Beueler-Extradienst

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Die große Transition

Energie im globalen Machtkampf

Die Zeitenwende als Zeitenbruch: Die alte sicherheits- und wirtschaftspolitische Ordnung ist zerbrochen. Es gibt keinen Hegemon mehr. Putin und Trump betreiben einen Imperialismus der Schwäche, gestützt auf fossile Energien und militärische Macht. China setzt auf Elektrifizierung und Dekarbonisierung. Die neue Blockkonfrontation lautet Petrostaaten versus Elektrostaaten. Europa muss sich aus der fossilen Abhängigkeit befreien. Es muss strategische Autonomie, gemeinsame Verteidigung, Eurobonds und Kooperationen in einer Allianz der Mittelmächte vorantreiben, will es die neue multipolare Welt mitgestalten. Meine Rede bei der SensAbility 2026:

Liebe Paula Niederelz, liebe Studierende der WHU, meine Damen und Herren, vielen Dank für die Einladung zur diesjährigen SensAbility – The WHU Impact Summit 2026.

1 Zeitenbruch

Heute Mittag hat Olaf Scholz hier gesprochen. Als am 24. Februar 2022 Russland die ganze Ukraine mit Krieg überzog, hat er den Begriff der Zeitenwende geprägt. Der Imperialismus eines revisionistischen Russlands zwang die Welt, neu zu denken. Alte Gewissheiten erwiesen sich als falsch:

– Russland ist kein zuverlässiger Lieferant von Energie.
– Russland respektiert – anders als einst die Sowjetunion – nicht die Unverletzlichkeit von Grenzen.
– Wir brauchen die Bundeswehr nicht nur für Einsätze unter dem Dach der Vereinten Nationen, sondern wieder zur Abschreckung…

Die Liste ließe sich verlängern.

Die falschen Gewissheiten zu korrigieren ist die Herausforderung der Zeitenwende.

Die Ampelkoalition hat hierfür die Grundlage gelegt. CDU/CSU, SPD und Grüne haben gemeinsam mit einer Verfassungsänderung dafür den Rahmen geschaffen.

Doch nicht nur die Gewissheiten über Putin erwiesen sich als brüchig. Trump zertrümmerte weitere europäische Gewissheiten:

– Im Mutterland der Demokratie, den USA, ist die Demokratie massiv unter Druck.
– Die USA sind nicht länger Europas Partner. Sie bedrohen uns in Grönland.
– Das Beistandsversprechen der NATO zählt nicht mehr.
– Die neue Globalisierung prägen Zollkrieg und Abschottung statt offener Märkte und freiem Handel.

Es ist das Ende eines romantischen Transatlantizismus, wie ihn Friedrich Merz im Vorsitz der Atlantik-Brücke noch leben durfte. Vor allem aber trifft die neue Zeit uns Deutsche hart.

Deutschlands Wirtschaftsmodell funktioniert nicht mehr.

Mit billigem Gas aus Russland Maschinen, Autos, Chemikalien zu produzieren und auf offenen Märkten unter dem militärischen Schirm der USA zu verkaufen, klappt nicht mehr. „Isch over“ – um Wolfgang Schäuble zu zitieren.

Deutschland, Europa und die Welt erleben mehr als eine Zeitenwende.

Es ist ein Zeitenbruch.

Deshalb spreche ich heute über:

– Einen Imperialismus der Schwäche
– Petrostaaten vs. Elektrostaaten
– Moderne Industriepolitik
– Europas Stärke

2 Imperialismus der Schwäche

Der Zeitenbruch ist mehr als die Rückkehr der Großmachtpolitik. Natürlich waren der Krieg der USA gegen Vietnam, die Überfälle auf Grenada oder Nicaragua ebenso Ausdruck von Großmachtpolitik wie die Invasion der Sowjetunion in Afghanistan oder die Intervention in der CSSR.

Großmachtpolitik im Kalten Krieg war Ausdruck des Kampfes zweier Hegemonialmächte um die Sicherung ihres Teils der Welt. Gegenseitig respektierten die USA wie die Sowjetunion überwiegend den anderen Hegemon. Das limitierte den Streit und Stellvertreterkriege um Einflusssphären.

Auf Dualität der Hegemone beruht unsere internationale Rechtsordnung. Das Völkerrecht in Gestalt der UN-Charta garantiert die Souveränität aller Staaten. Es lässt Ausnahmen vom strikten Gewaltverbot nur zur Abwehr eines unmittelbar drohenden Angriffs oder mit einem Mandat des UN-Sicherheitsrats zu.

Alle Staaten in der UN sind gleich. Im UN-Sicherheitsrat aber fünf Staaten sind gleicher. Die Siegermächte des 2. Weltkriegs, allesamt Atommächte, haben als ständige Mitglieder ein Vetorecht. Sie können Entscheidungen gegen ihre Interessen blockieren. Und sie tun das.

Die alte hegemoniale Ordnung endete 1990.

Der Zerfall der Sowjetunion ließ nur die USA über. Das Ende des einen Hegemon aber war nicht der Beginn ewigen Friedens.

In den Kriegen im Irak, in Afghanistan, in Libyen offenbarte sich die Überdehnung der Macht der USA. Ihr unilaterales Zeitalter endete, bevor es begonnen hatte.

Heute gibt es keinen Hegemon mehr.

Die USA konnten weder unter George W. Bush noch unter Barack Obama globale Ordnung garantieren. In die von den USA überlassenen Räume im Nahen Osten und dem Sahel stieß ein revisionistisches Russland vor. Donald Trump wurde gewählt, weil die Amerikaner nicht mehr für die Hegemon-Rolle zahlen wollten.

Unter Trump wollen die USA nicht länger Hegemon sein, aber erste Großmacht.

Das meint „Make America great again“. Nicht die Garantie einer regelbasierten globalen Ordnung ist das Ziel. In einer regellosen Welt der Stärkste zu sein, ist das strategische Ziel der neuen Nationalen Sicherheitsstrategie der USA.

Oder wie Donald Trump die Grenzen seines eigenen Handelns definiert:

“Yeah, there is one thing. My own morality. My own mind. It’s the only thing that can stop me. I don’t need international law.”

In der Verachtung einer regelbasierten Ordnung trifft sich Trump mit Putin.

Beide teilen die Überzeugung, dass Staaten in der von ihnen definierten Einflusszone nur eine begrenzte Souveränität haben.

Deshalb verwickelte Putin Georgien und die Ukraine erst in begrenzte Grenzkriege, um dann die Ukraine als Ganzes zu überfallen.

Deshalb überfiel Trump zunächst Venezuela und griff dann den Iran an. Deshalb bedroht er Grönland und Kanada mit Annexion. Deshalb erteilt sein Sicherheitsberater Marco Rubio auf der Münchner Sicherheitskonferenz der von Friedrich Merz tags zuvor geforderten „Europäischen Souveränität“ eine knallharte Absage.

Worauf sich Deutschlands Verteidigungsminister und der Außenminister folgsam erhoben und stehend applaudierten. Für Wadephuls und Pistorius Naivität gilt Erich Kästners Ratschlag:

„Was auch immer geschieht: Nie dürft ihr so tief sinken,
von dem Kakao, durch den man euch zieht, auch noch zu trinken!“

Man applaudiert dem neuen Imperialismus nicht, man tritt ihm entgegen.

Dazu bedarf es Mut. Aber auch des Wissens, worin sich der neue Imperialismus von Trump und Putin vom alten Imperialismus unterscheidet. Der Imperialismus des 19. Jahrhunderts beruhte auf überwältigender militärischer, ökonomischer und technologischer Macht.

Der neue Imperialismus ist ein Imperialismus der Schwäche.

Putin möchte das Zarenreich wiederherstellen. Der Zerfall der Sowjetunion war für ihn die „größte geopolitischen Katastrophe“. Das Ende der Sowjetunion beruhte auf fehlender ökonomischer Wettbewerbsfähigkeit und technologischer Unterlegenheit, auf die ein erstarrtes politisches System keine Antwort fand.

Daran hat sich nicht viel geändert. Russlands Wirtschaftskraft liegt zwischen der Italiens und Spaniens. Es beruht einseitig auf dem Export fossiler Rohstoffe. Sein wichtigstes Asset sind seine Atomwaffen.

Das Ende des anderen Hegemons, der USA, wurde in Afghanistan und dem Irak sichtbar. Die stärkste und modernste Armee der Welt konnten ihre Ziele nicht durchsetzen.

Fast dramatischer ist der Verlust an amerikanischer Soft Power. Noch dominieren die USA die globalen Finanzmärkte und die IT-Industrie. Doch der Aufstieg Chinas hat die Welt verändert. In Lateinamerika, Asien wie Afrika hat China die USA im Handel abgehängt.

Der größte Binnenmarkt der Welt aber ist die Europäische Union.

Putins und Trumps Imperialismus der Schwäche versucht dem Verlust an Soft Power mit Hard Power zu begegnen.

Das macht diesen Imperialismus gleichzeitig gefährlich und verletzlich.

3 Petrostaaten vs. Elektrostaaten

Im globalen Powerplay spielt Energie eine zentrale Rolle. Der Imperialismus der Schwäche stützt seine Macht stark auf fossile Energien. Auch diese Gemeinsamkeit teilen Putin und Trump.

Russlands Wertschöpfung, sein Staatshaushalt beruht überwiegend auf dem Export von Kohle, Öl und Gas. Die Energiedominanz der USA beruht Öl- und Gas-Ressourcen, vor allem aber auf der Fähigkeit als Swing-Producer die globalen Öl- und Gaspreise zu gestalten.

Doch diese Macht aus den Fossilen schwindet. Elektrifizierung und Dekarbonisierung stellen sie infrage. Es ist eine große Transformation.

Wir werden Zeuge des Endes der fossilen Industrialisierung.

2024 waren weltweit über 90 Prozent der neuen Stromerzeugungskapazitäten erneuerbar. Die Hälfte dieser Investitionen wurde in China getätigt. Der Zubau der Erneuerbaren übertraf zum ersten Mal das Wachstum der Nachfrage nach Strom. Für 2025 gilt das Gleiche.

Es ist eine globale Machtverschiebung. Seine E-Autos haben China innerhalb von 5 Jahren zum größten Autoexporteur werden lassen – vor den USA, vor Deutschland, vor Japan.

Der Verlust fossiler Wettbewerbsfähigkeit untergräbt die geopolitische Macht von Russland und den USA. Wir steuern auf einen neuen Systemkonflikt zu:

Petrostaaten gegen Elektrostaaten.

Bei den fossilen Verlierern dieses Konflikts wächst die Neigung zum halbstarken Imperialismus. In der Nationalen Sicherheitsstrategie der USA ist der Wiedergewinn fossiler Energiedominanz ein strategisches Ziel. Sie ist ausdrücklich gegen Europa gerichtet. Wir sollen uns sich von Erneuerbaren und Klimaschutz verabschieden.

China reagiert auf die fossile Energiedominanz der USA mit einer konsequenten Strategie: Elektrifizierung und Ausbau der Erneuerbaren.

Zwischen Petrostaat oder Elektrostaat hat Europa keine Wahl. Europa hat kein Öl und Gas. Es muss sich diesem neuen Kalten Krieg entscheiden: Heimische Erneuerbare oder weiter jährlich 80 Mrd. an Aukraten für Öl und Gas zahlen.

Resilient werden oder sich erpressen zu lassen.

Geopolitisch hat Europa das gleiche Interesse wie China. Es möchte weder von Russland noch weiter von den USA abhängig sein. Wir sollten sollte darüber aber nicht von China abhängig werden.

Die vom Irankrieg ausgelöste Ölkrise zeigt erneut: Trumps Kriegslust korreliert mit dem Vorhandensein von Öl- und Gasquellen, ob in Venezuela, in Nigeria, in Grönland oder jetzt im Iran. Verteuert der Irankrieg die Öl- und Gaspreise für den großen Rivalen China, ist das gewollt. Spült das Geld in Putins Kasse, ist Trump nicht traurig

Von den gestiegenen Gaspreisen profitiert die Frackingindustrie. Die fossile US-Industrie kassiert Milliarden an Windfallprofits ein. Ihre halbe Milliarde Spenden für Trumps Wahlkampf war eine lohnende Investition.

Wir sollten den Irankrieg als das Fukushima der fossilen Energien ansehen – als einen Wendepunkt.

4 Moderne Industriepolitik

Anstatt den Wandel zu forcieren, bestrafen Merz, Klingbeil und Reiche Vorreiter. Erneuerer werden ausgebremst, nicht wettbewerbsfähige Geschäftsmodelle dagegen subventioniert.

Die Bundesregierung versucht all das zu tapfer zu ignorieren. Schwarz-Rot übt – im Schulterschluss mit der konservativ-nationalistischen Mehrheit im Europaparlament – das fossile Rollback.

– Als die E-Autos von Volkswagen die Teslas aus Europas Verkaufslisten zu verdrängen begannen, kämpfte Schwarz-Rot dafür Verbrenner länger zuzulassen.
– Die Bundesregierung stufte Hybride als ‚klimaneutral‘ ein. Sie emittieren auf der Straße viermal so viel CO2 wie in ihrer Zulassung steht .
– Entfallen soll die Vorgabe, dass 65% der Wärme künftig erneuerbar erzeugt sein müssen. Mit dem „Teuer-Heizen-Gesetz“ (Grüne) landen steigende Gaspreise in den privaten Haushalten, wenn es die kommunale Wärmeplanung oder der Vermieter so will. Dem Erdgas sollen „grüne Gase“ zugemischt werden. Zu diesen Gasen zählt Wasserstoff, der mit Erdgas erzeugt wurde und dann dem Erdgas wieder beigemischt wird. Unsinnig, aber teuer.
– Es soll ins Belieben von 800 örtlichen Verteilnetzbetreibern gestellt werden, ob sie Erneuerbare und Speicher ans Netz lassen. So werden nicht Netzausbau und Erneuerbare synchronisiert, sondern der Zubau von Erneuerbaren ausgebremst. Chancen für ein stabileres Netz bleiben liegen.
– Ungerührt sieht Katherina Reiche zu, wie die nächste Ausschreibung für Off-Shore-Wind leerläuft. Der drohende Fadenriss bei Off-Shore gefährdet 50.000 Arbeitsplätze in Norddeutschland.
– Der Anreiz, zusätzliche Kapazitäten für PV-Strom auf privaten Dächern zu installieren, soll entfallen. Während Balkonkraftwerke boomen, sollen Haushalte von der EEG-Einspeisevergütung ausgeschlossen werden.
– Auf Druck Deutschlands versprach die EU Donald Trump, US-Flüssiggas im Wert von 750 Milliarden zu kaufen.

Schwarz-Rot betreibt palliative Wirtschaftspolitik – teure Sterbehilfe für die fossile Industrie.

Es ist wie vor Fukushima, als die Atomindustrie mit allen Mitteln darum kämpfte, mit ihrem nicht mehr zukunftsfähigen Geschäftsmodell, noch etwas länger Geld verdienen zu dürfen. 2011 wussten die Atomkonzerne, dass niemand ein neues Atomkraftwerk bauen würde. Es wäre viel zu teuer und nicht wettbewerbsfähig gewesen. E.on und RWE hatten eine erteilte Genehmigung für ein neues Atomkraft in Großbritannien sogar zurückgegeben.

2026 kämpfen die Gaskonzerne dafür, noch etwas länger Geld verdienen zu dürfen. Und weil Porsche 93 Prozent Gewinneinbruch mit seinen Verbrennern erlebt, soll der Umstieg auf E-Autos verzögert werden – zu Lasten von Volkswagen. Dort stehen 50.000 Arbeitsplätze zur Streichung an.

Auch heute weiß die Gasindustrie, dass sie – trotz Trump – dauerhaft mit dem Verkauf von Erdgas keine Geschäfte machen wird. Physik, Ökonomie und Klimaschutz sprechen dagegen. Eine Wärmepumpe liefert mit einer Kilowattstunde Strom dreieinhalb Kilowattstunden Wärme. Während die Gaspreise explodieren, sinken die Kosten für erneuerbaren Strom.

Deutschlands Autoindustrie weiß, dass der Verbrenner keine Zukunft hat. Sinkende Strompreise und der Erfolg von Chinas E-Autoindustrie sprechen Bände. Europas Autoindustrie wird nur überleben, wenn sie sich schneller und nicht langsamer auf E-Mobilität umstellt.

Der Irankrieg sollte ein Weckruf sein. Deutschland muss anfangen, resilienter zu werden. Wie 2011 Angela Merkel kann es die Laufzeitverlängerung beenden – diesmal für Fossile.

Das fossile Rollback muss gestoppt werden. Der Ausstieg aus den Fossilen muss beschleunigt werden. Deutschland muss konsequent auf den Ausbau heimischer erneuerbare Energien setzen. Es sind „Freiheitsenergien“ wie sie Christian Lindner in einem selten hellen Moment mal nannte. Vor allem aber

Wir müssen endlich moderne Industriepolitik betreiben statt palliativer Wirtschaftspolitik.

1700 Unternehmen in Deutschland haben das in einem offenen Brief eingefordert.

5 Europas Stärke

Ich habe bei der Erstellung dieser Keynote ihren Titel geändert. War in der Ankündigung von „Transformation“ die Rede war, steht dort jetzt „Die große Transition“.

Transformation wäre etwas, das wir machen würden. Zumindest die Bundesregierung hat sich noch nicht entschieden, ob sie aktiv machen will.

Wir erleben aktuell die Transition des globalen Systems nach dem Ende der Bipolarität, nach dem Scheitern des Unilateralismus. Diese Transition stellt das gesamte multilaterale System der Vereinten Nationen infrage.

Wir erleben die Herausbildung eines neuen multipolaren Systems.

Diese Transition vollzieht sich, ob Deutschland, ob Europa etwas macht, oder nicht. Wir müssen mit den Folgen umgehen. Besser ist es, die Herausbildung das neue multipolare System im europäischen Interesse aktiv mitzugestalten.

Die Transition geht mit globalen Machtkämpfen einher. Offen setzt der Imperialismus von Putin und Trump auf das Recht des Stärkeren. Beide, die USA wie Russland, wollen die regelbasierte Ordnung beenden.

Das ist nicht im Interesse Europas – und es ist nicht im Interesse der übergroßen Mehrheit der Staaten der Welt. Es gilt also

Europa muss resilienter werden und strategische Allianzen bilden.

Europa neigt dazu, sich schwächer zu fühlen, als es ist, sich kleinzumachen. Das war lange eine erfolgreiche Strategie – im Windschatten des Hegemon gute Geschäfte zu machen. Das funktioniert nicht mehr.

Ohne sich selbst zu überschätzen, dürfte Donald Tusk doch recht haben, als er mit Blick auf den Abschied der USA von der NATO spottete:

„500 Millionen Europäer bitten 300 Millionen Amerikaner, sie vor 144 Millionen Russen zu schützen“

Es war ein Aufruf, die Defizite Europas zu beheben, aber sich der eigenen Stärken bewusst zu sein.

– Europa muss seine Defizite bei der Verteidigung angehen – das ist nicht nur eine Frage des Geldes, sondern wie es ausgegeben wird, national oder europäisch.
– Will Europa nicht finanziell erpressbar bleiben, muss der Euro neben den Dollar als globale Währung treten. Leitwährung wird der Euro aber nur mit europäischen Anleihen – Eurobonds.
– Europa ist der größte Binnenmarkt der Welt. Will es das in der neuen Globalisierung bleiben, muss es seine strategischen Industrien schützen – das gilt gerade für Batterie- und Speichertechnologie, für Pharma- wie für Künstliche Intelligenz. Resilienz, etwa durch Local Content Regeln oder den Kohlenstoffgrenzausgleich kostet. Aber Serverfarmen in Dubai oder Doha sind keine gute Idee.
– Europa muss sich aus der Abhängigkeit der US-Tech-Monopole befreien. Dazu gehört eine klare Regulierung von Plattform, das Ende ihrer steuerlichen Privilegierung – aber auch die Bereitschaft, konsequent auf Open Source und europäische Lösungen zu setzen. Schleswig Holstein lässt grüßen.
– Europa braucht Partner in der Welt, die sich gegen Strafzölle und Abschottung zusammenschließen. Mit ihnen muss regelbasierter freier Handel vereinbart werden – in Handelsabkommen auf Augenhöhe.
– Europa darf nicht länger fossil erpressbar sein. Es muss die Elektrifizierung und Dekarbonisierung seiner Volkswirtschaft schneller vorantreiben. Heimische erneuerbare Energien auszubauen ist etwa anderes als Autarkie. Hierzu gehören auch Energiepartnerschaften wie die Wasserstoffkooperation mit Namibia oder Kanada.

Kurz:

Die neue multipolare Welt braucht eine Koalition der Willigen für regelbasierte Ordnung.

Auf die USA können wir dabei nicht setzen – auf Russland schon gar nicht. Anders als die USA und Russland China will eine regelbasierte Ordnung – doch nur zu seinen Bedingungen.

Kanadas Ministerpräsident Mark Carney fordert gegen die Großmächte ein Bündnis der Mittelmächte. Europa muss seine Stärke in ein solches Bündnis investieren. Denn Carney hat recht:

„Wenn wir nicht am Tisch sitzen, stehen wir auf der Speisekarte.“

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.

Über Jürgen Trittin:

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Ein Kommentar

  1. Avatar-Foto
    Stefan Overkamp

    Bis auf die Abkehr von der Friedensfähigkeit (Fabian Scheidler), kann ich vielen Aspekten in diesem Text folgen. Etwas Selbstkritik hinsichtlich grüner Beteiligung an diesen Fehlentwicklungen hätte mir gut gefallen. Ob die aufgezeigte Perspektive realistisch ist, wage ich bei gleichzeitig verfolgter neoliberaler Wirtschaftspolitik und Privatisierung von Gemeinwohlaufgaben, die von Grünen vielfach mitgetragen wird, zu bezweifeln.

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