Der Online-Einkauf ist in jeder Hinsicht billig geworden. Schwindeleien gehören zum Geschäft und machen das Vertrauen in die Welt kaputt. Opfer kann jeder werden – auch ich.
Zwischen goldenen Sanddünen steht ein minimalistisch gedeckter Tisch. Die Teller und Kaffeetassen mit ihren quadratischen Untersetzern sind aus trendy Edelstahl und erinnern an das zeitlos sterile Design eines MacBooks.
„1+1 FREE ENDS TODAY“ prangt in Serifen-Schrift über der Instagram-Werbung. Das reicht, um mich auf die offizielle Website des Amsterdamer Tableware-„Ateliers“ zu locken. Hier wandern die ersten Produkte in den Warenkorb. Zur Bestellung kommt es – noch – nicht. Der Preis ist mir trotz des „Kauf eines und erhalte zwei“-Angebots zu hoch.
Am Tag darauf folgt eine Erinnerungs-E-Mail mit persönlicher Ansprache: „Es sieht so aus, als hättest du etwas liegen lassen …“ Und es gibt „exklusive“ 10 Prozent Rabatt obendrauf. Der Sale läuft. Ich beuge mich. Kann der Deal überhaupt besser werden? Einige Wochen später sehe ich die Edelstahl-Tasse mit Quadrat-Untersetzer wieder auf Instagram – bei einem anderen Verkäufer.
Eine generische Internetsuche nach „Edelstahl Tasse Design“ bringt prompt drei weitere Anbieter ans Licht. Alle haben irgendein „Collective“, „Studio“ oder „Atelier“ im Namen, alle verkaufen die Tassen mit Untersetzer, die sie angeblich selbst entworfen haben. Dazu kommt eine Horde Content Creator auf Instagram, die das Produkt mit bezahlter Werbung vermarkten und es teilweise sogar als ihre eigene Kreation ausgeben.
Der perfide Plan der Verkäufer besteht darin, Edelstahl-Massenware an gutgläubige Tableware-Laien wie mich zu verhökern. Mit der schönen heilen Welt der auf den Websites und Instagram-Posts beworbenen „art of socializing“ oder der „magic of shared meals“ hat das nichts zu tun.
Hashtag „kuratiert“
Einmal entlarvt begegnet mir das Muster immer wieder. Airbnb präsentiert mir Unterkünfte als „ein seltenes Fundstück, das normalerweise ausgebucht ist“. Bei der Konkurrenz booking.com ist beim gewünschten Hotel wie zufällig nur noch ein Zimmer frei. Und auf Amazon reihen sich die Artikel mit prominent gekennzeichnetem Rabatt aneinander. Wenn alles reduziert ist, ist nichts reduziert.
Selbst vermeintliche Nischenmarken arbeiten mit diesen Tricks, wie die Edelstahl-Tassen-Verschwörung beweist. Ihre in der Regel kaufstarke Zielgruppe sind Menschen, die auf Hashtags wie #analog, #curated oder #design anspringen. Wir lassen uns mit künstlich klein gehaltenen Auflagen, Countdowns, Wartelisten und Personalisierung ködern.
Persönlicher Rat vom Sprachmodell
Zusätzlich instrumentalisieren die Verkäufer Content Creator, um ihren generischen Produkten den Anschein von Persönlichkeit zu geben. Instagram schlägt mir innerhalb weniger Minuten drei verschiedene Creator vor, die euphorisch verkünden: „Ich glaube das 1+1 Angebot ist heute immer noch verfügbar 😳 😍“
Will ich mir Kaufberatung von sogenannter künstlicher Intelligenz oder anderen Nutzern holen, werde ich nur weiter in die Irre geführt. Suche ich mit ChatGPT nach einem Produkt, etwa den auf Amazon extrem beliebten Überwachungskameras für zuhause, spuckt mir der Chatbot einen gewohnt selbstbewussten Text aus: „Ich würde heute meist zu Hersteller XY greifen. Die Kameras bieten ein sehr gutes Preis-Leistungs-Verhältnis und funktionieren ohne Cloud-Abo.“
Die „Quelle“ der Recherche ist die Seite eines Kameraherstellers, der dort seine eigenen Produkte empfiehlt. Das Sprachmodell antwortet als fiktives „Ich“ und gibt der recycelten Eigenwerbung eine menschliche Note. Einen augenscheinlichen Betrug stellen dagegen die gefälschten Produktrezensionen bei Amazon dar. Manchmal sind sie so achtlos dahinkopiert, dass vor der Rezension noch die Bemerkung des Chatbots steht: „Hier ist eine beispielhafte positive Rezension für einen GPS-Tracker, die du z. B. für Amazon, eBay oder deinen Online-Shop verwenden kannst:“
Der Schwindel trübt den Blick auf die Welt
Wenn sich die Produkte selbst nicht mehr unterscheiden, brauchen Marken und Menschen für Verkauf und Kauf den Schein einer verlockenden Erzählung oder die trügerische Wärme von Empfehlungen, die in Wahrheit blutleere Erzeugnisse von Chatbots und Auftragsrezensenten sind.
Kommerziell lohnt sich das. „Das Schwindeln liegt in der DNA dieser Nation“, schreibtdie Autorin Jia Tolentino etwa über die USA, Mutterland von Meta-Chef Mark Zuckerberg, ohne dessen Plattform Instagram ich mir keine Edelstahl-Tasse mit quadratischem Untersetzer gekauft hätte.
Die alltäglichen Täuschungen zwischen Verkäufern und Kunden schleifen am Fundament unserer Beziehungen. Eine Umfrage des US-amerikanischen Instituts für Meinungsforschung Pew aus dem Jahr 2019 zeigt: 71 Prozent der Befragten finden, das Vertrauen untereinander sei gesunken. Knapp 60 Prozent rechnen damit, dass andere sie ausnutzen, sobald sich die Gelegenheit bietet. Zwei Drittel glauben, die Regierung halte ihnen wichtige Informationen bewusst vor.
Ein System, das Schwindelei fördert und belohnt, destabilisiert sich selbst. Hinter der Fassade wächst das Misstrauen und ein vages Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Entfremdung ist das Stichwort unserer Gegenwart. Wer es nicht mehr aushält, sehnt sich möglicherweise nach einer Vergangenheit, in der angeblich alles besser und einfacher war. Die Trendforscherin Anu Lingala bezeichnet das als regressive Nostalgie. „Make America Great Again“ ist wohl eine der bekanntesten Formen dieses Phänomens.
Mir wurde die Anwesenheit der Edelstahltasse schließlich unerträglich. Zu groß war die Scham, zu bedrückend die Erkenntnis. Sie endete als Geburtstagsgeschenk, das heute, vom neuen Besitzer ungeliebt und ungenutzt, in einer dunklen Kiste im Berliner Wedding vergammelt. Rund ein Jahr nach meiner verfluchten Bestellung sehen wir uns auf Instagram wieder: Der „1+1 FREE ENDS TODAY“-Sale läuft immer noch.
Vincent Först arbeitet als Redakteur und Autor. An der Universität der Künste lehrt er Texttheorie- und Textgestaltung. Wenn er nicht gerade an seinem Schreibtisch sitzt, organisiert er Kulturveranstaltungen in Berlin. Kontakt: Instagram, Mastodon, Bluesky. Dieser Beitrag ist eine Übernahme von netzpolitik, gemäss Lizenz Creative Commons BY-NC-SA 4.0.

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