen Landespolitik und Krupp-Konzern ausgeplaudert. Danach wurden die Zügel im WDR angezogen, und zwar nicht nur bei der Kleidung, sondern auch in der Personalauswahl. Cornelius Bormann und Harald Brand erledigten das. Und Heribert Fassbender, kurzzeitiger Studiochef in Düsseldorf (1979-82), weiss mehr darüber zu erzählen. Alte Kamellen?

Einerseits: Ja. Andererseits ist die Fürsorge um das doofe Publikum geblieben. Die Medienmacher*innen selbst sind schlau. Sie haben den Durchblick. Sie wissen, wie der Hase läuft. Aber die Leute da draussen haben ja “leider” überhaupt keine Ahnung. Vor zu kompliziertem Stoff und Erklärungen müssen sie geschützt werden. Schon allein, weil sie sonst umschalten würden. Das gibt dann auch keinen Ärger mit dem Chef und steht zukünftigen Beförderungen nicht im Weg. So passt dann wieder alles zusammen. Schade eigentlich.

Gutes Fernsehen gab es wirklich. Sogar im WDR. Ich kann mich noch erinnern.

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
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