Streitmacht und Wirtschaftskonzern

Das kubanische Militär breite sich über seine Wirtschaftsholding GAESA (Grupo de Administración Empresarial de las Fuerzas Armadas – Gruppe für Unternehmen­s­manage­ment der Streitkräfte) in der Gesellschaft aus und militarisiere diese nachhaltig, so eine verbreitete Erzählung. Gerade wegen der akuten Krise lohnt sich ein genauerer Blick. Denn das tatsächliche Problem könnte ein anderes sein.

Laut Miami Herald habe Kuba 2025 etwa 60 Prozent des von Venezuela erhaltenen Erdöls weiterverkauft. Diese Information soll ein hoher US-Regierungsbeamter der Zeitung zugespielt haben. Die ohne jeglichen Beleg konstruierte Deutung der Zeitung ist, dass das Militär sich auf Kosten der Bevölkerung an den Verkäufen bereichert habe. Was Fakt und was Fake ist, weiß man beim Miami Herald nie. Hat es je Weiterverkäufe in diesem Umfang gegeben? Falls ja, könnten sie nicht dazu gedient haben, für die wirtschaftliche und soziale Basisversorgung dringend benötigte Devisen zu generieren? Diese Überlegungen kamen der Zeitung nicht in den Sinn, die Nachricht mit Deutungsschräglage ging um die Welt.

Bereits ein halbes Jahr zuvor hatte der Miami Herald Spektakuläres berichtet. Geleakte Dokumente bezeugten einen sagenhaften Reichtum der GAESA-Holding in Höhe von fast 18 Milliarden Dollar, während die Bevölkerung hungere. Ein Skandal, fürwahr. Wenn es denn so wäre. ACERE, eine aus namhaften US-Wissenschaftler*innen und Personen des öffentlichen Lebens bestehende NGO, die sich für eine Versöhnung mit Kuba einsetzt, sieht Fake News am Werk. Sie zitiert die britische Ökonomin Emily Morris, der zufolge der Herald eine krasse Fehlinterpretation der spärlichen Daten vornimmt. Das Gesamtvermögen der GAESA müsse nach Morris‘ Kenntnis des buchhalterischen Systems Kubas mit 17,9 Milliarden kubanischen Pesos (damals ca. 750 Millionen USD) und nicht mit ebenso viel US-Dollar veranschlagt werden. ACERE fragt sodann, wieso sich ein solcher behaupteter Reichtum so gar nicht am Zustand der Streitkräfte Fuerzas Armadas Revolucionarias (FAR) ablesen lasse. Kuba ist nicht hochgerüstet. Die Fachzeitschrift Aviation Week bezeichnete 2020 die kubanische Luftwaffe als fliegendes Museum, das nur dank brillanter Ingenieurskunst irgendwie in der Luft gehalten wird. Laut GlobalMilitary.net gab es in den 1980er-Jahren über 200 Kampfflugzeuge; 2026 war kein einziges mehr einsatzbereit und es gab nur noch elf Kampfhubschrauber. Die Verteidigungsausgaben sanken laut Statista Research Department (November 2025) von 3,9 Prozent des BIP im Jahr 2012 auf 2,9 Prozent im Jahr 2024 (USA 3,4 Prozent, Israel 8,8 Prozent; im Fall Kubas bedeutet die Zahl keine entsprechende Zuwendung durch den Staat). Doch der nachlässig recherchierte Artikel des Miami Herald ging viral. Die subkutane Botschaft war: Wenn die Militärs auf Kosten der Menschen ein krachendes Luxusleben führen, dann sind auch Blockade oder Invasion zur Befreiung des Volkes legitim.

Wer ist GAESA?

GAESA wurde 1995 gegründet und basiert auf der schon vorher vertretenen, nicht unsympathischen Vision, dass das Militär nicht wie anderswo das Sozialprodukt des Landes verschwenden, sondern selbst Wertschöpfung betreiben soll. Daher engagierte sie sich im Einzelhandel, im Tourismus, in der Finanzwirtschaft, in der landwirtschaftlichen Produktion, betreibt eine Tankstellenkette und kontrolliert den Freihafen Mariel. Die Militärholding wurde größer und größer, bis sie schließlich zu groß war. Doch Schätzungen, wonach GAESA bis zu 70 Prozent der kubanischen Wirtschaft kontrolliere, wie es der exilierte Autor Amir Valle behauptet, stellen laut Arturo López Levy und anderen mit Kuba befassten Wissenschaftler*innen eine unseriöse Dramatisierung dar. Emilio Morales von der Havana Consulting Group in Miami, früher selbst in leitender Funktion bei einem GAESA-Unternehmen, ging gegenüber der BBC 2017 von ca. einem Drittel der Wirtschaftsleistung aus. Das ist immer noch viel. Heute wirken die Streitkräfte mit ihrer Wirtschaftsholding wie ein Gemischtwarenkonzern mit angeschlossener Waffenabteilung.

Militärangehörige genießen auf der Grundlage der selbstgenerierten Einnahmen durchaus Privilegien. So kann ein Teil des Solds in Devisen gezahlt werden, es gibt Wohnungen für Militärangehörige und Einkaufsmöglichkeiten mit preislichen Vergünstigungen. Andererseits unterstützen die Streitkräfte – im militärischen Kontext eher ungewöhnliche – Projekte wie die technische Ausstattung der orthopädischen Klinik Fructuoso Rodríguez in Havanna nebst Anlage der dortigen Gemüsegärten zur Versorgung von Patient*innen und Beschäftigten.

Die schiere Größe der Holding führt zu systemischen Fehlsteuerungen. Die partikularen Interessen als Wirtschaftsakteur gehen den volkswirtschaftlichen Gesamtbedarfen vor. Das ist nichts Besonderes, aber die Militärholding ist zu riesig, als dass das gutgehen könnte. Das Unverständnis in der Bevölkerung über die durch jahrelange Priorisierung des Tourismus bei der Investitionssteuerung entstandene Schieflage ist mit bedingt durch die im Vertrauen auf immerwährendes Wachstum der Branche erfolgte Aufblähung des GAESA-Tourismuskonzerns Gaviota, während die Infrastruktur der Insel langsam ins Prekäre rutschte. Die Warnsignale, die es seit der Pandemie gab, wurden überhört. Auch der Tod des mächtigen GAESA-Chefs Luis Alberto Rodríguez López-Calleja brachte 2022 keinen Kurswechsel. Frühere Einschätzungen internationaler Beobachter, wonach das einzige funktionierende Unternehmen auf Kuba das Militär sei, sind heute so nicht mehr haltbar. Nicht alle GAESA-Unternehmen sind defizitär. Doch beim hypertrophen Gaviota-Konzern stehen den Investitionen von Jahr zu Jahr geringere Einnahmen gegenüber. Umso absurder werden konspirationstheoretische Phrasen vom hinter dem Rücken der Bevölkerung akkumulierten märchenhaften Reichtum.

Aber es stellt sich die Machtfrage. Welches politische Subsystem ist stärker, das Wirtschaftsministerium oder der intransparente Machtfaktor GAESA, der sich externer Kontrolle entzieht? Dabei ist die bilanztechnische Geheimniskrämerei jedoch auch der äußeren Bedrohung durch das Imperium im Norden geschuldet.

Das Gewicht des militärisch-ökonomischen Faktors wird oft als Beweis für eine militarisierte Gesellschaft verstanden. Dieser möglichen Erzählung steht die andere gegenüber, die die Schwäche der FAR und von Teilen von GAESA betont. Und das Diktum von Raúl Castro, wonach das Heer niemals gegen die eigene Bevölkerung eingesetzt werde, gilt weiterhin, während Donald Trump die US-Armee in Gestalt der Nationalgarde gern mal zur „Befriedung“ in US-Großstädte schickt.

Fluch der Karibik

Das Verteidigungssystem benötigt zum Erhalt der Wachsamkeit die selbstgenerierten Ressourcen, denn vom Staat kommt nichts mehr. Am 25. Februar feuerten bis an die Zähne bewaffnete Exilkubaner, die einen gewaltsamen Aufstand planten, von einem Boot vor der kubanischen Küste auf ein Boot der dortigen Küstenwache. Diese schoss zurück und tötete vier der Eindringlinge.

Die Piratenmentalität zeichnet nicht nur diese Terrortruppe aus. Donald Trump triumphiert, er könne mit Kuba machen, was er wolle. Und Marco Rubio erklärt, dem funktionsunfähigen System Kubas nun ein Ende zu setzen. Was die US-Regierung dafür getan hat, damit es in Kuba schlecht läuft, sagt er nicht. Seit wann legitimiert eine behauptete Dysfunktion die Erdrosselung des Landes oder einen Militärschlag? Mit einer solchen Begründung könnte jedes Land jederzeit in jedem anderen Land intervenieren.

Die US-Armee wird die kubanische Armee im Ernstfall überrollen. Doch Präsident Díaz-Canel kündigt für diesen Fall erbitterten Widerstand an. Partisanenkämpfe wären ein erwartbares Szenario. Kuba setzt laut Botschafterin Juana Martínez gegenüber der „Berliner Zeitung“ am 13. März 2026 (Paywall) auf den Volkskrieg. Ein einfacher Enthauptungsschlag ohne Volksaufstand gegen die Invasoren wie in Venezuela wäre in Kuba unwahrscheinlich. Die von Dissidentenkreisen gestreute, nicht belegbare Behauptung, es stehe quasi niemand mehr hinter dem System, kann trotz Popularitätsverlusts der Regierung als Wunschdenken betrachtet werden, das letztlich nur aufgrund der menschlichen Neigung, sich in Blasen Gleichdenkender zu bewegen, erklärbar wird. Die Dialektik von Kritik an der Regierung einerseits und Bindung an die Revolution andererseits wird dabei außer Acht gelassen. Marco Rubio, der sich vielleicht schon als Präsident (oder Gouverneur?) in spe sieht, könnte noch überrascht werden.

Dieser Beitrag ist eine Übernahme aus ila 494 April 2026, hrsg. und mit freundlicher Genehmigung der Informationsstelle Lateinamerika in Bonn. Links wurden nachträglich eingefügt.

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