Überraschung: eine vernunftorientierte Porno-Debatte auf 3sat

Früher, unter der sachlichen-neugierigen Leitung von Gert Scobel, habe ich 3sat-Gesprächsrunden immer wieder mal gerne verfolgt, wenn mich das Thema interessierte. Scobel wurde mittlerweile zugunsten von Alena Buyx von 3sat aufs Altenteil und zu Freund Küppi überwiesen. Frau Buyx war in der Corona-Krise so medienallgegenwärtig, dass sie bei mir in der – vielleicht ungerechten? – Geschwätzigkeits-Schublade landete. Letzten Donnerstag wurde mein Vorurteil von ihren Gästen überwunden.

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Madita Oeming war mir schon vor dieser Diskussion bekannt, und hat in meiner Diskurserinnerung einen guten Namen. Die beiden Männer, Johannes Fuß und Rudolf Stark, kannte ich noch nicht. Es gab zwischen den Dreien keinen Streit, sondern es wurden bekannte und weniger bekannte Fakten zusammengetragen. Und was noch wichtiger war: nichtexistierende Fakten wurden benannt. Stattdessen: riesige Evidenz- und Forschungslücken. Warum gibt es die überhaupt?

Die Antwort gebe ich gerne ergänzend zu der von den Genannten geführten hörenswerten Debatte. Die wissenschaftliche Erforschung und faktenorientierte Erhellung des Pornobusiness würde seine Extraprofite und die profunde Ausbeutung der dort Arbeitenden wie der Konsument*inn*en massiv gefährden. Das Dunkelfeld – die organisierte Kriminalität weiss genau, was ich damit meine – ist viel profitabler, als zivil transparentes Gewerbe mit Arbeits-, Gesundheits-, Daten- und Verbraucherschutz. Und bewahre – Gewerkschaften!

Die zweite Antwort ist ähnlich schlecht. Würde der verbreitete öffentliche Tabuisierungsdiskurs durch Fakten und Forschung irritiert, würde so manche diskriminierende Hetze unnötig erschwert. Zahlreiche Parteien, Politiker*innen, Volkserzieher*innen und Missionar*inn*e*n müssten sich neue Propagandaobjekte suchen, wenn so öffentlich plus in privaten Beziehungen so offen und ehrlich über Sex und Pornographie gesprochen würde, wie es die Gäste diese 3sat-Runde vorschlagen.

Frau Buyx wirkte bisweilen etwas enttäuscht. Fand ich gut.

3sat ist übrigens der TV-Sender, den die 16 medieninkompetenten deutschen Ministerpräsident*inn*en gerne dichtmachen würden. Am 1. Mai sendet er ganztägig Eisenbahnprogramm. Es könnte sein Publikum auf die Idee bringen, dass statt der TV-Haushaltsabgabe lieber das “Deutschlandticket” verbilligt werden sollte. Aber Ministerpräsident*inn*en sind ja nicht dazu da, dass das Volk sich ihren Kopf zerbricht … Sie regieren, und nicht wir.

Über Martin Böttger:

Avatar-FotoMartin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
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