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Kulturelle Aneignung – rassistische Kategorie?

Kennen Sie Abel Selaocoe? Er ist ein schwarzer, afrikanischer Musiker, der mit dem Cello experimentiert und Johann Sebastian Bach “Papa Bach” nennt – weil er dessen Musik ebenso wie Barockmusik liebt, auf ganz neue Weise interpretiert und damit ein neues Fenster in der Musikkultur aufstößt. ttt hat ihn gestern vorgestellt und ich nehme ihn als idealtypisches  Gegenbeispiel zu den ideologischen Exzessen einer Kampagne, die in den USA begonnen hat, und auch bei uns derzeit irrwitzige, antiaufklärerischen Blüten treibt. Denn wenn es nach deren Kategorien ginge, wäre Selaocoe jemand, der durch “kulturelle Aneignung” von Bachs Musik Verrat an seiner Community betriebe.

“Kulturelle Aneignung” nennen es die Vertreter*innen dieser Irrlehre wenn etwa die junge deutsche, weisse Sängerin mit Dreadlocks, Ronja Maltzahn von “Fridays for Future” wegen “kultureller Aneignung” ausgeladen wird. Diese ideologische Verirrung hat ihren Ursprung auch in der US-amerikanischen Bewegung gegen Rassismus in den 2010er Jahren. Den weissen Miitelklassewerten sollte eine Identität der schwarzen Community entgegengesetzt werden. Neu ist diese kulturelle Diskussion nicht. Die Motown-Sängerinnen der 60er Jahre wie Diana Ross & the Supremes und viele andere glätteten sich ihre Haare, passten sich dem weissen Mainstream an. Angela Davis, die sich selbst als Kommunistin bezeichnete, machte in den 70er Jahren den Afro-Look zum Kult und selbstbewussten Symbol der Bürgerrechtsbewegung der Schwarzen US-Amerikaner*innen.

“I have a Dream”

In seiner berühmten Rede am 28.8.1963 appellierte Dr. Martin Luther King jr. an die Vereinigten Staaten, allen Menschen gleich welcher Hautfarbe die gleichen Bürgerrechte zu garantieren und zu verwirklichen. Seither haben viele Bürgerrechtsbewegungen, die Frauenbewegung, die Schwulenbewegung und nicht zuletzt die LGBTQ-Bewegung gleiche Rechte für alle Menschen eingefordert. Ein Teil der schwarzen Antidiskriminierungsgruppen allerdings ging darüber hinaus und beanspruchte “identitäre kulturelle Werte”, die bestimmten Bevölkerungsgruppen nicht genommen oder sie derer nicht “enteignet” werden dürften. War es für Martin Luther King Jr. noch selbstverständlich, dass in eine Bürgerrechtsbewegung für gleiche Rechte aller schwarzen und weißen Menschen gemeinsam kämpften, sprechen Teile der “Black Lives Matter”-Bewegung Weißen das Recht ab, sich für die Gleichberechtigung von Schwarzen einzusetzen, weil sie nicht schwarz seien. Die Kategorien der “kulturellen Aneignung” sind nicht eindeutig, zum Teil wirr, und mischt berechtigte Forderungen nach Rückgabe kultureller Schätze, Nutzung traditioneller Techniken und das Eintreten für die Rechte Entrechteter wild durcheinander. Was bei der Rückgabe von Kulturgut wie den ägyptischen Mumien, fernöstlichen Tempelschmucks oder Errungenschaften der Maya-Kultur, darunter auch jahrhundertelang in kolonialer Hand befundener Beutekunst, noch klar ist, gerät schon bei der Frage der Interpretation fremder Kulturen bis hin zur Nutzung von Symbolen und kulturellen Ausdrucksweisen, in ein heilloses Durcheinander von herkunftsgebundener Identität und ausgeprägter Verwirrung, die ebenso fehlgeleitet ist, wie die Diskussion um die Dreadlocks einer weissen jugendlichen Sängerin.

Rassismus der Antirassisten

Ich habe 24 Jahre mit einer “schwarzen Deutschen” zusammen gelebt und wir haben eine gemeinsame Tochter. Ich glaube beurteilen zu können, was Alltagsrassismus ist, wo hinter dem Namen ein kleines Stück weniger Bonität bei den Banken oder bei Versicherungen erscheint, wie die bewussten oder auch unbewusst-ungewollten kleinen Rassismen sich in unserer weißen Mehrheitsgesellschaft äußern. Von der Wohnungssuche bis zum Arbeitsplatz ist Rassismus in Deutschland noch lange nicht überwunden. Denn materielle Verkürzung von Lebens- und Berufschancen sind die wesentlichen Grundrechtsverletzungen, die Menschen mit dunkler Hautfarbe und/oder mit Migrationshintergrund treffen. Gleichzeitig hat die gesellschaftliche Entwicklung zu allen Zeiten ihren Fortschritt durch kulturelle Aneignung begründet. Die Übernahme der Mathematik und der Naturwissenschaften durch die Römer. der lateinischen Schriftzeichen und arabischen Zahlen, die unser Leben in der industriellen Gesellschaft des halben Erdballs bestimmen, sind nichts anderes, als kulturelle Aneignung. Im übrigen gilt das auch für die Übernahme der menschenrechtlichen Prinzipien und demokratischen Verfahren der britischen und amerikanischen Verfassungen in unsere Rechtsordnung.

Linksidentitäre Irrtümer ebenso rassistisch wie Rechtsidentitäre

Zu den gefährlichsten rassistischen und neonazistischen Bewegungen gehört die “Identitäre Bewegung”, rechtsnationalistische, scheinintellektuelle Gruppen, die sich um eine scheinintellektuelle Begründung der Überlegenheit der weissen Rasse und ihrer kulturellen Errungenschaften gegenüber Migrant*innen aus dem Mittelmeerraum, dem Maghreb oder Südosteuropas gründen. Anstatt die materiellen Gründe und Ursachen ihrer Armut, die in Kolonialismus und kapitalistischer Weltwirtschaft liegen, zu benennen, begründen die “Identitären” die ungleiche Verteilung des Reichtums auf unserem Planeten mit der Überlegenheit der weissen Rasse und ihrer ökonomischen Potenziale.  Moderne linksidentitäre Ideologien tappen in der Tat in die gleiche Falle, indem sie die real existierenden sozialen Unterschiede und mangelnde Bildung und Aufstiegschancen mit einem allseitigen Mechanismus von Diskriminierung erklären, nicht aber als die Ursache die soziale Spaltung in der kapitalistischen Wirtschaftsordnung erkennen.

Identitäre Ideologie spaltet

Derartiges Denken findet sich nicht nur in Fragen der Herkunft oder Hautfarbe, sondern auch bei Geschlecht, sexueller Orientierung oder sozialer Zugehörigkeit. Die Behauptung, die zugeschriebene “Identität” einer Person sei Voraussetzung, für deren Gruppe sprechen zu dürfen, also nur Schwule für Schwule, nur Behinderte für Behinderte usw. Das geht so weit, dass im Vorfeld der letzten Bundestagswahl in einem sozialpolitischen Arbeitskreis der Grünen tatsächlich die Frage diskutiert wurde, dass Hartz IV-Empfänger*innen quotierte Listenplätze auf den Bundestagswahllisten bekommen müssten. Letztendlich spaltet diese Art des Denkens von Gesellschaft die unterprivilegierten und schwächeren Gruppen der Gesellschaft und verhindert eine Solidarisierung und gemeinsame Emanzipation im Sinne des Abschüttelns von illegitimer Herrschaft durch soziale Ungerechtigkeit, deren Ursache die bestehende immer ungerechtere Verteilung des Reichtums ist.

Über den/die Autor*in: Roland Appel

Roland Appel ist Publizist und Unternehmensberater, Datenschutzbeauftragter für mittelständische Unternehmen und tätig in Forschungsprojekten. Er war stv. Bundesvorsitzender der Jungdemokraten und Bundesvorsitzender des Liberalen Hochschulverbandes, Mitglied des Bundesvorstandes der FDP bis 1982. Ab 1983 innen- und rechtspolitscher Mitarbeiter der Grünen im Bundestag. Von 1990-2000 Landtagsabgeordneter der Grünen NRW, ab 1995 deren Fraktionsvorsitzender. Seit 2019 ist er Vorsitzender der Radikaldemokratischen Stiftung, dem Netzwerk ehemaliger Jungdemokrat*innen/Junge Linke. Er arbeitet und lebt im Rheinland. Mehr über den Autor.... Sie können dem Autor auch im #Fediverse folgen unter: @rolandappel@extradienst.net

Ein Kommentar

  1. A.Holberg

    Ein guter Artikel! Ich möchte gerne eine Konkretisierung machen: Die gesamte afro-amerikanische Musik vom Blues bis zum Jazz, vom Soul bis zum Raggae ist Produkt “kultureller Aneignung”. All diese Musikarten basieren auch auf europäischer Harmonik. Diese gab es in Europa bis ungefähr zur Renaissance nicht und weder in “authentischer” afrikanischer noch klassischer “orientalischer” Musik, wie indischer mit ihren “Ragas” bzw. arabischer mit den “Makamen” genannten speziellen Tonleitern, beide eher den europäischen Kirchentonarten verwandt. Und natürlich gibt es in ursprünglicher subsaharanischer afrikanischer Musik weder E-Gitarren noch Saxophone. “Wir” hingegen haben von all diesen Musiken vorallem in unserer Populärmusik Rhythmik, wenngleich in primitivierter Form, und/oder den Verzicht auf “Wohlklang” à la Belcanto übernommen.

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