Jürgen Habermas schafft es immer noch, Geschwätzwellen auszulösen

“Der menschliche Erkennntisprozess ist prinzipiell unabschliessbar.” So lautete mein Lieblingssatz im Jungdemokraten-Grundsatzprogramm von 1971 (“Leverkusener Manifest”). Aber ist auch eine Rückentwicklung denkbar? Nicht nur der Ukrainekrieg legt das nahe. Auch ein anderer prominenter Fall von Geistesgrösse. Er ist jetzt 93, zwei Jahre älter als Adenauer, drei als mein Vater; drei jünger als die tote Queen. Wenn ich seinem Rezensenten Stefan Reinecke/taz glaube, hat er keine neue Studio-LP vorgelegt, sondern nur eine neue “Best-of”-Compilation. Damals beim Vinylplattenkauf habe ich davon meine Finger gelassen. Es mutete an, wie die ständigen Wiederholungen in der Glotze. Doch die Orentierungslosigkeit der liberalen Linken ist so ausgewachsen, dass sie sich von dem guten alten Mann immer noch jesusartige Fingerzeige erhoffen.

Meine Empfehlung an den alten Mann, den nicht mehr ganz jungen taz-Rezensenten und den zurecht skeptischen und ebenfalls in reifem Alter schreibenden Hal Faber/heise ist der Rückgriff auf die fast 200 Jahre alten Erkenntnisse des von der Mosel ins Rheinland emigrierten Herrn Marx.

Die “digitalen Chatrooms und Bubbles”, die die Herren Habermas und Reinecke beklagen, sind – nicht auch nur notdürftig getarnt – kapitalistisch profitgetrieben. Sie sind Fundament einer Datenökonomie, die in kürzester Zeit so kapitalistisch aufgeblasen wurde, dass selbst die deutschen Medienoligarch*inn*en nur noch staunend erstarrten und in Angst und Panik ausbrachen. Die Bundesregierung und die EU sollten sie doch bitte vor diesem Teufelswerk in Sicherheit bringen. Was, wie sich längst herausgestellt hat, zu einer heillosen Überschätzung und Überforderung der real existierenden Bundesregierungen führte.

Dass die Herren Bezos, Zuckerberg oder Ma zu den reichsten Männern der Welt wurden, war kein Zufall solcher Entwicklungen, sondern ihr Antrieb und Sinn. So will es das System, so wollen es “unsere Werte”. Die herrschenden Werte lassen sich immer in Kapitalwerten ausdrücken. Der Herr Marx hat das gewusst.

Mit einem schadenfrohen “Siehste!” könnten Sie und ich über die Patentkriege des Grosskapitals räsonieren. Wenn sie nicht mit weiteren Pandemien und Millionen oder sogar Milliarden Todesopfern verbunden wären.

Wer also Demokratie retten und erhalten will. muss diese Gesetzmässigkeiten durchbrechen. Damals wurde das “Revolution” genannt. Darauf würde ich nicht beharren. Es war immer mit zu vielen Toten und Terror verbunden – so wie heute der Ukraine- und all die anderen Kriege. Reineckes Glaube und Hoffnung, dass irgendwann irgendwo “Digital Natives” erscheinen, “die die ‘Theorie des kommunikativen Handelns’ ebenso begriffen haben wie die Logik der Algorithmen” – das ist, da bin ich ganz bei Faber, ein Kleinkinderglaube, wie er wohl nur in der taz-Redaktion kursieren kann. Sowohl das kommunikative Handeln als auch die Algorithmen unterliegen Machtverhältnissen, sowohl in den Konzernen der asozialen Netzwerke, als auch in und zwischen den Staaten. Die müssen geändert werden.

Wir Jungdemokraten hatten das schon 1971 begriffen (und “beschlossen” ;-) ). Es ist seitdem nicht gealtert, sondern aktueller und brennender denn je.

Aber “auf uns hört ja keiner”? Da mache ich andere Erfahrungen. Gucken Sie mal hier, was ich vor sechs Jahren schrieb. Und jetzt das in der FAZ. Ich gebe zu: Übereinstimmungen mit dem Kerl verunsichern mich. Suchen Sie den Unterschied!

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net