Oh wie ist das schön! Der Klimawandel brachte uns herrliches Frühlingswetter, es ist Erdbeerzeit, die Russen sind noch immer nicht bei uns einmarschiert, es sieht ganz so aus, als ob wir mal wieder Fußballweltmeister werden, der hammerharte Chauvi mit dem Säuferblick, wie heißt er noch gleich, egal, der wird jedenfalls die FDP endgültig abwracken, und erwartungsfroh sehe ich dem nächsten European Song Contest entgegen: Die deutsche Unterhaltungsindustrie wird beim ESC 2027 mit einem singenden und tanzenden Buckelwal antreten. Leben kann ja so schön sein!

189 Gesetzentwürfe und Maßnahmen hat unsere Regierung nach eigenen Angaben im ersten Jahr ihrer Amtszeit im Kabinett verabschiedet. Einige Beispiele? Bitteschön:
Die 1.000-Euro-Prämie blieb den Arbeitgebern zum Glück erspart. Beschlossen wurde hingegen das neue Heizungsgesetz. Das besagt: Aufgrund der Inflation dürfen wir in Zukunft auch mit Bargeld heizen.

Die Bundestagsabgeordneten bekommen weiterhin ihre knapp zwölftausend € im Monat. Damit ist sichergestellt, dass Volksvertreterinnen nicht auf der Straße anschaffen und sich ihre Lebensmittel an einer Tafel abholen müssen. Die Rentenkasse wird aufgefüllt: 1,7 Millionen Beamte und Beamtinnen, 1.891 Abgeordnete der Landtage, 630 Abgeordnete des Bundestages und die Regierungsmitglieder müssen ab nächster Woche für ihre Altersversorgung monatliche Beiträge entrichten. Außerdem: Das neue Grundsicherungsrecht bewirkt, mit seinen Sanktionen, die härter ausfallen als das viel gescholtene Hartz-IV-System, dass Schmarotzern und Parasiten endlich Einhalt geboten wird! Der enorm kreative Bürokratieabbau in Deutschland erregt weltweit Bewunderung, und wegen der Wiedereinführung der Vermögensteuer, der Reform der Erbschaftssteuer und der rigorosen Erhöhung des Spitzensteuersatzes könnte ich stundenlang in frenetischen Applaus ausbrechen. Grund zu großer Freude sind auch die Luftverkehrssteuer (die festlegt, dass eine 45 kg leichte Frau fürs Fliegen in Zukunft nur die Hälfte von dem bezahlt, was ein 9o kg schwerer Mann abdrücken muss), dann die Einführung einer Mütterrente, die steigenden Subventionen für Agrardiesel sowie die Senkung der Mehrwertsteuer für’s Speisen&Trinken in der Gastronomie. Auch die Aufweichung des Lieferkettengesetzes trägt zur meiner guten Laune bei. Außerdem bin ich des Lobes voll, weil die tägliche Höchstarbeitszeit demnächst in eine Wochenarbeit umgewandelt wird, so dass Schichten bis zu 13 Stunden dauern können. Das ist übrigens auch ein sicheres Mittel, die Gewalt gegen Frauen einzudämmen.

Alexander Dobrindt, der Innenminister, der auch ein erfolgreicher Bettpfannen-Tester hätte werden können, erfand die „effektive Steuerung der Migration“, eine wunderbare Methode, die AfD kalt zu stellen, bevor sie demnächst verboten wird. Nur dieser herausragende Christdemokrat konnte in dem Zusammenhang eine enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Taliban in Gang setzen, und der Verlust unseres Truppenübungsplatzes Afghanistan wird wettgemacht durch unsere grandiosen Erfolge auf dem Schlachtfeld Ukraine. Minister Dobrindt sei Dank für die Durchsetzung westlicher Werte egal wo!

Glücklich macht uns auch die Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht. Und sehr zu begrüßen ist, wie energisch unsere Regierung das zur Zeit noch sinnlos durchökonomisierte Gesundheitswesen in Angriff nimmt. Wir können nun sicher sein, dass es im Kriegsfall den militärischen Bedürfnissen unterstellt wird: Krankenhäuser müssen an strategisch wichtige Orte umziehen, Feldbetten müssen allzeit für Soldatinnen und Soldaten frisch bezogen und das Personal muss jederzeit auf Lungendurchschüsse und Amputationen vorbereitet sein. Dass der Bund als flankierende Maßnahme den Zuschuss an die Krankenkassen um zwei Milliarden kürzen will, ist vernünftig und macht uns ebenfalls zufrieden und froh. Fest steht jetzt auch, dass im Falle eines Krieges die Schäden für die Zivilbevölkerung unerheblich sein werden, weil ein ausreichender militärischer Schutz jederzeit gewährleistet werden kann. Und weil Deutschland die Aufnahme in den UN-Sicherheitsrat erspart blieb, entwickelt unser Außenminister jetzt persönlich eine App zur sicheren Navigation Loop in Job in die Kanalisation.

Und sonst?

Naja, die atomare Rüstung wächst weltweit. Aber die Zeiten, in denen uns von politischen Spitzenkräften empfohlen wurde, bei einem Atomangriff die Aktentasche über den Kopf zu halten, sind vorbei. Heute signalisiert uns der Kanzler absolutes Vertrauen in den deutschen Stahlhelm. Dadurch werden alle Ängste ausgemerzt, zumal im allgemeinen Sprachgebrauch nicht mehr von „kriegstüchtig“ die Rede ist, sondern nur noch von „siegfähig“. Das zeigt der traditionell antimilitaristischen Grundhaltung des politisch linken Spektrums und ihren Schulstreikchaoten nachhaltig die Grenzen auf .…

Wenn es um Bildung geht, marschiert die Hamburger Schulbehörde in der ersten Reihe. Sie hat eine Kooperationsvereinbarung mit der Bundeswehr betreffend Bildungsangebote an Hamburger Schulen unterzeichnet. Das bedeutet, der Senat verpflichtet sich, die Bundeswehr darin zu unterstützen, Zugang zu Schulen zu bekommen. Bei den Auftritten der Soldaten im Unterricht handelt es sich selbstverständlich um ganz neutrale Informationsveranstaltungen zur politischen Bildung, man kann auch sagen, es geht darum, die militärische Präsenz in zivilen Bereichen auszuweiten und zu normalisieren. Ein wahrer Segen ist das Comeback des Vaterländisch-Soldatischen nicht nur in den Familien, nein, auch die Militärseelsorge ist optimal angepasst. Die evangelische und die katholische Kirche in Deutschland bekennen sich zu ihrem nationalen Kriegsherren, und die Kriegstheologie im Dienst an NATO und Nation findet breite Unterstützung. Jesus und Generalfeldmarschall Pistorius haben erklärt, die Auferstehung der deutschen Soldaten sei nunmehr garantiert.

Heiter stimmt mich auch, dass der größte Ballsaalkönig aller Zeiten 5.000 US-Soldaten aus Deutschland abziehen will und die Stationierung von SM-6-Raketen, Tomahawk-Marschflugkörpern und der Hyperschallraketen Dark Eagle stoppt. Das bringt Freude pur, denn es war ja immer klar: Die US-Mittelstreckenwaffen waren bloß als Übergangslösung geplant, bis eigene deutsche Mittelstreckenwaffen zur Verfügung stehen. Daran wird wird nun endlich mit Hochdruck gearbeitet. Das sichert Arbeitsplätze!

Und noch ein längst überfälliger und höchst begrüßenswerter Fortschritt: Amerikanische Touristen werden in Deutschland den gleichen Schikanen unterworfen wie deutsche Touristen bei der Einreise in die USA.

Narzisstische Persönlichkeitsstörungen inferiorer Staatschefs und die in aller Welt von ihnen zu verantwortenden Kriege sind mir hier keinen weiteren Kommentar wert. Die Widerwärtigkeiten geschehen „Vor dem Tor“. Da lasse ich mir vom Dichterfürsten mal die Feder führen:

(Anderer) Bürger:
Nichts Bessers weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen
Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei,
Wenn hinten, weit, in der Türkei,
Die Völker aufeinander schlagen.
Man steht am Fenster, trinkt sein Gläschen aus
Und sieht den Fluß hinab die bunten Schiffe gleiten;
Dann kehrt man abends froh nach Haus,
Und segnet Fried und Friedenszeiten.

Dritter Bürger
Herr Nachbar, ja! so laß ich’s auch geschehn:
Sie mögen sich die Köpfe spalten,
Mag alles durcheinander gehn;
Doch nur zu Hause bleib’s beim alten.

Zu Hause, ja, das ist Hamburg.
Da konnten die Bürger darüber entscheiden, ob olympische Spiele in der Stadt stattfinden sollen. Etwa 28.000 Plakate – bezahlt mit Steuergeldern – warben für ein „JA“: Teuer, aber vergeblich. Warum? Ganz einfach: Die ärmeren Stadtteile trauen es ihrem Senat einfach nicht zu, so eine Veranstaltung durchzuziehen. Die Herrschaften sind ja ohne Olympia schon total überfordert: Köhlbrand- und andere Brücken, der Hauptbahnhof, Radwege, Bürgersteige, Straßen-Baustellen, der Fernsehturm, Bauruinen, Migranten, Infrastruktur, Übertourismus, Verkehrschaos und steigende Mietkosten, Obdachlose, Krankenhäuser, Wohnungsmangel, Parkplätze, Preissteigerungen undsoweiterundsofort … Und diese absolut unglaubwürdigen Typen wollen uns noch Olympische Spiele obendrauf packen? Sind die denn größenwahnsinnig? Oder völlig Gaga? Wissen die nicht, wie’s hier unten aussieht?
Die reicheren Stadtteile sehen das natürlich anders. Leute mit Geld gehen den Unannehmlichkeiten in der Stadt elegant aus dem Weg, und die können sich dann auch die sauteuren Olympia-Tickets leisten…

Das olympische Sportfest ist ein milliardenschweres Kommerz-Spektakel, von dem letztlich nur ganz wenige etwas haben – und jede(r) weiß auch, wer sich bei diesem Spektakel die Taschen vollstopft. Es gibt nicht einen einzigen Grund, das korrupte Funktionärsgesindel in der Stadt willkommen zu heißen. Und so ist es kein Wunder, dass die Mehrzahl der BürgerInnen für die Aussagen auf den Olympia-Ja-Plakaten nur Hohn&Spott übrig hatte: Leere Versprechungen, blöder Lippenmüll, Lüge, Quatsch, dumm Tüch … Das Plakat mit dem Porträt des 1. Bürgermeisters der Freien und Hansestadt, Peter Tschenscher, behauptete an jeder Ecke: Olympia & Paralympics in Hamburg. Eine Chance für alle. Blablabla. Der Mann will uns verarschen. Oder weiß gar nicht, was er da redet…Nochmal der Dichterfürst:

Bürger:
Nein, er gefällt mir nicht, der neue Burgemeister!
Nun, da er’s ist, wird er nur täglich dreister.
Und für die Stadt was tut denn er?
Wird es nicht alle Tage schlimmer?
Gehorchen soll man mehr als immer,
Und zahlen mehr als je vorher.

Und Hamburgs Zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank plakatierte: Unsere Stadt. Unsere Spiele. Wie gelingt ein grünes Olympia? Irgendjemand muss der grünen Dame mal sagen, dass olympische Spiele eine große Umweltsauerei sind… Mit aller Macht versuchte man, das gemeine Volk einer Gehirnwäsche zu unterziehen: Das „Ja“ zu Olympia wurde gleichgesetzt mit einem „Ja“ zu Hamburg. BürgerInnen, die mit „Nein“ stimmen, sind keine „echten“ HamburgerInnen! Nein-SagerInnen sind unpatriotisch, die lieben unsere Stadt nicht, die sind unsolidarisch und sollen gefälligst ein schlechtes Gewissen haben …

Auf meine Frage, welche Werbeagentur diesen Plakatmüll zu verantworten hat, antwortete meine KI: „Da musst du den Senat fragen, ich weiß es nicht. Vermutlich war’s ein internes Team“. Ja, das scheint mir einleuchtend – so viel Schwachsinn entsteht nur ganz Oben. Hier eine Auswahl hirnloser Behauptungen auf den Senats-Plakaten: Dein Ja macht Hamburg zur Nummer 1! Hä?
Olympia lehrt uns Zusammenhalt mit Zukunft! Wie bitte? Ja, ich will goldene Momente erleben!
Dafür braucht man doch kein Olympia. Genauso wenig wie Für weniger Hürden im Alltag und im Alter oder Für mehr Tempo in Sachen Barrierefreiheit. Besonders unsympathisch, wie man an die vermeintliche Gier der HamburgerInnen appelliert und die Not vieler Menschen instrumentalisiert:
Mit Olympia bleibt Hamburg stabil, auch was die Mieten angeht,
Nur mit Olympia streichen wir Gelder aus Berlin ein,
Mit Olympia wird ganz Hamburg größere Brötchen backen,
Butter bei die Fische: Die Spiele werden zum Kassenschlager,
Olympia erhöht die Schlagzahl unserer Wirtschaft.

Nichts davon ist bewiesen. Und die TV-Köchin Cornelia Poletto verwechselt Olympia mit Vanillepudding:
Olympia ist ein langfristiges Erfolgsrezept. Udo Lindenberg stellt fest, eher lakonisch und lustlos: Olympia – Cooles Ding! Ok, das ist ein sehr gutes Argument, aber „Geiles Ding“ wäre noch viel aussagestärker gewesen. Und schließlich: Viel Beifall fand ein Transparent, das im Hamburger Hauptbahnhof hing: Nächster Halt: Moderne Mobilität. Ja, die Olympia-Campagne des Hamburger Senats sorgte für Maximale Gänsehaut.
Angesichts dieser absolut gedankenfreien Plakataktion habe ich den Verdacht: Der Senat stand insgeheim auf der Seite der Nein-SagerInnen und wollte die Stadt nur ein wenig veralbern. Ergebnis: Olympia findet nicht statt. Jedenfalls nicht in HH. Das ist ein Grund zu großer Freude. Ich sagte ja schon: Leben kann ja so schön sein – wenn man es richtig betrachtet.

Dieser Beitrag ist eine Übernahme aus dem Blog des Autors, mit seiner freundlichen Genehmigung.

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