In Indien fängt die Jugend an sich zu wehren und auch im Westen widersetzen sich junge Menschen auf ihre Art

Eigentlich war nichts Besonderes passiert: Der indische Verfassungsrichters Surya Kant hatte nur das gemacht, was die hindu-nationale Regierungspartei Bharatiya Janata Party (BJP) von Premierminister Narendra Modi seit 2014 tut: Minderheiten beleidigen, um der Masse einen Schuldigen zu präsentieren, warum es ihr trotz aller Versprechen immer noch nicht besser geht. Doch als Surya Kant junge arbeitslose Menschen als Parasiten und Kakerlaken bezeichnete, traf er ein „Wespenloch“: 65 Prozent der indischen Bevölkerung sind 35 Jahre und jünger und viele von ihnen finden trotz guter Bildungsabschlüsse keinen Job – 40 Prozent der 15- bis 25-Jährigen sind arbeitslos.

Als Reaktion auf den „Parasiten-Satz“ des Verfassungsrichters gründete Abhijeet Dipke ein satirisches Online-Projekt und nannte es „Cockroach Janta Party” (CJP).  Allein auf Instagramm folgen mittlerweile 22 Million Menschen, damit hat die „Kakerlaken-Partei“ schon jetzt mehr Followers als Modis BJP. Die Aufnahmekriterien der „CJP“ sind unter anderen Arbeitslosigkeit, Faulheit und ständige Online-Präsenz.

Was sich auf den ersten Blick wie ein Internetgag einer unpolitischen Jugend anfühlt, hat jedoch ernste Hintergründe: Der Frust und die Ohnmacht gerade der gut gebildeten indischen Jugend ist abgrundtief, wie ich schon am Beispiel der „Teestand Philosophen von Rishikesh“ versucht habe, aufzuzeigen. Einer von ihnen ist mittlerweile in Deutschland. Auch Dipke, der Gründer des Kakerlaken-Protestes, hat sein Land verlassen und studiert an der Boston University in den USA und ist Experte für politische Kommunikation. Auch Millionen anderer junger indischer Menschen besitzen mittlerweile die Qualifikationen und Bildung um jederzeit ins Ausland gehen zu können.

Mit 100en von ihnen habe ich in den letzten Jahren gesprochen. Sie alle wissen, dass man im 21. Jahrhundert nicht mehr in Dreck, vergifteter Luft und Lärmterror leben muss, wie es in jeder größeren indischen Stadt Alltag ist. Immer mehr junge indischen Menschen haben schon mit Anfang 20 graue Haare und lassen sie sich wieder schwarz färben. Gründe: Stress. Verpestete Luft und schlechte Ernährung. Sie haben genug davon, sich für ein paar Hundert US-Dollar im Monat 16 Stunden am Tag von sogenannten indischen Start-Ups ausbeuten zu lassen. Deren Vertreter fordern regelmässig sogar eine 70 oder 84 Stunden Arbeitswoche. Auch die Geschäftslügen der Konzerne hat die progressive indische Jugend verstanden, schließlich haben viele von ihnen ihr erstes Geld damit verdient, beim Ausdenken neuer Luftschlösser gerade im IT-Bereich mitzumachen.

Wenn es mal so etwas wie eine politische Hoffnung gibt, endet sie so wie die Aam Aadmi Partei (AAP). Deren Vorsitzender und Chief Minister von Delhi Arvind Kejriwal wie andere hochrangige Parteimitglieder wurde vor der letztjährigen Wahl unter dem Vorwurf Korruption verhaftet. Nach der Wahl wurde die Regierung von der Justiz aufgefordert alle aus der Haft zu entlassen, weil die Richter nicht die geringsten Beweise für die Korruptionsvorwürfe gefunden hatten. Doch der Schaden war da: Die Aam Admi Partei verlor die Wahl an Modis BJP. 

9 Millionen von der Wahlliste gestrichen

Was die vielen anderen indischen Oppositionsparteien angeht, wie die indische Kongress Partei der Nehru-Gandhi Familie: Wenn die Abgeordneten in Gefahr geraten eine Wahl zu verlieren, wechseln sie einfach die politische Partei. So landen die meisten von ihnen am Ende bei Modis BJP. Was sind das in Indien noch für Wahlen, wo oft der Abgeordnete, den sie eigentlich abwählen wollten, im neuen Gewand aber mit altem Gehabe wieder vor ihnen steht. Oder wie jetzt im Bundesstaat West Bengalen, wo vor der Wahl 9 Millionen Menschen von den Wahllisten gestrichen wurden, vorwiegend Muslime .

Wie sollen junge Menschen denn in einer Demokratie etwas ändern, wenn sie keine wirkliche Möglichkeit haben Einfluss auf die Politik zu nehmen. Und im zivilen Bereich? Da werden unter Narendra Modi selbst Priester verhaftet, weil sie sich für die Landrechte von Ureinwohnern einsetzen, als Urban-Naxals (Großstadt-Terroristen) gebrandmarkt und ohne Verurteilung im Gefängnis eingesperrt, bis sie dort sterben.

Dass das Kakerlaken-Projekt von Dipke mit seinen 22 Millionen Followers nicht nur eine Chaistand-Idee ist, zeigt die nervöse Reaktion der Modi-Regierung: Die Behörden ließen den X-Account der „Kakerlaken-Partei“ sperren. Doch die reagierten auf ihre Weise. Mit einem neuen Account und der Botschaft: “Ihr dachtet, Ihr könntet uns loswerden? Lol.”

Der Aufstand der jungen Menschen in Bangladesch und in Nepal wurde auch gewalttätig, weil die Jungen nichts mehr zu verlieren hatten. In Indien sieht das anders aus. Viele von ihnen haben so gute Qualifikationen um einen gutbezahlten Job im Ausland anzutreten. So gibt es sogar Ähnlichkeiten zu den jungen Menschen in Deutschland. Streiks oder Steine schmeißen auf Demos? Das radikalste waren junge Menschen, die sich auf die Straße klebten, um an die Klimakatastrophe zu erinnern. Dort wurden sie dann beschimpft und teilweise geschlagen und nun wird ihnen der Prozess gemacht, Mitglied einer kriminellen Vereinigung zu sein.

 Eine der wenigen Gruppen die sich mit ihnen solidarisierten, waren ausgerechnet die Fussball-Ultras. Die hatten verstanden, was der überwiegende Teil der deutschen Mittelklasse nicht versteht, wenn sich wieder mal nicht mit Streikenden aus anderen Berufszweigen solidarisiert wird:. Zuerst wird die Letzte Generation (vor den Kipppunkten) als Kriminelle gebrandmarkt, dann trifft es uns Ultras.

Einem Freund und Kollegen aus der Schweiz gelang schriftlich, was mir bisher nicht vergönnt war. Nachdem er ein Theaterstück in Chur besucht hatte, aufgeführt von Millennials, begann Carsten Michels seinen Text mit den Zeilen: “Die Generation der Millennials ist nicht zu beneiden. Sie wurde in eine Welt hineingeboren, in der die Zuständigkeiten verteilt, die Mechanismen eingespielt, das Unheil vorprogrammiert und Träume eigentlich aussichtslos schienen. Das Lebensgefühl der heutigen Mittdreissiger und Mitdreissigerinnen erschöpft sich in einem schrecklichen Verdacht: nämlich nichts weiter tun zu können, als im grossen Karussell von Wirtschaftslogik, Klima-Irrsinn und verbrauchten Ideen herumzusausen. Und das Private? Befindet sich ebenfalls längst in Auflösung. Social Media kennt keine Privatheit, sondern nur Content – ob willentlich geteilt oder ungewollt. Millennials wären wohl am liebsten unsichtbar. Nur leider steckt mittlerweile eine Kamera praktisch in jedem Hosensack.”

Sie wehren sich anders: nicht mehr mitspielen

Unsichtbar sind sie scheinbar auch in der alten medialen Welt und ebenso politisch, aber deswegen schlucken sie nicht alles, sie wehren sich nur anders. Nicht mehr mitspielen. Wenn du die Mauer nicht einrennen kannst, untergrabe sie, denn was wird nicht alles von ihnen erwartet. Deutschland mit der Waffe vor den Russen retten. Wieder Wirtschaftswachstum schaffen und für die Rente von heute sorgen, im Wissen, dass sie selber keine mehr bekommen. Die morsche Infrastruktur sollen sie nebenbei auch wieder aufbauen und die Alten und Kranken pflegen. Sie reagieren darauf auf ihre Art. Teilzeit und freie Zeit als neuer Wohlstand. Dazu schon in jungen Jahren an die eigene Gesundheit denken. Yoga und Vegan, statt Malochen was einem keinen Freude macht und nebenbei seinen Körper kaputt arbeiten. Natürlich sind nicht alle Millennials so und auch nicht die meisten ihrer jungen Nachfolger. Doch auch die sind anders sensibilisiert: Als der Rapper Bushido in einem Interview damit prahlte, dass er gutes Geld mit Aktien von Waffenkonzernen verdiene, bekam er aus seiner Community so heftigen Gegenwind, dass er sich anschließend kleinlaut entschuldigen musste.

Doch der letzte Notplan, sich notfalls vom Acker zu machen, wird langsam flöten gehen, denn woanders sieht es immer öfters aus, wie daheim. Letztes Jahr engagierte mich ein Freund aus Melbourne für einen Tag als Berlin-Guide für seine Studenten der Melbourne Universität. Nach einem Besuch der Gedenkstädte Plötzensee ging es mit einer Fahrradtour an meinem Lieblingskanal bis zur höchsten Brücke. Dann sprangen alle 9,30 Meter in den Kanal. Anschließend ging es in einen Biergarten. Beim Selbstgebrauten hörte ich ihnen zu: „Warum sollen wir denn mehr arbeiten? Wir wissen doch schon heute, dass wir uns niemals auch nur eine kleine Wohnung in Melbourne kaufen werden können. Das Leben bei uns ist so teuer, dass wir es uns als Studenten nicht einmal leisten können, auch nur einmal im Monat auswärts Feiern zu gehen. Wie 14-Jährige ‘glühen’ wir zu Hause vor, bevor wir am Wochenende weggehen. Ansonsten halten uns die Alten eh für faul, verweichlicht und verantwortungslos.“ Yup, in Australien also alles wie daheim. Dass die Jungs und Mädels aus Melbourne alles andere als verweichlicht sind, kann ich bestätigen: Vom Biergarten ging es in der Nacht zurück zur Brücke, von der wir nochmal in den Kanal sprangen. Dann ging es in den Garten eines Freundes, wo es noch einen Happy-Chai gab. Trotzdem standen alle um 10.00 Uhr morgens zum Museums-Besuch auf der Matte.

Fürs Weglaufen gehen die Orte aus

Ob in Indien, Deutschland oder Australien: da fürs Weglaufen auf Dauer die Orte ausgehen, werden die jungen Menschen ihre Art zu kämpfen finden müssen. Freie Zeit als neuer Wohlstand ist jedoch nur ein neuer Maßstab. Wie und bei wem verdienst du dein Geld ein anderer. Volksentscheide wie „Deutsche Wohnen Enteignen“, die selbst von der Partei Die Linke verraten wurden, werden neu gestartet. Auch „Autofreies Berlin“ lebt als Utopie weiter und beim nächsten Anlauf wird hoffentlich verständlich gemacht, dass auch diejenigen davon profitieren würden, die ein Auto nicht nur aus Bequemlichkeit brauchen.

Der “Ihr dachtet, Ihr könntet uns loswerden? Lol”-Stinkefinger, ist nur ein sichtbarer Hinweis im Kampf einer Generation, die das Leben zu schätzen weiß und die mit Märtyrertum nicht viel anfangen kann. Von der Westküste in Goa, über die Berge Uttarakhands, bis nach West Bengalen. Überall sind es junge Menschen die sich an Protesten gegen Kohlegruben beteiligen, oder gegen das Abholzen von Bäumen protestieren und für den Erhalt der Straßenbahn in Kolkata. 

Es sind auch in Indien große Teile der alten Medien und die Politik, denen nicht mehr einfällt, als nach mehr Wirtschaftswachstum zu kreischen. Flankiert von einer Wirtschaft, der vorwiegend nur noch Verkaufslügen einfallen, während die Reichen (auch in Indien) immer reicher werden  und die Lebensgrundlagen der Menschen zerstört werden. In Indien sind 70 Prozent aller Oberflächengewässer verdreckt und so gibt es aktuell selbst in der indischen Hauptstadt New Delhi Wassernot.

Über Gilbert Kolonko:

Avatar-FotoGilbert Kolonko reist seit über 25 Jahren durch Indien, Pakistan, Nepal und Bangladesch. Er hat ein Buch über den Bürgerkrieg in Nepal geschrieben und eines über Pakistan. Dazu Artikel und Reportagen über den Subkontinent für deutsch- und englischsprachige Medien.