Hongkong in “Strangers” – nach 8 Jahren frei verfügbar

Kann mann oder frau den Brit*inn*en neokolonialen Blick zum Vorwurf machen? Vermutlich den meisten nicht, was können sie dafür? Aber feststellen darf mann oder frau ihn durchaus. “Der Chinese”, ist der nicht irgendwie rätselhaft? Das wird doch hierzulande ganz ähnlich gesehen, Nichtwissen, Ahnungslosigkeit auf diese Weise als vorgebliches Wissen verkleidet. Immerhin spart “Strangers” auch nicht mit kritischen Blicken auf die postkoloniale Politik britischer Botschaften, Konsulate und Diplomat*inn*en. Sehr gut ansehbar also.

Nach acht Jahren ist diese von der britischen Privatsenderkette ITV beauftragte Serie nun durch Streamingdienste ökonomisch durchverwertet und die ARD darf sie bis 10.5. kurz kostenfrei anbieten:

Strangers – Jetzt im Stream: In der Thrillerserie Strangers reist Professor Mulray nach Hongkong, nachdem seine Frau bei einem Unfall starb. Dort entdeckt er, dass sie ein geheimes Leben führte und gerät in ein gefährliches Netz aus Lügen, Intrigen und Verschwörung.” Verfügbar bis 10.5.

Ausgedacht und produziert wurde die Geschichte von den britischen Williams-Brüdern. Sie erzählen sie aus der Perspektive eines britischen Professors, routiniert und temperiert bis cholerisch verkörpert von John Simm, der auch im deutschen TV eine bekannte Nase ist.

Eine Neuentdeckung für mich ist die Schottin Katie Leung, die im Verlauf zu einer weiblichen Hauptrolle avanciert. So wie Simms Professor rätselt, wer seine verstorbene Gattin war, rätselt Leungs “Lau Chen”, wer ihr Vater war. Alle Kandidaten am Ende tot, aber keine Angst: sie bringt sich nicht um. Freilich gibt es wohltuenderweise auch kein kitschiges Happyend, sondern, wie es sich für zeitgenössische TV-Serienkunst gehört, ein offenes Ende. Nur falls sich der Auftraggeber zu Forsetzungsstaffeln entschliesst … it’s the economy, stupid!

Eine Entdeckung für mich auch Kae Yukawa, die Laus etwas zwielichtig angelegte Geliebte verkörpert. Der Wikipedia-Eintrag beider Damen beweist meine cineastische Ahnungslosigkeit. Denn beide sind langjährig arrivierte Schauspielstars.

Der eigentliche Star in “Strangers” ist freilich das Stadtbild von Hongkong, das hier spielend mit New York City oder Rio de Janeiro konkurrieren kann. Ich war nie dort. Aber meine Eltern, sie landeten noch auf dem alten Flughafen, der als der damalig “gefährlichste der Welt” galt. Umstieg nach Australien. Ein Flugzeug steckte noch nach misslungener Landung im Hafenbecken.

Nicht alles glitzert dort. So wenig, wie in London. Das zeigt “Strangers”. Gute Unterhaltung.

Über Martin Böttger:

Avatar-FotoMartin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
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