Vielleicht muss ich vernünftigerweise vorausschicken, was Klaus Raab/MDR-Altpapier gestern zur Medienkritik schrieb: “Ausgewogenheit kann man nicht mit dem Zollstock messen – Ein neues wissenschaftliches Gutachten beschäftigt sich mit Ausgewogenheit und Vielfalt der Medien – und liefert gute Anstöße, genauer hinzusehen, wenn wieder jemand allzu simple Medienkritik in ein Mikrofon koffert.” Erschwerend kommt allerdings hinzu, da hat die von ihm selbst zitierte Frau Wagenknecht einen Punkt, dass Medienkritik (und im gleichen Sack “die Politik”) längst das Volkssportstadium erreicht hat, und in der gelebten Alltagspraxis den Fussball klar übertrifft. Das ist ein Systemproblem der meisten mir bekannten Demokratien.
Und nun meine Medienkritik. Eine mir persönlich nicht bekannte Frau Witt-Stahl/Junge Welt, die ich beim Lesen meistens umschiffe, wirft einem Herrn Potter, bei dem ich das überwiegend ebenfalls praktiziere, eine Portion Häme hinterher: “Porträt: Linker Journalist des Tages: Nicholas Potter – Er entlarvte die Gaza-Genozidlüge. Die Erkenntnis, dass Mord an Reportern und Pressefotografen nicht immer falsch – an palästinensischen Kollegen sogar unvermeidlich! – ist, hat die kritische Öffentlichkeit niemand anderem zu verdanken als ihm: Nicholas Potter, der sein Handwerk beim Organ des inlandgeheimdienstlich betreuten »Antifaschismus« Belltower.News gelernt hat, lebt nicht nur linken Journalismus – er atmet ihn.”
Dass solcherart Kollegenschelte nach einigen Tagen in einem Paywallarchiv verschwindet, ist noch nicht mal so eine schlechte Idee. Nicht, dass ich Herrn Potter verteidigen will. Frau Witt-Stahl erwähnt richtig, dass er kein Einzelfall ist. Und solche Jobwechsel sind politisch durchaus so unappetitlich, wie ihr Fakt bedenkenswert ist. Meine alte Freundin Tissy Bruns hatte diesen Weg beschritten, war aber schnell nach zwei Jahren davon kuriert. Geld ist nicht alles. Ist nicht der bis heute geachtete Deniz Yücel einen ähnlichen Weg gegangen? 2015-26. Und bei Springer längst wieder weg? Sind diese Berufswege nicht eher ein Indiz für die zunehmende Prekarisierung des Journalist*inn*enberufs und sogar des Verlagsgeschäfts, inkl. der Tatsache, dass der Springerkonzern in Deutschland vermutlich als Letzter pleitegeht?
Und die Öffis?
Im Rahmen meiner persönlichen Mediendiät erlaube ich mir werktäglich die “Tagesschau um 5”.
Dort fiel mir eine Frau Kohnert erstmals und besonders negativ auf, obwohl sie doch offenbar keine wirklich schlechten journalistischen Referenzen hat. Vom WDR auch noch, meinem Sender, von meinem Geld! Was Frau Kohnert im Schaltgespräch der oben verlinkten Tagesschau-Ausgabe performte, war blankeste Arbeitgeberpropaganda unter Weglassung jeglicher journalistischer Distanz. Ein Indiz für den seit Jahren fortschreitenden Verfall dieses einstmals relevanten Nachrichtenmediums. Die ganze Woche war voll mit derartigem Trommelfeuer, und erst gegen ihrem Ende machte auch die eine oder andere Gewerkschaft einen Mucks. Unerträglich für alle, die arbeiten müssen oder mussten. Also alle, ausser die.
Ist die professionelle Besatzung der ARD-“Hauptstadttoilette” (zit. nach Friedrich Nowottny, als er noch 88 war, heute 97) vielleicht zu gestresst, um noch Texte zu lesen? Dafür stelle ich (69) mich gerne zur Verfügung. Unbezahlt, immer wieder hier. Als Dienst an der Gemeinschaft.
Mit einfachen Mitteln ist z.B. das zu finden: Thomas Gesterkamp (Interview)/Freitag (Paywall)/bruchstücke (ohne Paywall): “Wirtschaftswissenschaft: Moral überflüssig, Demokratie Verhandlungsmasse”. Ist das für die “Hauptstadttoiletten”-Insass*inn*en schon “zu komplex”? Was daran ist nicht zu verstehen?

zur Schelte von Susanne Witt- Stahl auf Nicholas Potter: : Potter arbeitet seit Jahren bei der taz. Die taz hat mehrere Redakteur: innen, die ausgewogener über den Konflikt zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn berichten. Daniel Bad, Lisa Schuster, Pauline Jäckel z.B. und sie schafft damit einen schwierigen Spagat.
Gegen Potter gab es, ich glaube im Jahr 2024, eine Kampagne, sogar mit Aufrufen zum Mord, die propalästinensischen Kräften zugeschrieben wird. die taz -Redaktion veröffentlichte deshalb eine Solidaritätserklärung. für Potter.
Mordaufruf gegen Redakteur: Stellungnahme der taz-Chefredaktion zur Bedrohung von Nicholas Potter
| taz.de https://taz.de/Mordaufruf-gegen-Redakteur-Stellungnahme-der-taz-Chefredaktion-zur-Bedrohung-von-Nicholas-Potter/!6079261/
Ebenso musste die taz -Redaktion ihren Kollegen Daniel Bax vor Diffamierung durch die israelische Botschaft in Schutz nehmen.
taz Hausblog » Zur Diffamierung von Daniel Bax https://blogs.taz.de/hausblog/zur-diffamierung-von-daniel-bax/