mit Update nachmittags

Leser W. Nissing und ich diskutieren anhand Andreas Zumachs Auftritt im ARD-Presseclub die grosse Aussichtslosigkeit in Bezug auf die Fähigkeiten deutscher Empathie für Andere, sowie die damit verbundene Unfähigkeit zum Suchen und Finden diplomatischer Lösungen für kriegerische Konflikte. Ja, es sieht deprimierend aus, auch für mich. Das darf aber kein Grund sein, die Suche aufzugeben.

Der ARD-Presseclub ist die älteste (als Traditionsnachfolger des “Internationalen Frühschoppens”) und – dadurch? – diskursivste, reflektierteste aller deutschen TV-Talkshows. Den diskutierenden Journalist*inn*en fehlt oftmals, aber leider nicht immer, das Ego-Gen von Politiker*inne*n. Leider, leider verschwimmt diese Abgrenzung immer mehr, wie Küppi in seiner taz-Kolumne treffend formuliert: “Die Melange aus PolitikerInnen, die in den Journalismus pfuschen, und JournalistInnen, die politisch intrigieren, macht das Gemisch mitunter toxisch.” Besser lassen sich die Verhältnisse im berlinmittigen Regierungsviertel nicht zusammenfassen.

Wie sehr diese Situation eine permanente Amtseidsverletzung (“Schaden abwenden”) ist, verdeutlichen mir heute ein Journalist und ein Wissenschaftler.

Angesichts erneuter bewaffneter Eskalationen im von den europäischen Grossmächten restlos zerstörten ehemaligen Libyen – heute klassischer “failed state”erinnert der kluge Karim El-Gawhary/taz daran: “Dabei wäre eine Befriedung Libyens im unmittelbaren europäischen Interesse. Denn dort liegen beträchtliche Öl- und Gasreserven.” Dä! Bemerke ich da Anflüge von Schadenfreude? Könnte diese Tatsache nicht gerade der Grund für den Krieg und die Zerstörung sein?

Der Andere ist der kürzlich hier schon erwähnte Wissenschaftler Peter Rudolf/SPW, der der FR/Karin Dalka ein wichtiges Interview gab, um dessen Inhalt sich das ganze Sinnen und Trachten einer “wertebasierten”, oder besser noch interessegeleiteten, demokratischen Aussenpolitik drehen müsste: Sicherheitsexperte über Atomwaffen: ‘Es geht um massive Gewalt’ – Sicherheitsexperte Peter Rudolf über die Abschreckungsdoktrin, die Ratlosigkeit von Nuklearstrategien und das Märchen vom ‘Schutzschirm’.” Die Bundesregierung bezahlt den Mann schon; sie muss ihn jetzt nur noch zu Rate ziehen.

Das Rätsel der Gegenwart ist, wie diese Tatsachen aus dem Bewusstsein herrschender Politik und ihrer Ausführenden in Regierungen und Parteien verschwinden konnten. Wo sind die Fähigkeiten, die, wie Rudolf in dem Interview ausführt, 1962 und 1983 noch Atomkriege arschknapp verhindert haben? Warum werden diese Fähigkeiten nicht mehr erlernt und gelehrt? Rudolfs Ex-Chef Volker Perthes schuftet in diesem Sinne gerade Tag und Nacht im Sudan – völlig unbemerkt von deutscher Kenntnisnahme. Wen interessiert der Sudan? Der ist doch arm. Jemen interessiert doch auch keine*n.

Dieses Desinteresse könnte es sein, das so dumm macht.

Update nachmittags

Zum Weiterlesen: Noam Chomsky überlese ich oft. Ich erwarte Erwartbares. Er redet oder schreibt trocken, ohne rhetorische Reize. Heute habe ich eine Ausnahme gemacht und sie nicht bereut. Wenn Sie ein paar Jahrzehnte länger leben wollen als ich, lesen Sie mal probeweise, was der Mann, der etliche Jahrzehnte mehr als ich schon gelebt hat, derzeit sieht. Chomsky: US-Außenpolitik angetrieben von Angst vor Chinas Aufstieg – Noam Chomsky sagt: Die USA versuchen China einzukreisen, um ihre Macht in Eurasien zu sichern. Ein gefährliches Projekt, das einen Angriff auf Taiwan auslösen könnte. Wie positionieren sich Europa, Russland und Indien geopolitisch?” Das ist ein Interview, das telepolis von Truthout übernommen hat.

Meine Entdeckung ist “die von den Republikanern forcierte Allianz reaktionärer Staaten”. Das konnte ich mir zwar schon denken, aber als durchdachte und praktizierte reaktionäre Strategie war sie mir noch kein Begriff. Sollten die US-Demokraten die Midterms und in zwei Jahren die Präsidentschaftswahlen verlieren – egal ob gegen Trump persönlich oder ein anderes Arschloch – werden sich wie auf Knopfdruck die geostrategischen Kontinentalplatten verschieben: für Putin, Erdogan, MBS, MBZ, Modi u.a. Despoten täten sich neue Perspektiven auf. Es würde noch brenzliger, als es schon ist.

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net