Mexiko nach der Tötung von El Mencho – Sheinbaums Kurswechsel im Kampf gegen die Kartelle
Am 22. Februar 2026 wurde El Mencho, Anführer des Cártel Jalisco de Nueva Generación, in einem Militäreinsatz getötet. Seine Anhänger*innen reagierten mit einer Welle der Gewalt in vielen Teilen des Landes. Unter dem wachsenden Druck von Donald Trump setzt die Sheinbaum-Regierung nun auf eine Offensive statt auf „Umarmungen“, wie Sheinbaums Vorgänger López Obrador („AMLO“) seine Taktik genannt hatte. Doch kann der Kampf gegen die Drogenkartelle die Gewalt wirklich eindämmen oder treibt er das Land tiefer in einen blutigen Konflikt?
Schwarze Rauchwolken stiegen am Morgen des 22. Februar über der Küstenstadt Puerto Vallarta im Bundesstaat Jalisco in den Himmel. In den sozialen Netzwerken kursierten Bilder und Videoaufnahmen von brennenden Fahrzeugen auf Landstraßen und Autobahnen. „Zur Hölle mit den vier Buchstaben!“, sprach ein junger Mann mit Motorradhelm in seine Handykamera, hinter ihm ein in Flammen stehender Lkw. Mit den „vier Buchstaben“ ist das Cártel Jalisco de Nueva Generación gemeint, kurz CJNG. Dessen Anführer Nemesio Oseguera Cervantes, Spitzname „El Mencho“, wurde an jenem Tag in einem Militäreinsatz getötet. Kartellanhänger*innen setzten daraufhin Fahrzeuge, Supermärkte und Einkaufszentren in Brand und lieferten sich auf den Straßen Schusswechsel mit Polizei und Militär. Mit diesen sogenannten „Narcobloqueos“ legten sie den Verkehr an vielen Orten des Landes lahm und verbreiteten eine Welle der Angst in der Bevölkerung. In 20 der 32 Bundesstaaten kam es zu Ausschreitungen. Zahlreiche Flüge von Puerto Vallarta, Guadalajara und anderen mexikanischen Städten wurden gestrichen. Botschaften vieler Länder alarmierten Reisende in Mexiko. Am nächsten Tag blieben vielerorts Geschäfte und Schulen geschlossen.
Das mexikanische Verteidigungsministerium teilte auf seinem X-Kanal mit, Spezialeinheiten der mexikanischen Armee hätten in Tapalpa, Jalisco, eine Operation durchgeführt, bei der drei Anhänger des CJNG getötet wurden. Drei weitere Verletzte seien auf dem Luftweg nach Mexiko-Stadt gebracht worden und dort ihren Verletzungen erlegen, darunter auch der Anführer El Mencho. Hinweise auf dessen Aufenthaltsort habe es von US-Behörden gegeben. Präsidentin Claudia Sheinbaum rief in einer Pressekonferenz dazu auf, Ruhe zu bewahren. Armeetruppen und Einheiten der Nationalgarde wurden aus dem ganzen Land zusammengezogen und nach Jalisco geschickt, um für Sicherheit zu sorgen. US-Vizeaußenminister Christopher Landau sprach von einer „großartigen Entwicklung für Mexiko, die USA, Lateinamerika und die ganze Welt“.
Das CJNG hat sich in den vergangenen Jahrzehnten zu einem der mächtigsten und gewaltsamsten Drogenkartelle Mexikos entwickelt. Laut dem Uppsala Conflict Data Program ist das Kartell seit seiner Gründung 2009 für 75 315 Tote verantwortlich. Zudem verübte es zahlreiche Anschläge auf Sicherheitskräfte und verfügt über ein breites Waffenarsenal sowie gepanzerte Fahrzeuge und Raketenwerfer. Mit falschen Jobangeboten lockt es junge Männer an, um sie zu rekrutieren. In den USA ist das CJNG seit 2025 als ausländische Terrororganisation eingestuft. Die US-Behörden sehen in der Organisation einen der Hauptverantwortlichen für den Handel mit Kokain, Heroin, Fentanyl und Methamphetamin. Auf El Mencho setzten sie ein Kopfgeld von rund 15 Millionen US-Dollar (12,7 Millionen Euro) aus.
Ein neues Vertrauensverhältnis zwischen Mexiko und den USA
Der Druck, den Donald Trump seit Beginn seiner zweiten Amtszeit im Januar 2025 auf Mexiko ausübte, war enorm. Immer wieder warf er der mexikanischen Regierung vor, nicht genug gegen das Organisierte Verbrechen zu tun, und drohte wiederholt damit, militärisch einzugreifen. Schlussendlich waren es durch den US-Nachrichtendienst zur Verfügung gestellte Informationen, die Mexiko Auskunft über El Menchos Aufenthaltsort gaben. „Ob es für die Sicherheitssituation in Mexiko unbedingt das Beste ist, bleibt fraglich“, meint Jonas von Hoffmann. Der promovierte Politikwissenschaftler ist Lateinamerikaexperte und forscht am German Institute for Global and Area Studies (GIGA) unter anderem zu Drogenpolitik und -handel in Mexiko. „Aber es scheint für die Regierung immer noch vorteilhafter zu sein als ein offener Konflikt mit den USA.“ Überrascht ist von Hoffmann jedoch von dem Vertrauen, das die US-Regierung Mexiko und Claudia Sheinbaum nun wieder entgegenbringt. Er nennt hierzu das Beispiel eines ehemaligen Anführers des Sinaloa-Kartells, „El Mayo“. Dieser wurde 2024 ohne das Wissen der mexikanischen Regierung von den USA außer Landes gebracht und verbüßt dort nun eine lebenslange Haftstrafe. Das Vertrauen in die damalige AMLO-Regierung habe laut von Hoffmann gefehlt. Die nachrichtendienstlichen Erkenntnisse, die zur Operation gegen El Mencho geführt haben, seien ein Zeichen dafür, dass das Vertrauensverhältnis zwischen den USA und Mexiko zumindest auf dieser Ebene wiederhergestellt ist.
Vorbei mit der Strategie der Umarmungen?
Dies zeigt sich auch in Sheinbaums aktuellem Vorgehen gegen die Drogenkartelle. Mehr als 90 Kartellmitglieder wurden bisher an die USA ausgeliefert. „Wie gegen Drogenhandel vorgegangen wird, ist eines der Themen, in denen sich Sheinbaum am deutlichsten von ihrem Vorgänger AMLO unterscheidet“, so von Hoffmann. „Abrazos, no balazos“ („Umarmungen statt Schüsse“) war das Motto der Sicherheitspolitik des ehemaligen Präsidenten Andrés Manuel López Obrador (AMLO). Er setzte darauf, die Ursachen der Gewalt wie Perspektivlosigkeit und Armut zu bekämpfen und attraktive Sozialangebote, besonders für Jugendliche, zu schaffen.
Trotzdem gilt AMLOs Amtszeit als eine der gewalttätigsten der jüngeren mexikanischen Geschichte. Sie dauerte von 2018 bis 2024 und in diesem Zeitraum wurden laut INEGI-Daten insgesamt rund 202 000 vorsätzliche Tötungsdelikte registriert. „In vielerlei Hinsicht erinnert Sheinbaums Vorgehen gerade an die Politik, die es unter Felipe Calderón gab, und das, obwohl es für die mexikanische Linke keine unbeliebtere Figur gibt als ihn“, betont von Hoffmann. Felipe Calderón, mexikanischer Präsident von 2006 bis 2012, verfolgte eine militarisierte Offensive gegen die Drogenkartelle und deren Anführer. Diese sogenannte Kingpin-Strategie stammt von der US-amerikanischen Drogenbekämpfungsbehörde und besagt, dass kriminelle Organisationen durch das gezielte Ausschalten ihrer Anführer geschwächt und somit zerschlagen werden können. Von Hoffmann kritisiert dieses Vorgehen jedoch: „Das führt oft zu weiterer Zersplitterung, zu Kämpfen um Nachfolge und Territorium und dadurch zu mehr Gewalt.“ Wohin sich die Lage in Mexiko entwickelt, wird sich in den kommenden Monaten zeigen. Doch von Hoffmann ist der Meinung, dass durch die neue Art des Vertrauens und der Zusammenarbeit zwischen den USA und Mexiko mit deutlich mehr solcher Aktionen auf mexikanischem Boden gerechnet werden muss. Zudem hänge vieles davon ab, wie sich die Situation innerhalb des CJNG entwickeln wird.
Die Angst bleibt
Die mexikanische Bevölkerung fürchtet sich vor einer neuen Welle der Gewalt im Land. Dass nach der Ermordung oder Inhaftierung eines Drogenbosses mit heftigen Ausschreitungen und Kämpfen reagiert wird, hat das Land in seiner Vergangenheit schon zu oft erlebt. Der Krieg zwischen den Kartellen ist einer, der vor allem auf dem Rücken der Zivilbevölkerung ausgetragen wird. In vielen Teilen Mexikos, besonders in ländlichen Gebieten, kontrollieren und regulieren Kartelle das wirtschaftliche und öffentliche Leben. Schutzgelderpressungen in der Produktion von Avocados und Limetten, Zwangsrekrutierungen von Kindern und Jugendlichen sowie Morde gehören für viele Menschen zum Alltag. Hinzu kommen Korruption und Verstrickungen, die teils bis in hohe Ränge der Regierung reichen. Medienschaffende und politisch Aktive werden systematisch eingeschüchtert. Offiziell gelten in Mexiko mehr als 131 000 Personen als vermisst. Die Aufklärungsrate ist gering und kriminelle Organisationen können sich in nahezu vollständiger Straflosigkeit bewegen. Weitere Territorialkämpfe könnten die Zahl der Verschwundenen, Getöteten und in Angst lebenden Menschen erneut ansteigen lassen. Die Tötung von El Mencho markiert eine neue Stufe in einem Konflikt, dessen Dynamiken längst tiefer reichen als einzelne Führungsfiguren. Ob Sheinbaums Kurswechsel nachhaltige Sicherheit bringt, bleibt fraglich.
Sarah Michelberger studiert Journalismus und lebt in Chiapas, Mexiko. Dieser Beitrag ist eine Übernahme aus ila 494 April 2026, hrsg. und mit freundlicher Genehmigung der Informationsstelle Lateinamerika in Bonn. Einige Links wurden nachträglich eingefügt.

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