Was als Internet Protest der Jugend Indiens begann, hat nun die Straße der Hauptstadt New Delhi erreicht
„Ja, ja die jungen Menschen. Erst einmal abwarten, ob es bei ihnen zu mehr reicht, als nur im Internet rum zu klicken.“ So oder ähnlich waren die O-Töne von älteren, wie erfahrenen Indien-Beobachtern, als der 30-jährige Abhijeet Dipke vor drei Wochen die Cockroach Janta Party (Kakerlaken-Partei) gründete, nachdem der indische Verfassungsrichter Surya Kant junge, arbeitslose als Parasiten und Kakerlaken beschimpft hatte.
Zuerst gab es eine Kampfansage von Dipke, in Form einer Klage beim Obersten Gericht in Delhi, gegen die Sperrung des X-accounts der Kakerlaken-Partei mit seinen 22 Millionen Followers.
Dann legte Abhijeet Dipke nach und rief für Samstag den 6. Juni zu einer Demonstration in Delhi auf, um dort noch einmal den Rücktritt von Bildungsminister Dharmendra Pradhan zu fordern: Seit Jahren werden in Indien die Prüfungsfragen bei Examen oder Aufnahmen für Fachhochschulen geleakt. Auslöser war der sogenannte Neet-Skandal, für den Minister Pradhan verantwortlich gemacht wird. Bei den Prüfungen für staatliche Medizin-Fachschulen (Neet), in dem diesmal 2,2 Millionen Bewerber um 130 000 Plätze konkurrierten, hatte es wieder einmal Auffälligkeiten gegeben, die klar darauf hindeuteten, dass viele Bewerber die Testfragen vorher bekannt gewesen waren. Der Test wurde am 12. Mai annulliert, etliche Teilnehmende verübten Selbstmord, da sie viel Geld und Zeit in die Prüfung gesteckt hatten. Für junge Menschen aus ärmeren Familien ist Neet oft die einzige Chance ihres Lebens, Arzt zu werden. Weder der Bildungsminister, noch ein anderer hoher Verantwortlicher musste Konsequenzen aus dem Versagen ziehen .
Einreise nicht verweigert
Am Samstagmorgen landete Dipke am internationalen Flughafen in Delhi – er hat Indien eigentlich verlassen und studiert an der Boston University in den USA und ist Experte für politische Kommunikation. Die erste Überraschung war, dass die indische Regierung Dipke nicht die Einreise verweigerte – dafür ist die internationale Aufmerksamkeit um ihn aktuell wohl einfach zu groß. Dann fuhr Dipke sofort zum Janta Matar Platz, wo sich etwa 1500 meist junge Anhänger versammelt hatten. 1500 von 22 Millionen X-Followers. Hatten die Kritiker also Recht? Ja, wenn die gutartigen Indienkenner damit gemeint sind, denn sie hatten natürlich keine Millionen erwartet, so wie der Journalist Vivek Sharma. In einem Artikel in der letzten Woche im The Wire hatte er erst einmal Verständnis für die jungen der Generation Z und schrieb:
“Sie erreichten das Erwachsenenalter nach der Finanzkrise von 2008, inmitten zunehmender Ungleichheit, prekärer Beschäftigung, ökologischem Kollaps, der Übersättigung durch soziale Medien, aggressivem Hypernationalismus im Rahmen der Hindutva-Politik und schließlich dem psychologischen Bruch durch Covid-19.” In seiner Aufzählung vergaß Sharma sogar noch, dass sich die beiden Nachbarn und Atommächte Indien und Pakistan 2019 und 2025 Luftkämpfe mit Kampfflugzeugen lieferten: 2019 verhinderte vor allem die Besonnenheit von Pakistans damaligen Premierminister Imran Khan einen möglichen Atomkrieg, in dem er einen gefangengenommen indischen Piloten schnell frei ließ. Ja, Imran Khan sitzt immer noch im Gefängnis, vergessen von der Weltöffentlichkeit. Auch fehlte in Sharmas Aufzählung der Umstand, dass sich spätestens seit 2019 die Jugendarbeitslosigkeit jedes Jahr rasant verstärkt: Aktuell sind 40 Prozent der 15- bis 25-Jährigen arbeitslos.
Dafür vergaß Sharma nicht, wie er 20 Jahre früher als die Gen Z in Indien aufwuchs: “Selbst diejenigen von uns, die von linken Traditionen geprägt und dem Neoliberalismus zu Recht skeptisch gegenüberstanden, konnten erkennen, wie das Streben nach Wohlstand die Gesellschaft selbst umgestaltete. Wohlfahrtsprogramme wie das Mahatma Gandhi National Rural Employment Guarantee Act (MGNREGA) Mitte der 2000er-Jahre erweckten zudem den Eindruck, dass Indien trotz aller Ungleichheiten seine Armen und Ausgegrenzten nicht gänzlich im Stich lassen würde.”
Steigende Ausgaben für Wählerbestechung
Nicht dass die indische Regierung nicht an die Armen denkt, das tut sie. Seit Narendra Modi 2014 an die Macht gekommen ist, steigen bei jeder großen indischen Wahl die Ausgaben für Wählerbestechungen in Form von direkten Geldzahlungen an die Ärmsten. Obwohl die Verantwortlichen der indischen Staatsbank seit Jahren vor diesen sogenannten freebies warnen und auch die Verantwortlichen des staatlichen Thinktanks NITI Aayog, wurden bei den diesjährigen Wahlen in den Bundesstaaten Assam, West Bengalen, Kerala und Tamil Nadu Wahlgeschenke im Wert von umgerechnet 17 Milliarden US-Dollar verteilt.
Es braucht wohl nur einmal geraten zu werden, wer gerade im bevölkerungsreichen Norden von Indien die Wahlen gewinnt, wo die Armut immer noch am größten ist: Modis BJP, die mit einem Vermögen von umgerechnet 7 Milliarden US-Dollar reichste politische Partei Indiens. Die indische Kongress Partei, als zweit wohlhabendste Partei des Landes, kommt auf etwa 800 Millionen US-Dollar Die direkten Wahlgeschenke wie monatlich umgerechnet 20 US-Dollar auf das Konto jeder Frau werden dann auch in West Bengalen nach gewonnener Wahl natürlich aus Steuermitteln bezahlt.
Ein Wahlversprechen gab die Modi BJP jedoch den 270.000 Straßenhändlern in Kolkata: „Meine ganze Familie hat die BJP gewählt. Am Tag nach dem Wahlsieg nahm ich, in safranfarbene Kleidung gehüllt, am Siegesprozession teil. BJP-Führer hatten uns versichert, dass kein Straßenhändler mehr Schutzgeld zahlen müsse, um am Bahnhof seinen Lebensunterhalt verdienen zu können“, sagte ein Straßenhändler gegenüber The Wire. Direkt nach ihrem Wahlsieg begann die BJP-Regierung damit 1000e Straßenhändler in Kolkata zu vertreiben und ihre Stände mit Baggern platt zu walzen. Nun wird erwartet, dass auch außerhalb der Bahnhöfe West Bengalens teure Fast-Food-Ketten zum Zug kommen werden, wie es schon in den Bahnhöfen der Fall ist.
Naivitäten
In solch einer Atmosphäre sich ständig wiederholender Wählernaivität von jungen Menschen zu erwarten, über Nacht alles zu ändern ist eine genauso große Naivität.
So realistisch zu den positiven Dingen die Abhijeet Dipke am Samstag trotz geringer Besucherzahlen erreicht hat: Die Studenten der Delhi Universität, der Jawaharlal Nehru Universität, and Jamia Millia Islamia unterstützten Dipke am Samstag. Seit Jahren werden sie von der Polizei und hindunationalen Schlägertrupps regelmässig brutal zusammen geschlagen . Trotzdem haben sie nicht aufgegeben und besitzen lange Erfahrung in Aktionen auf der Straße und in der politischen Arbeit.
Dazu hatte der bekannte Erfinder, Umweltschützer und Aktivist Sonam Wangchuk der Cockroach Janta Party seine Unterstützung zugesagt. Er hatte sogar mit einem Hungerstreik gedroht, sollte die Regierung Abhijeet Dipke festnehmen. Dabei saß Wangchuk selbst noch bis Mai im Gefängnis. In der Bergregion Ladakh war es im letzten Jahr zu Jugend Protesten gekommen. Die Polizei schoß in die Menge, so dass es zu Toten kam. Die Schuld gab die Regierung Wangchuk – wie so viele Aktivisten blieb er ein halbes Jahr ohne Anklage im Gefängnis.
Bisher konnte sich die Modi-Regierung jeden Protest einzeln vornehmen, doch nun scheint es endlich einen neuen Versuch zu geben, dass sich die verschiedensten Aktivisten gegenseitig unterstützen. In einem Land wie Indien mit tausenden von verschiedenen Ethnien und Sprachen eine Riesen Leistung.
Ein junger indischer Freund der im Netz die Stimmung nach den Delhi Protesten beobachtete, teilte mir mit, dass sich viele enttäuscht von Abhijeet Dipke zeigten: Er hätte einfach nicht das Charisma eine neue Protest-Bewegung anzuführen. Das ist sie schon wieder, diese Hoffnung, dass der eine Übermensch kommt und alles für einen richtet. Doch nicht nur meinem jungen Freund ist bewusst, dass jeder seinen Teil beizutragen hat.
Hier hofieren sie Modi
Zudem brachte Dipke endlich mal wieder die internationalen Medien dazu, einen tieferen Blick auf Indien und seine vielen Probleme zu werfen. Auch deutsche Medien hofierten das Modi-Indien als neuen Wirtschaftsmotor und wichtigen Akteur auf der internationalen Bühne. Die Realitäten sehen jedoch krass anders aus. Das Land steckt in einer schweren Krise, die hohen Wirtschaftszahlen sind erstunken und erlogen. Die Flüsse vergiftet, genauso wie die Luft. Die indische Rupie seit mehr als einem halben Jahr auf Talfahrt. Mit nahezu allen Nachbarländern hat es sich Indien versaut und so hat China dort mehr als ein Bein drin.
Auch Deutschland hat den gleichen Prozess durchzumachen. Dass sich die gutartigen Protestbewegungen miteinander vernetzen. Ähnliches gilt auch für die Medien und so freute es mich sehr, dass Friedrich Küppersbusch in einen seiner YouTube-Clips Alexander Prinz, alias der „dunklen Parabellritter“ erwähnte. Schon vor Corona wunderte ich mich, dass viele junge Menschen, zwar keine Zeitungen mehr lasen, aber trotzdem gut im Bilde schienen. Auf meine Frage, wo sie sich denn informieren, wurde immer wieder Prinz genannt.
Aktuell schaute ich beim „auf einen Beinstehen“ seinen Beitrag über die Ausbeutung indischer Studenten durch die Lieferdienste Volt und Lieferando. Ich habe mich an diesen reißerischen Stil gewöhnt, der wohl auf YouTube dazu gehört, im Wettbewerb um Klicks. Doch mich interessiert der Inhalt und der war wieder klasse. Dazu hat Prinz 700.000 Abonnenten und auch der Beitrag über die mafiösen Strukturen der Lieferdienste wurde 300.000-mal angeklickt
Es gibt mittlerweile so viele weitere gutartige Youtuber
Auch Rezo, der durch seine CDU-Zerstörungs-Videos bekannt wurde, leistet zusammen mit seiner 1,7 Millionen starken Community tolle Aufklärungsarbeit. Ja, für alte, gestandene Medienmenschen sicherlich ein sehr gewöhnungsbedürftiger Stil.
Aber was glauben Sie, was ein normaler Medien-Konsument glaubt, der sich anschaut, wie Küppersbusch eine ganze Woche Politik in 6 Minuten zusammenfast. Der Mann sollte wohl in die Klapse. Um Küppersbuschs mit Freude und Vergnügen zu folgen, braucht es so viel Wissen, über deutsche wie internationale Politik und anderen gesellschaftliche Themen, dazu ein funktionierendes Gedächtnis um sich an Geschichte zu erinnern. Ähnlich ist es mit den täglichen Medienempfehlungen von Martin hier auf dem Extradienst. Ja, wir lieben sie, aber andere würden wohl empfehlen, ihn in die gleiche Gummizelle zu stecken, wie seinen Freund Küppersbusch.
“My entire family voted for the BJP. The day after the election victory, I joined the celebratory procession, covered in saffron colours. BJP leaders had assured us that no hawker would have to pay extortion money to continue earning a living at the station.”
https://thewire.in/rights/bengal-bjp-hawker-bulldozer-left-front-cpim-college-street
Die Studentenbewegungen Delhis schließen sich der Demonstration an.
https://www.dawn.com/news/2005402/indias-cockroach-party-chief-flies-to-new-delhi-for-protest

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