Die WM in NYC und Bremen – wie alles mit allem zusammenhängt

Der Ball rollt. Ich habe noch nichts gesehen (aber aufgezeichnet). Befreundete Beueler NYC-Pendler*innen sind z.Z. drüben, aber weit genug weg, um nichts von dem mitzubekommen, was Sebastian Moll/taz berichtet: Fußball-WM in New York: Die einheimischen Communitys feiern den World Cup – Auf dem Times Square ist nichts los, in den den Vierteln jenseits der großen Touristenhotelmeilen umso mehr. Dort feiern die Menschen aus Mexiko und Puerto Rico.” Auch Osman Engin, einst ein Kabarettstar auf Cosmo, aber dort längst weggespart, würde gerne feiern, aber seine Frau …

Osman im WM-Fieber – Kolumne Alles getürkt – Vor der Fußballweltmeisterschaft scheucht seine Frau unseren Kolumnisten vor die Tür. Was dann passiert, beruht auf einem folgenschweren Missverständnis.” Dä. Als Mann hat mann es nicht leicht.

Die Überschrift ist von Wolfgang Kaleck. Er wird hier für die FR von Veteran Arno Widmann interviewt. Sie werden wie ich erst Unmengen an Popup-Werbemüll der Ippen-Gruppe zur Seite räumen müssen (ein Interview mit Veronika Kracher wurde dennoch in einer Paywall vermauert). Kaleck jedenfalls lohnt sich. Zwar spricht er pro domo und überschätzt in meinen Augen die Juristerei (geringfügig), aber seine Wahrnehmung der realen Welt und ihrer Aufmerksamkeitsökonomie wird selten so zutreffend beschrieben:

Menschenrechtsanwalt Wolfgang Kaleck: ‘Jeder kann etwas tun’ – Der Menschenrechtsanwalt Wolfgang Kaleck über die juristischen Möglichkeiten, gegen die Untaten der Mächtigen vorzugehen, und über äußerst geringe Erfolgschancen. Dazu eine Ermunterung, dennoch nicht die Hände in den Schoß zu legen.”

Eine Schlüsselpassage: “Wenn wir die mehr als acht vergangenen Jahrzehnte Jahr für Jahr durchgehen, werden wir weiter die brutalsten, grausamsten Kriege und Bürgerkriege, Menschenrechtsverletzungen vielfältigster Art wiederfinden. Allerdings mit einem kleinen Unterschied: Die Kommunikation war damals noch nicht so weit entwickelt wie heute. Früher dauerte es länger, bis die Nachrichten aus den Kriegen zu uns kamen. Heute spielt sich dagegen das alles fast in Echtzeit ab. Heute werden wir bombardiert mit schlechten Meldungen. Das trägt zu dem weitverbreiteten Gefühl bei, die Welt sei heute schlechter als früher. Ich glaube das nicht. Es erreichen uns nur mehr Nachrichten immer schneller.”

Zu den aktuell wirkenden menschenhassenden Despoten: “Heute sehe ich die Gefahr, dass die Fülle schlechter Nachrichten, ihre Omnipräsenz in uns das Gefühl der Hilflosigkeit übermächtig werden lässt. Autoritäre Herrscher wissen das nur zu gut. Donald Trumps zur Schau gestellte Bereitschaft, jederzeit, wo immer er mag, zuzuschlagen, soll Schrecken verbreiten. Die Menschen sollen allein schon durch die Geschwindigkeit, mit der eine Drohung die andere ablöst, überwältigt werden. Und sie sind es.”

In dem Interview erörtern Widmann und Kaleck auch die Frage, ob Donald Trump zur Rechenschaft gezogen werden kann. Zu dieser Frage hat die New York Times eine neue Recherche geliefert, über die der Spiegel auf Deutsch kurz berichtet (und immerhin zum Original verlinkt, was die “digitale” taz-Redaktion bis heute nicht schafft). Jämmerlich, aber ich will nicht abschweifen …

Die NYT-Recherche legt einen Interessengegensatz offen, den Stephen Holmes im IPG-Journal schon analysiert hatte, und der auf anschaulichste Weise das Zentrum des Weissen Hauses erreicht hat, in dem der rechtsradikale Vizepräsident das Abtreten des rechtsradikalen Präsidenten nicht mehr erwarten kann. In diesem Konflikt bleibt uns der Trost: egal, wie er ausgeht, es trifft keinen Falschen. Mein Tipp: Trump fährt als erster zur Hölle.

Sehen Sie: und deswegen ist die WM politisch relevant.

Über Martin Böttger:

Avatar-FotoMartin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
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