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Best of 20. Januar 2023

Der gute Thomas Knüwer hat wieder seine Jahresprognose veröffentlicht. Und wie üblich bilanziert er zunächst seine aus dem Vorjahr. Eine Methode, die ich mir auch von “Wirtschaftswaisen”, “Umfrageinstituten” und anderen Wahrsager*inne*n wünschen würde, bevor sie sich trauen uns als Öffentlichkeit zu belästigen. In seiner Jahreswertung sieht Knüwer sich knapp mit 9,5:7,5 in Führung. Nun ja, als Unternehmensberater muss er das wohl. Irgendwo im Kleingedruckten seines langen aber lesenswerten Textes erwähnt Knüwer verschämt “China-Ukraine-bedingte Unsicherheit bringt Unruhe in das Verhältnis von Startups und ihren Investoren”. Ja, blöd irgendwie, ne.

Ich habe gestern schon mal vorsorglich diese Greenpeace-Prognose von 2020 zu Auswirkungen von Atombomben gelesen. Nur mal angenommen, der Herr Putin wäre so krank, halbtot, brutal, irre, schlecht beraten und ahnungslos über die wirkliche Welt da draussen, dann wäre das Treffen am Wochenende in Ramstein doch für seine Eskalationsstrategie ein schönes Ziel. Ramstein ist 232 km von Bonn entfernt. Überleben wäre möglich, die Umstände aber wenig Hoffnung lassend. Wollte er dagegen die in Büchel stationierten Atomwaffen treffen – die sind nur halb so weit von Bonn, und wir mitten in der Fallout-Zone (Greenpeace S. 31). Da kann ich nur raten: geben Sie Ihr Vermögen vorher aus, lassen Sie es sich, und allen, die ihnen wichtig sind, noch schnell so gutgehen wir irgendmöglich.

Dass der Bundeskanzler in der Frage verschärfter Waffenlieferungen nicht als Lockvogel fungieren will, mit dem die USA Putins unberechenbare Reaktionen auszutesten versuchen, entspricht seinem Amtseid. Die ihn treibenden Medien mussten keinen ablegen; sie erledigen nur ihr Geschäft. Wie ich das finde, ist denen egal – ich habe ja sowieso nichts mehr abonniert.

Der kluge Thomas Pany/telepolis leuchtet das derangierte deutsch-französische Verhältnis aus: Deutsch-französische Beziehungen am Ende? – Ukraine-Krieg, Europa-Strategie, US-Nähe und neue Rivalität: Wie es um die Freundschaft zwischen den zwei Großen in Europa steht.” Das Problem, an dem sich die Beteiligten in Ramstein die Zähne ausbeissen, ist, dass Frankreich zwar Atommacht ist. Aber nicht in der Lage, einen schützenden “Schirm” über das expandierte Nato-Europa zu spannen. Dieser “Schirm” gehört den USA – und aus dem will die Bundesregierung nicht hervortreten – wie sie es geschworen hat, einige mit “Gottes Hilfe”.

Wie die Biden-Administration ihre europäische Konkurrenz aus dem Verkehr zu ziehen beabsichtigt, illustriert Gaby Weber am berüchtigten Bayer-Monsanto-Konzern, der wie ein schlecht erzogener Köter demütig zu Herrchen zurückwinselt: Die einst deutsche Pharmaindustrie geht ‘weit weg von Europa’ – Pharma-Konzern Bayer: ‘Wir verlagern unseren kommerziellen Fußabdruck und die Ressourcen weit weg von Europa.'” Nicht, dass ich diesem konkreten Fall hinterherweine. Besonders freuen würde ich mich, wenn die ihre Betriebsfussballmannschaft, gegen die meine Borussia morgen antreten muss, gleich mitnähmen. Und den in Leverkusen hinterlassenen Sonder- und Giftmüll nicht vergessen. Leider ist diese kriminelle Bande nur ein Beispiel für eine weit grösser angelegte antieuropäische Strategie – und zwar egal, wer gerade Präsident ist.

Auf welchem Trip sind die? Eine Hypothese bietet China-Kenner Wolfram Elsner im telepolis-Interview mit Reinhard Jellen an: Einige im Westen wollen Taiwan zur nächsten Ukraine machen – Das Elend des Westens im Umgang mit China, über die chinesische Corona-Strategie, Werte-Ramboisierung und neue Konkurrenzverhältnisse – China organisiert eine atemberaubende Energie- und Emissions-Transformation – Fünfjahrespläne sind in China Mobilisierungsinstrumente” Auch ohne Elsner in allen Bewertungen zu folgen, drängen sich vermehrt Fragen nach europäischen und deutschen Interessen auf – ob mit oder ohne “Werteleitung”.

Jens Berger/nachdenkseiten plädiert für mehr Differenzierung beim Konkurrenzkampf um die weltweite Leitwährung: “Hintergrund: Denkfehler ‘Dollarhegemonie'”

Vergleichsweise aufklärerisch Philipp Fess’/telepolis Analyse einer Szene, die für die meisten von uns eine fremde Welt ist. Und das ist auch genau ihre Absicht. North Atlantic Fella Organization (Nafo): Hybride Kriegsführung trifft Internet – Informationskrieg: Wie eine Social-Media-Truppe mit ukrainischer (Gegen-)Propaganda Krieger dies- und jenseits des Atlantiks begeistert.”

Nach dem vielbeachteten Erich Vad hat sich nun ein weiterer prominenter Ex-General der Bundeswehr politisch exponiert. So eine grosszügige Pension macht unabhängig. „Je länger der Krieg dauert, desto größer wird das Risiko einer Ausweitung oder Eskalation“ – General a. D. Harald Kujat im Gespräch: „Vielleicht wird einmal die Frage gestellt, wer diesen Krieg wollte, wer ihn nicht verhindern wollte und wer ihn nicht verhindern konnte.“ Overton hat das Interview von Thomas Kaiser aus dem schweizerischen “Zeitgeschehen im Fokus” übernommen.

Woanders is’ auch scheisse. Eva C. Schweitzer/overton beschreibt, wie sich die US-Medien selbst stilllegen: Der Sohn, der Laptop und die amerikanische Presse – Die demokratische und die republikanische Presse schenken sich nichts: Beide berichten sie einseitig. Und übrigens: Joe Biden fährt eine Corvette.” Wer demokratische Medienarbeit schätzt, auch ohne sie als “vierte Gewalt” zu überhöhen, will da nicht dazwischen sein.

Anknüpfend an Elsners (s.o.) Betrachtungen zur irrlichternden chinesischen Covid-Politik lässt sich Petra Erlers zweiter Teil lesen: Das Dogma ‘impfen impfen, boostern boostern’ muss fallen – Teil 2 – Wir Zauberlehrlinge im Umgang mit einem Virus und der mRNA-Technologie”. Ich hatte hier schon kommentiert, dass ich der Schlagzeile der Autorin nicht folge – wohl aber ihrer Kritik an den riesenhaften Forschungslücken, die zu füllen, von denen die es könnten, scheinbar niemand die Absicht hat.

Über Martin Böttger:

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net

2 Kommentare

  1. w.nissing

    “dass Frankreich zwar Atommacht ist. Aber nicht in der Lage, einen schützenden “Schirm” über das expandierte Nato-Europa zu spannen”
    kleine Anmerkung, hat F auch gar nicht vor. Macron hat öffentlich erklärt, das die Force de frappe nur zum Einsatz kommt, wenn Frankreich explizit angegriffen wird. Ganz so suizidal ist der Käselutscher ja auch nicht…. mal abseits der Frage ob es dann wirklich noch was zu lutschen gibt.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Malevil_(Film)
    Aber das man dem (imho) Realisten P immer die Bombe unterjubeln will, finde ich! etwas derangiert. Mir machen die Schnüffelnasen jenseits des Teichs viel mehr Kopfschmerzen.

    • Martin Böttger

      “Mehr” oder “weniger”? Atombombe ist Atombombe – egal von wem.

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