Seit 77 Jahren ist Krieg auf deutschem Boden abwesend. 65 Jahre davon habe ich miterlebt, kenne Krieg also nicht aus eigener Anschauung. Dafür bin ich – u.a. meinen Eltern für die gelungene Wahl von Ort und Zeit meiner Herstellung – unendlich dankbar. Auch den Politiker*inne*n in der Geschichte, die mit dafür gesorgt haben. Das steht für mich über allem, was es ansonsten zu streiten gibt. Heute Nacht habe ich nun schlecht geträumt: vom Krieg. In meinem Fall also 100% Fantasie. Wenn Sie das nicht interessiert, überspringen Sie die nächsten drei Absätze.

Es verbanden sich zahlreiche irre Bilder des abgelaufenen Sommers mit dieser Fantasie. Der Rhein lief in wenigen Sekunden leer, legte den Blick auf zahlreiche gesunkene Kriegsschiffe aus vergangenen Kriegen frei. Das Wasser lief in keinen Abfluss aus, sondern verdampfte so schnell, dass klar war: das ist das Ende. Ich wachte auf.

Es heisst, Angst sei eine “schlechte Beraterin”. In diesem Fall halte ich das für falsch. Diese Angst ist eine Lehre der Geschichte – im Gegensatz zu dieser Gewissheit, von einem, den ich bisher zu den Vernünftigen gezählt habe – die ich in meinem Einzelfall aus den Erzählungen meiner Eltern und Grosseltern (keine Nazis darunter, aber auch keine Widerstandsheld*inn*en) bezogen habe. Und natürlich aus unendlich viel Gelesenem und (filmisch) Gesehenem.

Unter diesen Vorzeichen sehe, höre, und lese ich – trotz eingehaltener Mediendiät – immer noch Unmengen an selbstgewissem kaum erträglichem Propagandatrash. Ich halte es sogar für richtig, dass sowas nicht verboten wird. Das ist Demokratie. Bisher war die Bettdecke eine sichere Zuflucht davor. Eben auch nicht immer.

Nach diesem subjektiven Vorspruch zu meinen Empfehlungen.

Wolfgang Pomrehn/telepolis hat seine Energie- und Klima-Wochenschau auf zwei Teile gedehnt, wg. des vielen Stoffes. Die heutigen Beschlüsse der Bundesregierung waren ihm noch nicht bekannt. Er erklärt aber sehr gut den Rahmen, in dem sie gefasst wurden. Gaskrise: Warum die Einkaufstour ohne Moral nicht alternativlos ist – Die Energie- und Klimawochenschau Teil 1: Die Bundesregierung verurteilt nicht alle Angriffskriege, wenn es ums Gas geht. Dabei könnte beim Verbrauch angesetzt werden. Was ist z.B. mit der Gasverschwendung für Plastik-Vermüllung?”

Und der zweite Teil: Gasumlage: Kuhhandel mit der Atomkraft? – Die Energie- und Klimawochenschau Teil 2: Über sich abzeichnende Koalitionsfehden, rissige Kernreaktoren und das grönländische Eis, das den Meeresspiegel steigen lässt”.

Ein Quell kritischer Information aus Russland bleibt Bernhard Gulka/telepolis: Ukraine-Krieg: So chaotisch läuft die Teilmobilmachung in Russland – An der Front greifen beide Seiten an. Im Hinterland haben russische Behörden mit Reservisten zu kämpfen, die nicht an die Front wollen oder zu krank sind. Der Widerstand gegen Zwangsrekrutierungen wächst.”

Bernd Müller/telepolis meint, dass Polen im Winter bedeutend schlimmer frieren wird als Deutschland, und zwar – dafür benötige ich nicht viel Fantasie – weil die PiS-Regierung zu doof ist: Baltic Pipe: Warum Polen trotz neuer Gasleitung kaum über den Winter kommt – Mit überschwänglichen Worten wurde die neue Gasleitung am Dienstag eröffnet. Vorerst bleibt sie leer, weil Lieferanten fehlen. Im Dezember könnte das Gas im Land knapp werden.”

Dass Polen und Frankreich auch diese hiesige Bundesregierung in Panik versetzen, ist nachvollziehbar. Es kann nur diplomatische Gründe geben, dass sie verzichtet, darauf aufmerksam zu machen. Der Energienotstand geht von unseren Nachbarn aus: Polen wie beschrieben, und die kaputten AKWs in Frankreich. Es geht um das Netz, zu dem alle zusammen gehören. Deutschland muss in beide Richtungen exportieren, damit die Nachbarn nicht zusammenklappen. Und es ist objektiv zweifelhaft, ob es das schafft. Führungsmacht? Habenses nich ne Nummer kleiner? Das macht Olaf, Robert, Annalena richtige Kopfschmerzen. Zurecht.

Die Forsa-Umfrage, um die wenig publizistischer Wind gemacht wird, um sie nicht noch zu verstärken, dürfte in den genannten schmerzenden Köpfen “wie eine Bombe” (Metapher!) eingeschlagen haben. Und siehe, von Antiamerikanismus keine Spur, aus den USA gibt es fast ähnliche Zahlen zum gleichen Krieg, trotz unterschiedlicher Perspektive, Motive und Entfernung. Florian Rötzer/overton-magazin: Umfrage: Mehrheit der Amerikaner fordert diplomatische Bemühungen zur schnellen Beendigung des Ukraine-Kriegs – Noch wird die Biden-Regierung ein weiteres 12 Milliarden-Paket auch mit Militärhilfe für die Ukraine als Zusatz zu einem Gesetz zur Vermeidung eines Regierungs-Shutdowns durch den Kongress bringen, aber viele Amerikaner wollen ein Ende des Kriegs, auch wenn die Ukraine Kompromisse eingehen muss.” Dä.

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
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